Auto-Ersatzteile um bis zu 300 Prozent verteuert

Renault, Peugeot und Citroën stehen unter Kartellverdacht. Schweizer Kunden sind auch betroffen.

Ausgeklügelte Software: Ein Programm berechnet die Preise für Ersatzteile aufgrund der maximalen Zahlungsbereitschaft – nicht über Kosten und Margen. Bild: Keystone

Ausgeklügelte Software: Ein Programm berechnet die Preise für Ersatzteile aufgrund der maximalen Zahlungsbereitschaft – nicht über Kosten und Margen. Bild: Keystone

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Ende der 2000er kostete ein Lenkrad für einen Peugeot 208 plötzlich 399 statt 156 Euro. Der Preis für einen Türgriff bei einem Renault Laguna vervierfachte sich sogar fast, auf 74 Euro. Und die Kosten für einen Seitenairbag für einen Citroën Xsara stiegen von 192 auf 282 Euro.

Seit dieser Zeit müssen Kunden dieser beiden Hersteller für Zehntausende Ersatzteile massiv mehr bezahlen. Weltweit nahmen die beiden Konzerne so 1,5 Milliarden Euro zusätzlich ein. Dies zeigen vertrauliche Dokumente, die das französische Onlinejournal Mediapart mit dem Netzwerk von European Investigative Collaborations, der belgischen Zeitung «De Standaard» und Bernerzeitung.ch/Newsnet teilte.

Am Anfang dieser wundersamen Entwicklung steht eine ausgeklügelte Software der Beratungsfirma Accenture. Das Prinzip: Die Software berechnet den Verkaufspreis der Autoersatzteile nicht anhand von Produktionskosten und Marge, sondern mithilfe eines psychologischen Modells, das die maximale Zahlungsbereitschaft der Kunden kalkuliert.

Statt sich an den Herstellungskosten zu orientieren, richtet die Software die Preise am teuersten Ersatzteil einer Produktfamilie aus. Damit das nicht auffällt, werden nur 70 Prozent der Ersatzteile verteuert – normalerweise diejenigen, die am häufigsten nachgefragt werden –, 20 Prozent der Teile werden billiger gemacht, der Rest bleibt unverändert. So kommt es zu Preissteigerungen von 20 bis 300 Prozent.

Hohe Margen für Ersatzteile

Ersatzteile sind für die Autobauer eine wichtige Einnahmequelle. Die Margen sind sehr hoch. Gemäss den Dokumenten machen sie 9 bis 13 Prozent des Umsatzes der beiden Konzerne aus – aber bis zu 50 Prozent des Nettogewinns. Bei vielen Ersatzteilen gibt es kaum oder gar keine Konkurrenz. Die Kunden sind auf Gedeih und Verderb auf die Teile ihrer Automarken angewiesen, was eine Preistreiberei begünstigt.

Vor allem sichtbare Originalteile lohnen sich. Dort besitzen die Konzerne in mehreren europäischen Ländern ein Monopol – abgesichert durch den Designschutz, der einen Nachbau verbietet.

Renault hat als einer der ersten Autobauer auf die Software namens Partneo gesetzt. Die Resultate waren so spektakulär, dass das Programm 2008 mit einem «Super-Award für Profitabilität» ausgezeichnet wurde.

Laut den vertraulichen Unterlagen erhöhte Renault die Preise für konkurrenzlose Ersatzteile dank Partneo im Durchschnitt um 15 Prozent. Der jährliche Umsatz sei so um 102 Millionen Euro gestiegen. Das wären bis heute zusätzliche Einnahmen von über 800 Millionen. Renault widerspricht dem, legt aber selber keine anderen Zahlen vor. Der Konzern schreibt auf Anfrage, diese Angaben entsprächen nicht den eigenen Berechnungen und seien ohnehin vertraulich. Dass die Software zum Einsatz kommt, dementieren sie nicht.

Gemeinsamer Marktanteil von 12 Prozent

Eine Aufschlüsselung nach Land findet sich in den Dokumenten nicht. Es gibt aber keinen Grund, daran zu zweifeln, dass auch Kunden der französischen Autobauer in der Schweiz von den happigen Preiserhöhungen betroffen sind. Renault, Peugeot und Citroën hatten letztes Jahr bei den Neuzulassungen in der Schweiz einen Marktanteil von 12 Prozent.

Die Schweizer Renault-Vertreter haben auf eine Anfrage nicht reagiert. PSA Schweiz, also Peugeot und Citroën, wollte sich nicht zu konkreten Fragen äussern und betonte lediglich, man verfolge selbstverständlich das Ziel, auf dem Schweizer Markt mit Qualitätsprodukten konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Gewinnmaximierungs-Software mag aus ethischer Sicht fragwürdig sein – rechtlich gesehen ist sie unproblematisch. Fragezeichen gibt es aber bei den Methoden von Softwarehersteller Accenture. Gegen ihn gibt es massive Vorwürfe, und zwar vom Entwickler der Software selbst, dem französischen Berater Laurent Boutboul.

