Baustreit, wo bald edle Roben auftauchen

Hintergrund

Samih Sawiris' Vorzeigehotel in Andermatt geht in den Endspurt. Kabel ziehen, Wände streichen – im September ist Übergabe. Da machen sich Löhne von 9.90 Euro und verweigerte Transporte schlecht.

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Am 6. Dezember pilgert die Promiwelt ins verschneite Andermatt. Dann nämlich wird das erste fertige Gebäude von Samih Sawiris' Tourismus-Resort, das Hotel The Chedi, offiziell und feierlich eröffnet. Bereits im September übergibt Sawiris' Andermatt Swiss Alps das Hotel der gehobenen Klasse an die Betreiberfirma General Hotel Management.

Es ist also Endspurt auf der Baustelle angesagt. 400 Bauleute und Handwerker legen Hand an: Kabel ziehen, Sanitäranlagen fertigstellen, Böden legen und Wände streichen. Doch ausgerechnet jetzt tauchen neue Ungereimtheiten bei der Bezahlung von Arbeitern auf. Die Folgen: Warnstreiks, Verzögerungen und miese Stimmung. Genau das, was Sawiris wenige Wochen vor der Übergabe nicht gebrauchen kann.

27 Franken gemäss GAV

Was ist passiert? 30 Elektriker – zumeist Ungarn – haben sich bei der Unia über Missstände beschwert. Laut der Gewerkschaft erhielten sie zu tiefe Löhne, und das Geld wurde verspätet ausbezahlt. Die Männer hatten einen Stundenlohn von 9.90 Euro auf der Abrechnung. In der Schweiz gilt der Ansatz von 27 Franken plus Spesen. Weil sich die Arbeiter zur Wehr setzten, wurde einem Teil von ihnen gekündigt.

Am Dienstag legten die Betroffenen auf der Baustelle in Andermatt deshalb ihre Arbeit nieder. Angestellt sind die Elektriker von der deutschen Beltec, diese wiederum arbeitet im Subverhältnis für eine andere Firma.

Zu neunt in einer Wohnung mit einem Bad

Beltec selber legt sich nun quer. «Heute Morgen verweigerte der in Andermatt zuständige Beltec-Mann seinen Mitarbeitern die Fahrt vom Wohnort Göschenen auf die Baustelle im Urserntal», weiss Giuseppe Reo von der Unia. Da läuft nun offenbar ein Katz-und-Maus-Spiel ab. Neben verweigertem Personentransport verpackte der Beltec-Mann die Kleider der gekündigten Mitarbeiter demonstrativ in Säcke und stellte diese vor den Baucontainer.

Reo von der Unia regt sich auf: «Da wird die Situation dieser osteuropäischen Arbeiter schamlos ausgenützt.» Neben Dumpinglöhnen bemängelt er weitere Missstände. «Diese Männer hausen zu neunt in einer Wohnung mit einem Bad. Und dafür bezahlen sie je noch 320 Franken, obwohl der Arbeitgeber das zur Verfügung stellen müsste.»

Stellt sich allenfalls die Frage, warum es trotz Gesetzen und Branchenregelungen überhaupt noch immer möglich ist, Arbeiter zu solchen Bedingungen anzustellen. In Andermatt herrscht darob Einigkeit: Man wurde von Beltec «wissentlich hinters Licht geführt». So zumindest hiess der Wortlaut einer gemeinsam von Sawiris' Andermatt Swiss Alps und der Unia verschickten Erklärung.

Eine Kaskade von Subunternehmern

Das dahinterstehende Problem dürfte allerdings bekannt sein. Über eine Kaskade von Firmen und Unterfirmen gelangt ein Auftrag schliesslich an das ausführende Unternehmen. Zwar müssen Arbeitsverträge von Ämtern und Auftraggebern kontrolliert werden. Allerdings werden Kontrollen und Verantwortlichkeiten in dem Masse erschwert, wie die Zahl Beteiligter steigt.

Pikant an der Sache: Hinter der Firma Beltec sollen die gleichen Leute stehen, die mit einer anderen Firma bereits im letzten Jahr auf der Sawiris-Baustelle in Andermatt wegen Missständen aufgefallen sind. «Damals waren es polnische Arbeiter, die in der gleichen Wohnung hausten, in der nun die Beltec-Leute wohnen», weiss Reo.

«Die Bezahlung für die nächsten Tage ist gesichert»

Für Sawiris' Vorzeigeprojekt The Chedi eilt derweil die Zeit. Deshalb hat man sich in Andermatt gestern an einen runden Tisch gesetzt. Für die gekündigten Ungarn soll eine Lösung gefunden werden. «Die Bezahlung für die nächsten Tage ist gesichert», sagt Reo von der Unia. Die Elektriker, die gestern gestreikt haben, sind wieder auf der Baustelle.

Beltec selber macht sich rar. Weder hat man am runden Tisch teilgenommen, noch war die Firma für Unia erreichbar. «Man hat uns mit allgemeinen Statements abgespeist», sagt Reo. Bernerzeitung.ch/Newsnetz kennt die Namen der Beltec-Verantwortlichen, konnte sie aber für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Ein Imageschaden?

Die Fertigstellung des Chedi werde sich wegen des Streits nicht verspäten, sagt der Sprecher von Andermatt Swiss Alps, Markus Berger. «Wir müssen immer mit Schwierigkeiten rechnen, aber deswegen wird sich die Abgabe nicht verzögern.» Und wegen des Imageschadens macht er sich auch keine Sorgen: «Wer ein so grosses Projekt hat wie das Unsere, der muss damit rechnen, dass alles was passiert sofort mit einem in Verbindung gebracht wird.»

So werden also – wenn nicht noch weitere Ungereimtheiten auftauchen – am 6. Dezember termingerecht die Schönen und Reichen dieser Welt im Chedi einmarschieren und das Prestigeprojekt im winterlichen Urserntal feiern.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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