Air Berlin meldet Insolvenz an

Deutschlands zweitgrösste Fluggesellschaft ist pleite. Die Lufthansa und die Bundesregierung bieten jedoch ihre Hilfe an.

Die krisengeschüttelte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin ist insolvent. (Video: Tamedia/AFP)

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Die zweitgrösste deutsche Fluggesellschaft stellte heute mitten in der deutschen Ferienzeit einen Insolvenzantrag, nachdem der Grossaktionär und Geldgeber Etihad Airways ihr den Geldhahn zugedreht hatte.

Der Flugbetrieb werde aber fortgeführt, teilte die krisengeschüttelte Fluggesellschaft mit. Alle gebuchten Tickets bleiben gültig. Die deutsche Regierung stellt für den Flugbetrieb einen Übergangskredit in Höhe von 150 Millionen Euro zur Verfügung. Nachdem Hauptaktionär Etihad erklärt habe, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, sei man «zu dem Ergebnis gekommen, dass für Air Berlin keine positive Prognose für ein Fortbestehen mehr besteht», schreibt Air Berlin.

Vor diesem Hintergrund stellte die Fluggesellschaft beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Bei dieser Variante des Insolvenzverfahrens führt das Management das Unternehmen weiter.

Seit Jahren Verluste eingeflogen

Air Berlin fliegt seit Jahren Defizite ein. 2016 lag der Verlust bei 780 Millionen Euro. Die Lage verschärfte sich Ende März mit der Umstellung auf den Sommerflugplan. Flugausfälle und Verspätungen häuften sich danach.

Etihad könne kein weiteres Geld bereitstellen, erklärte die Airline aus Abu Dhabi am Dienstag. Diese Entwicklung sei äusserst enttäuschend für alle Beteiligten, vor allem da Etihad in den letzten sechs Jahren weitreichende finanzielle Unterstützung für Air Berlin während früherer Liquiditätskrisen und für deren Sanierungsbemühungen gewährt habe.

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Erst im April habe Etihad weitere 250 Millionen Euro zugeschossen. Laut Etihad hat sich das Geschäft von Air Berlin jedoch in einer beispiellosen Geschwindigkeit verschlechtert. Als Minderheitsaktionär könne Etihad kein weiteres Geld zuschiessen und das eigene Risiko erhöhen. Die Fluggesellschaft war 2011 bei Air Berlin eingestiegen und hält knapp 30 Prozent an der Airline.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Air Berlin, die seit Bestehen der Airline eine hervorragende Arbeit geleistet hätten, sei die Nachricht ein Schock, teilte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit mit. Etihad lasse Air Berlin fallen wie eine heisse Kartoffel, obwohl neue Investoren Interesse signalisiert hätten.

Ziel des Insolvenzverfahrens ist es laut Air Berlin, «die bereits eingeleitete Restrukturierung fortzuführen». Unterstützung erhält die Fluggesellschaft dabei auch von der Lufthansa, die am Kauf von Teilen der Gruppe interessiert ist. Lufthansa beabsichtigt nach eigenen Angaben, die Verhandlungen zu einem schnellen und positiven Ergebnis zu führen.

Gebuchte Tickets weiterhin gültig

Air Berlin erklärte, dass die Verhandlungen mit Lufthansa und weiteren Partnern zum Erwerb von Betriebsteilen «weit fortgeschritten» seien und «erfolgsversprechend» verlaufen würden. «Diese Verhandlungen können zeitnah finalisiert werden», hiess es. Air Berlin betonte, dass seine Flugpläne weiter gültig blieben und alle Flüge stattfänden.

Gebuchte Tickets behalten demnach ihre Gültigkeit, alle Flüge seien weiterhin buchbar. «Wir arbeiten unermüdlich daran, in dieser Situation das Beste für das Unternehmen, für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter zu erreichen», teilte Unternehmenschef Thomas Winkelmann mit.

Lufthansa hat Interesse an Weiterbetrieb

Die Lufthansa hat auch ein Eigeninteresse am Weiterbetrieb der insolventen Fluggesellschaft. Schon jetzt sind mindestens 30 Mittelstreckenjets von Air Berlin samt Besatzung für den Lufthansa-Konzern im Einsatz.

Die gemieteten Maschinen fliegen für die Lufthansa-Billigmarke Eurowings und die österreichische Konzerntochter Austrian Airlines (AUA). Die Lufthansa will mit ihrer Unterstützung auch erreichen, dass der Betrieb dieser Flugzeuge reibungslos weitergeht.

Derzeit verhandelt die Niki-Mutter Air Berlin mit der Lufthansa und weiteren Partnern darüber, dass diese Betriebsteile von Air Berlin übernehmen.

Hohe Hürden für Übernahme

Air-Berlin-Chef Winkelmann hatte die Führung der seit Jahren kriselnden Fluglinie erst im Februar übernommen. Er selbst kam von der Lufthansa, bei der er deren langjährige Billigmarke Germanwings aufgebaut und in die schwarzen Zahlen geführt hatte.

Als er als Nachfolger von Stefan Pichler bei Air Berlin antrat, wurde bereits spekuliert, dass er eine Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa vorbereiten solle.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte für eine Komplettübernahme der Rivalin allerdings immer wieder hohe Hürden genannt. Neben wettbewerbsrechtlichen Fragen nannte er dabei die hohen Betriebskosten der Berliner sowie den hohen Schuldenberg des Unternehmens. (kaf/afp)

Erstellt: 15.08.2017, 13:15 Uhr

Air Berlin 1978 in den USA gegründet

Gegründet wurde Air Berlin 1978 von dem ehemaligen US-Flugkapitän Kim Lundgren im US-Bundesstaat Oregon, denn während der deutschen Teilung durften nur Jets der Alliierten Berlin ansteuern. Gestartet ist das Unternehmen als Charterfluggesellschaft mit zwei Fliegern.

Nach dem Mauerfall stieg Joachim Hunold 1991 in das Unternehmen ein und rief die deutsche «Air Berlin GmbH & Co. Luftverkehrs KG» ins Leben. Mehrere Privatleute beteiligten sich. 2003 stieg Air Berlin zur zweitgrössten Fluggesellschaft in Deutschland nach der Lufthansa auf, gemessen an der Passagierzahl.

Seit Anfang 2006 ist Air Berlin eine Kapitalgesellschaft britischen Rechts. Im Mai 2006 ging das Unternehmen an die Börse. Im Streben um Wachstum übernahm Air Berlin die Airlines dba und LTU. Auch die österreichische Niki und die Schweizer Fluglinie Belair kamen dazu.

Wirtschaftlich steckte das Unternehmen aber seit dem Börsengang meist in den roten Zahlen. 2008 und 2011 führte Air Berlin Sparrunden durch und reduzierte die Flotte.

2011 kündigte die Golfairline Etihad Airways an, ihren Anteil auf 29,2 Prozent zu erhöhen und damit grösster Aktionär zu werden. Etihad hielt Air Berlin mit Milliardenspritzen in der Luft. Zuletzt flog Air Berlin 2015 einen Rekordverlust ein.

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