Bieler Firma Sputnik vor dem Aus – 271 Mitarbeiter betroffen

Der Bieler Solarwechselrichterhersteller ist pleite. Der Preiszerfall am Markt hat ihn in die Knie gezwungen. Für die Mitarbeiter ist der Konkurs gestern trotz Anzeichen völlig überraschend gekommen.

Christoph von Bergen, Gründer, Inhaber und CEO der Sputnik Engineering AG in Biel. (Archivbild)

Christoph von Bergen, Gründer, Inhaber und CEO der Sputnik Engineering AG in Biel. (Archivbild) Bild: Iris Andermatt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Donnerstagmorgen, 9.30 Uhr, Länggasse 85, im Gebäude der Sputnik Engineering. Christoph von Bergen, Mitgründer des Unternehmens im Jahr 1991, heute Geschäftsführer und alleiniger Besitzer, stellt sich vor die Belegschaft. Er teilt den knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit, dass die Produktion ab sofort stillsteht. Bis 14.30 Uhr müssen alle ihre Arbeitsplätze geräumt und das Gebäude verlassen haben.

Die Sputnik werde am Freitag, 28. November, die Bilanz beim Konkursrichter deponieren, sagt von Bergen. Der Lieferanteneingang wird zugemacht, an den Toren werden Schilder angebracht: «Betrieb geschlossen! Warenanlieferungen nicht möglich!». Beim Haupteingang postieren sich Securitas-Wachleute, niemand darf mehr ins Gebäude gehen. Vom Moment an, da feststeht, dass ein Unternehmen in Konkurs geht, hat die Geschäftsleitung kaum noch Befugnisse, die Firma darf ihre Güter nicht mehr selber verwalten.

Kein Sozialplan

Eine Stunde später stellt sich Christoph von Bergen den Medien. Nach ein paar Minuten sagt er: «Es ist eine ganz, ganz traurige Situation.» Dann versagt ihm die Stimme, seine Augen füllen sich mit Tränen. Bernhard Weissberg, ehemaliger «Blick»-Chefredaktor und heute Kommunikationsberater, springt ein. Es gebe ein Jobcenter für die Mitarbeiter, ein Careteam befinde sich in der Firma für jene, die Hilfe brauchten, ein Gegenüber zum Reden. Einen Sozialplan gibt es bei einem Konkurs nicht. Gegen Mittag trifft sich ein Teil der Mitarbeiter in der Kantine, von aussen sieht es aus wie immer. Das Essen wird ihnen offeriert.

Wie konnte es so weit kommen? Im Raum der Medienkonferenz steht an der Wand ein 100-Kilowatt-Wechselrichter aus dem Modelljahr 2010. Sein damaliger Preis: 25'000 Euro. Der Preis eines vergleichbaren Geräts im Jahr 2014: 10'000 Euro. Das Beispiel illustriert den ruinösen Preiskampf am Markt, der die Sputnik schliesslich in die Knie gezwungen hat.

Besonders bitter: In Europa hat Sputnik Engineering in diesem Jahr sogar Marktanteile gewonnen. Sie hat mehr Wechselrichter verkauft als letztes Jahr und hätte den Umsatz etwa in der gleichen Höhe von 70 Millionen Franken halten können – wegen des Preiszerfalls sank aber die Rentabilität. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 hatte der Umsatz noch über 140 Millionen Franken betragen.

Es ist nicht nur die Sputnik, die leidet. Die Nummer 1 der Wechselrichterhersteller, die deutsche SMA, hat in den ersten drei Quartalen dieses Jahres 70 Millionen Euro Verlust geschrieben. «Dass sich der Markt noch schlechter entwickeln würde, als wir letztes Jahr angenommen hatten, konnten wir nicht wissen», sagt von Bergen. Statt der erwarteten 10 musste Sputnik mit den Preisen um 17 Prozent runtergehen.

Niemand wollte kaufen

War denn kein anderer Weg mehr möglich? «Wir haben alles versucht», sagt von Bergen, «davon bin ich felsenfest überzeugt.»

Ein weiteres Restrukturierungsprogramm nach jenem von 2013, als es bereits zu Entlassungen kam? «Wir haben das mit externen Spezialisten geprüft. Doch auch damit wäre man nicht in die schwarzen Zahlen gekommen.»

Ein Verkauf? «Wir hatten über 100 Kontakte weltweit, auch zu strategischen Interessenten. Wir sind zu keiner Lösung gekommen.» Es ist ein gnadenloser Verdrängungsmarkt, jeder verbliebene Teilnehmer ist froh, wenn ein anderer verschwindet.

Die Diversifizierung in andere Produkte? «Unsere Entwicklungsabteilung war bereits ausgelastet, um Schritt halten zu können. Die guten Geräte am Markt sind alle etwa auf dem gleichen Level.»

War der Neubau zu teuer? «Wir hatten ein vernünftiges Finanzierungssystem. Die Mietkosten waren nicht entscheidend.»

Vor einigen Tagen blieb dem Verwaltungsrat dann nichts anderes mehr übrig, als den Konkurs zu beschliessen. Für die Mitarbeiter war der gestrige Tag ein Schock. Ohne Vorwarnung erfuhren sie innert Sekunden, dass sie ihre Stelle verlieren würden. Mit dem Konkurs haben sie nicht gerechnet, dass Massnahmen bevorstehen, haben sie vermutet.

Anzeichen für das Aus

In einem E-Mail teilte die Geschäftsleitung am Montag mit, dass die Novemberlöhne gesichert seien, aber mit Verspätung ausbezahlt würden. Die Angestellten waren verunsichert, noch Anfang November war an der traditionellen «Monatsinfo» nicht davon die Rede gewesen, wie schlimm es um die Firma stand. Am Dienstag wurden die Lieferungen ans Lager in Deutschland gestoppt, am Mittwoch erfolgte die Einladung für die gestrige Information.

Am Donnerstag um halb drei verliessen die letzten Mitarbeitenden das Gebäude. Bei einigen hat sich Christoph von Bergen noch persönlich für ihren Einsatz bedankt. Manche haben in den letzten Stunden in der Sputnik Engineering mit Wein und Bier angestossen, andere haben geweint. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.11.2014, 07:35 Uhr

Artikel zum Thema

Sputnik Engineering streicht 52 Stellen

Biel Die Bieler Sputnik Engineering streicht im Rahmen ihrer Restrukturierung weniger Stellen als geplant. Betroffen sind von den Kündigungen nun 52 Mitarbeitende. Mehr...

Sputnik Engineering AG will bis zu 70 Stellen abbauen

Biel Die Bieler Sputnik Engineering AG will im Rahmen einer Restrukturierung bis zu 70 ihrer gegenwärtig 300 am Hauptsitz tätigen Angestellten kündigen. Mehr...

Italien behindert Bieler Solarfirma

Biel Italien schottet seine Solarindustrie gegen die Billigkonkurrenz aus China ab – trifft damit aber auch die Bieler Solarfirma Sputnik Engineering. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...