1. und 2. Klasse über den Alpen

Die Schweizer Bergbahnbranche spaltet sich immer klarer in zwei Lager: Der ertragsstarken 1. Klasse steht die finanzschwache 2. Klasse gegenüber. So das Fazit einer neuen Studie.

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Am Karfreitag war Take-off für Dragon Ride, die neue Seilbahn auf den Luzerner Hausberg Pilatus. In zwei hochmodernen Panoramakabinen erleben die Touristen die Bergwelt, den ultimativen Freizeitkick. «Nur Fliegen ist schöner», so der Werbeslogan der Pilatus-Bahnen. Wie alles Schöne und Neue war aber auch die Dragon Ride nicht ganz günstig: 18 Millionen Franken musste die Betreibergesellschaft dafür hinblättern.

Die Investition ist gut angekommen: So konnte die Bahn in den ersten vier Tagen des Betriebs grob geschätzt 30 Prozent mehr Gastfrequenzen registrieren als während Ostern vor einem Jahr. «Wir sind trotz der durchzogenen Wetterbilanz zufrieden mit den ersten Betriebstagen der neuen Seilbahn», sagt ein Sprecher der Pilatus-Bahnen auf Anfrage.

Asiatisches Standardprogramm

Die Pilatus-Bahnen konnten die Dragon Ride ohne Bankkredite finanzieren. Denn der Pilatus ist eine beliebte Tourismusregion, gerade auch bei Touristen aus Asien, für die ein Abstecher nach Luzern und auf den Stadtberg Pilatus gleichsam zum Standardprogramm einer Europareise gehört. Das schlägt sich auch in den Betriebszahlen nieder: Zwischen 2009 und 2013 hat das Luzerner Bergbahnunternehmen die Frequenzen der auf ihren insgesamt drei Bahnen beförderten Gäste um rund 25 Prozent gesteigert, von 1,7 auf 2,2 Millionen Frequenzen pro Jahr. Das Betriebsergebnis vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) hat sich in der gleichen Zeit von 6,6 auf 7,7 Millionen Franken oder um rund 16 Prozent erhöht.

So sieht das Geschäft einer Bergbahngesellschaft der 1. Klasse aus: eine starke Tourismusregion im Hintergrund, genügend Investitionen in ein emotionales Ferienerlebnis und hohe Erträge, die das Ganze finanzieren. Doch es operieren längst nicht alle Bergbahnen in einem so günstigen Umfeld. «Wir haben je länger, je mehr eine Zweiklassengesellschaft bei Schweizer Bergbahnen», sagt Philipp Lütolf, Co-Autor der heute publizierten Studie «Finanzsituation von Bergbahnen in der Schweiz 2013/14».

Leere Kassen in der 2. Klasse

In der gleichen Liga wie die Pilatus-Bahnen spielen gemäss Lütolf auch internationale Touristen-Hotspots wie das Jungfraujoch, der Titlis, das Schilthorn oder Zermatt. «Bergbahnbetreiber in diesen Regionen konnten in den vergangenen Jahren umsatzmässig mehrheitlich zulegen», so Lütolf.

Bergbahnbetreiber in weniger tourismusstarken Regionen wie etwa Lungern-Schönbühl OW oder dem Stoss SZ haben es dagegen schwerer. «Solche Regionen profitieren nicht von der Sogwirkung einer starken Tourismusdestination, und entsprechend schwächer fällt dann auch die betriebswirtschaftliche Basis aus», so Lütolf. Das heisst: Investitionen können die Zweitklassbahnen nicht aus dem eigenen Kässeli berappen.

Speziell starken Gegenwind sagen die Bergbahnexperten Betreibergesellschaften in Regionen voraus, die stark vom Wintergeschäft abhängen. Denn dieses hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Nicht nur, dass der starke Franken einen Strich durch die Rechnung machte. Gäste machen vermehrt kurze Winterferien statt zweiwöchiger Daueraufenthalte. Und die Überalterung der Gesellschaft und Migrationseffekte lassen den Anteil der Ski fahrenden Bevölkerung sinken. Dazu kommt, dass mit dem Aufkommen von Billigairlines wie Easyjet und Co. Strandferien auch im Winter zum Teil günstiger geworden sind als der Winterurlaub in den Alpen.

Hohe Investitionen sind nötig

Zentral für den erfolgreichen Geschäftsverlauf bleibt aber die Erneuerung des Bergbahnparks. «Der Investitionsbedarf bleibt wie in den vergangenen Jahren hoch», so der Bergbahn-Experte von der Hochschule Luzern.

Das absolut grösste Investitionsprojekt verfolgt derzeit die Jungfraubahn-Gruppe: Bis zu 400 Millionen sollen in mehrere Neubahnprojekte investiert werden. Das bringt den Reisenden mehr Komfort und schnellere Reisezeiten, und die Betreiber können die Förderkapazitäten erhöhen. Das A und O des finanziellen Erfolgs ist eine möglichst ganzjährig hohe Auslastung, so ein Fazit der Studie. Das gelinge aber nur wenigen Unternehmen.

Lautet die Devise also: Wer nicht investiert, geht unter? Und kommt es zum grossen Bahnsterben in der zweiten Klasse? Der Experte winkt ab. «Auch wenn es die Zweitklassgesellschaften bei der Finanzierung neuer Investitionen schwerer haben werden, erwarte ich nicht das grosse Massensterben», so Lütolf.

Kein Überleben ohne Bahnen

Der Grund: Tourismusdestinationen könnten ohne Bergbahnen gar nicht überleben. Der Bahnexperte ist deshalb überzeugt, dass sich hier auch Finanzierungslösungen finden werden, wenngleich in dieser Kategorie gesamtschweizerisch Überkapazitäten bestehen und streng finanzwirtschaftlich vielleicht 25 Prozent der Bergbahnen nicht überlebensfähig sind.

«Bei Investitionsprojekten müssen sich Kanton, Gemeinde, Bevölkerung, das Gewerbe, die lokalen Banken und Stammgäste zusammenraufen und gemeinsam eine Lösung finden», so Lütolf. Etwa so, wie es die Belalp-Bahnen vorgemacht haben, wo im Winter 2013/14 eine neue Bahn in Betrieb genommen werden konnte, nachdem sich verschiedene öffentliche und private Interessengruppen zusammengeschlossen hatten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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