Entwickler der Software hat Klage eingereicht

2010 übernahm Accenture seine Firma, mitsamt Partneo-Software. Dabei verkrachten sich der Entwickler und Accenture. Inzwischen hat Boutboul am Handelsgericht in Paris eine Zivilklage gegen Accenture, Renault und PSA eingereicht. Er wirft den Firmen vor, mit seinem Algorithmus die Preiserhöhungen zwischen mehreren Herstellern zu koordinieren und damit gegen die Wettbewerbsgesetze zu verstossen.

Was steckt dahinter? Nach dem durchschlagenden Erfolg mit der Software bei Renault wurde Accenture bei PSA vorstellig. Ein Accenture-Verkäufer versprach PSA eine Preiserhöhung zwischen 10 und 20 Prozent bei den Ersatzteilen. «Wie in unseren vorherigen Sitzungen besprochen, basieren diese Zahlen auf den jüngsten Erfahrungen mit anderen Autoherstellern», schrieb er. Accenture hatte PSA auch gesagt, früher schon mit Peugeot zusammengearbeitet zu haben. In einer Verkaufspräsentation bei PSA prahlte Accenture damit, mit der Software bei Renault den «Super-Award für Profitabilität» gewonnen zu haben.

Accenture schreibt auf Anfrage, man tausche nie sensible oder vertrauliche Informationen zwischen Kunden aus und halte alle vertraglichen und rechtlichen Verpflichtungen ein. Renault seinerseits betont, sich nie in irgendeiner Form mit PSA koordiniert zu haben.

Software spülte 675 Millionen Euro in die Kasse

Diese Verteidigung steht allerdings im Widerspruch zu schriftlichen Zeugenaussagen eines früheren Mitarbeiters von Laurent Boutbouls Firma. Ihm zufolge hat Accenture dem Verantwortlichen für Ersatzteile bei PSA vorgeschlagen, seinen Kollegen bei Renault zu treffen, um Zweifel bezüglich des Potenzials von Partneo aus dem Weg zu räumen. Wenig später, so die Zeugenaussage, habe ein PSA-Verantwortlicher bestätigt, dass das Treffen stattgefunden und er «sehr positives Feedback» erhalten habe.

Boutboul ist mit seinen Vorwürfen nicht allein. Auch Schriftstücke von Accentures Juristen und Beratern belasten die Unternehmensberatung. Aus E-Mails geht hervor, dass sie vor dem Risiko warnten, Wettbewerbsbehörden könnten das Beratungshaus als Vermittler eines Preiskartells im Teilemarkt zur Verantwortung ziehen. Ein Rechtsbeistand von Accenture aus London warnte vor «wettbewerbsrechtlichen Risiken» durch die Anwendung von Partneo.

Zufall oder nicht: Gemäss einem vertraulichen Dokument hat PSA dank Partneo bei den konkurrenzlosen Ersatzteilen eine durchschnittliche Preiserhöhung von 15 Prozent erreicht – genau gleich viel wie zuvor auch Renault. Insgesamt habe die Software PSA bis heute 675 Millionen Euro zusätzlich in die Kasse gespült.

Renault dementiert, dass es je zu dem vom Zeugen beschriebenen Kontakt mit PSA gekommen sei. Accenture und PSA bestreiten ebenfalls jegliche Koordination, ohne aber auf die Frage nach einem Kontakt zwischen den beiden Autobauern einzugehen. Das Gericht hat also noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

«Die vorliegenden, allerdings unvollständigen Indizien ergeben den begründeten Verdacht einer horizontalen Preisabsprache.»Auszug aus Bericht

Um seine Vorwürfe von Preisabsprachen zu untermauern, beauftragte Laurent Boutboul schon mal eine der wichtigsten französischen Expertinnen auf dem Gebiet, Emmanuelle Claudel, ausserordentliche Professorin für Wettbewerbsrecht an der Universität Paris II Panthéon-Assas, mit einem Gutachten.

Das Fazit ihres 46-seitigen Berichts ist eindeutig: «Die vorliegenden, allerdings unvollständigen Indizien ergeben den begründeten Verdacht einer horizontalen Preisabsprache zwischen Renault und PSA mit Accenture als Vermittler.» Die Professorin fügt hinzu, dass deshalb eine Untersuchung durch die Wettbewerbshüter der Europäischen Kommission angebracht sei. Kläger Laurent Boutboul will sich nicht zur Angelegenheit äussern.

Die Schweizer Wettbewerbskommission Weko kommentiert die mögliche Preisabsprache zwischen den französischen Autokonzernen ebenfalls nicht. Wenn ihnen tatsächlich Absprachen nachgewiesen werden können und die Preiserhöhungen auch die Schweizer Kunden betreffen, dann käme auch das schweizerische Wettbewerbsrecht zur Anwendung. «Und das, selbst wenn die betroffenen Unternehmen ihren Sitz im Ausland haben», erklärt der ehemalige Weko-Präsident Vincent Martenet. Diese Praxis hat das Bundesgericht in einem Entscheid zum deutschen Autohersteller BMW letzten Herbst bestätigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 11:08 Uhr

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