Versicherer bremsen Klimasünder aus

Der Zurich-Konzern will Kohlebergwerken und Kohlekraftwerken keine Versicherungsdeckung mehr gewähren. Ähnliche Schritte plant die Swiss Re.

Kohlemine in Kolumbien: Die Verbrennung von Kohle trägt wesentlich zur Erderwärmung bei. Foto: Nicolo Filippo Rosso (Getty Images)

Kohlemine in Kolumbien: Die Verbrennung von Kohle trägt wesentlich zur Erderwärmung bei. Foto: Nicolo Filippo Rosso (Getty Images)

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Die Verbrennung von Kohle zur Stromerzeugung gilt als wichtigste Ursache für den Klimawandel. Rund ein Drittel aller CO2-Emissionen gelangt auf ­diesem Weg in die Erdatmosphäre, wie Umweltfachleute schätzen. Kohlebergwerke und -kraftwerke tragen somit ­wesentlich zur Erderwärmung und der damit verbundenen Häufung extremer Wetterverhältnisse bei. Diese sorgen für eine stete Zunahme der versicherten und unversicherten Schäden aus Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Hochwasser, Dürren und Waldbrände.

Bei grossen Versicherern findet deshalb ein Umdenken statt. Sie distanzieren sich von Kunden, die mit dem Ausstoss von Treibhausgasen zu den grössten Klimasündern zählen. Jüngstes Beispiel ist die Zurich Insurance Group: Sie hat beschlossen, für neue Projekte zum Kohleabbau und für Neukunden, die mehr als die Hälfte des Umsatzes mit der Gewinnung von Kohle erzielen, keine Versicherungspolicen mehr abzuschliessen. Ausgeschlossen werden auch Versorgungsunternehmen, deren Energieerzeugung zu mehr als 50 Prozent auf der Verfeuerung von Kohle beruht. Bislang hatten sich einzelne Versicherer ­darauf beschränkt, ihre Kapitalanlagen im Kohlesektor zurückzufahren.

Axa als Vorreiterin

Die Zurich folgt damit dem Beispiel der französischen Axa, die im vergangenen April als weltweit erste Versicherung erklärt hatte, keine Deckung mehr für Kohleprojekte anzubieten. Im Dezember verschärfte die Axa ihre Politik noch, indem sie neu keine Anlagen mehr zum Abbau von Ölsand und die dazugehörigen Pipelines versichert.

Kurz vor dem Jahreswechsel hat auch der französische Rückversicherer Scor entschieden, für Aktivitäten zum Abbau von Kohle keinen Versicherungsschutz mehr zu gewähren. Sämtliche übrigen Geschäfte, die mit Kohle zu tun haben, sollen künftig intern eingehend überprüft werden.

Die Swiss Re ist laut Sprecherin Charlotte Nelson dabei, eine Richt­linie für Kohle zu erarbeiten. Auf dieser Grundlage «werden wir bestimmte Geschäfte, die mit Kohlebergwerken und -kraftwerken in Verbindung stehen, einschränken». Die neue Richtlinie erweitert ein schon bestehendes internes Rahmenwerk, mit dem die Swiss Re gemäss Nelson «die Nachhaltigkeitsrisiken vermindern will». So achtet der Rückversicherer bei der Zeichnung von Risiken wie auch bei der Kapitalanlage darauf, dass er keine Meeresbohrungen in der Arktis oder den Abbau von Ölsand im Tagebau unterstützt.

Laut Jad Ariss, zuständig für Umweltfragen bei Axa, «erwägt eine Reihe von Mitbewerbern ernsthaft, ähnliche Schritte zu gehen». Axa sei mit diesen Versicherungsgesellschaften im Gespräch und ermutige sie zu handeln. Sollten sich Versicherer und Rückversicherer tatsächlich in grösserer Zahl aus Geschäften mit Kohle zurückziehen, hätten insbesondere die Betreiber kleinerer und mittelgrosser Kohleminen und -kraftwerke ein schwerwiegendes Problem. Ohne Versicherungsschutz können sie solche Produktionsstätten weder errichten noch betreiben. Grosskonzerne hingegen verfügen oft über hauseigene Versicherungseinheiten.

Keine weiteren Rückzüge

Die Zurich wird künftig keine Sachwerte und Haftpflichtrisiken von grossen Kohleförderern und -verbrauchern mehr versichern. «An Policen, welche die dort Beschäftigten gegen Unfall versichern, halten wir aber fest», sagt Linda Freiner, bei der Zurich zuständig für verantwortliche Geschäftsführung. Ausserdem beabsichtigt der Versicherungskonzern, Minen und Versorgungsunternehmen, die zu 30 bis 50 Prozent auf Kohle setzen, unter verschärfte Beobachtung zu nehmen. Ziel sei es, mit diesen Kunden in einen Dialog zu treten, um Mittel und Wege zu finden für einen rascheren Übergang zu umweltverträglicheren Prozessen und Techniken.

Freiner bezeichnet das Geschäfts­volumen der Zurich im Kohlesektor als «sehr beschränkt», sowohl bei Kapitalanlagen als auch bei Versicherungen. Konkrete Zahlen will sie aber nicht ­nennen. Einen Rückzug aus anderen ­klimaschädigenden Industrien wie Öl und Gas erwäge der Konzern nicht, sagt Freiner. Mit dem jüngsten Entscheid trage die Zurich dem besonders schäd­lichen Einfluss der Kohle auf das Klima Rechnung. «Wir anerkennen indes, dass fossile Brennstoffe in vielen Ländern noch auf Jahre hinaus Teil des Energiemixes bleiben.»

Axa wie Zurich sehen ihre Positionen als führende Akteure im Bereich industrieller Grossrisiken nach dem Ausstieg aus der Kohle nicht gefährdet. Dafür sei das betroffene Prämienvolumen schlicht zu gering, beteuern beide Konzerne. Die französische Versicherung beziffert den Prämienverzicht in ihrem Kohle- und Ölsandgeschäft auf eine Grössenordnung von rund 10 Millionen Euro.

Bislang haben nur europäische Versicherer ihre Geschäftstätigkeit mit dem Kohlesektor beschnitten.

Bislang, so heisst es aus den Konzernzentralen in Paris und Zürich, habe man von betroffenen Kunden keine ablehnden Reaktionen erhalten. Jad Ariss von Axa sagt: «Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Kunden unsere Entscheidung verstehen, wenn wir uns Zeit nehmen, die Beweggründe zu erläutern.»

Und wie fällt das Echo aus dem Kreis der Aktionäre aus? «Unsere Eigner sind vor allem besorgt über die zunehmende Zahl und Schwere von Naturereignissen und was dies für die Profitabilität unseres Nichtleben-Geschäfts bedeutet», sagt Ariss. Daher würden sie verstehen, wie bedeutungsvoll es für die Versicherer sei, die Erderwärmung zu begrenzen. «Andernfalls könnte die Zukunftsfähigkeit unserer Branche gefährdet sein», sagt der Axa-Vertreter.

Bislang haben nur europäische Versicherer ihre Geschäftstätigkeit mit dem Kohlesektor beschnitten oder strengere Prüfkriterien beschlossen. Die Konkurrenz in den USA, wie AIG, Berkshire Ha­thaway oder Liberty Mutual, lässt keine Absicht erkennen, ihre Zeichnungspolitik zu verschärfen.

Das gleiche Bild zeigt sich in der Anlagepolitik. Rund ein Dutzend Versicherer aus Europa mit einem Gesamtvermögen von mehr als 4000 Milliarden Dollar haben seit 2015 Kapitalanlagen in Anleihen und Aktien im Wert von 20 Milliarden Dollar bei den Kohleförderern und -verheizern abgezogen, wie das Kampagnennetzwerk Unfriend Coal ermittelt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 09:31 Uhr

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