Sanktionen führen zu intensiveren Stellensuchen

Eine neue Studie zeigt: Arbeitslose geben sich mehr Mühe bei der Jobsuche, wenn ihnen die kantonalen Vermittlungsstellen das Arbeitslosengeld zur Strafe kürzen.

Die Regionalen Arbeitsermittlungsstellen werden oft kritisiert. Nun zeigt sich: Ihre Massnahmen haben Erfolg. Foto: Keystone (Agentur)

Die Regionalen Arbeitsermittlungsstellen werden oft kritisiert. Nun zeigt sich: Ihre Massnahmen haben Erfolg. Foto: Keystone (Agentur)

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Wer schon mal selbst arbeitslos war, kennt den steigenden Stress gegen Monatsende. Wo soll ich mich noch ernsthaft bewerben, damit mir das Arbeitslosengeld ausbezahlt wird? Jeder Stellensuchende muss der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) monatlich eine Liste von zehn Bewerbungen einreichen. Es gibt allerdings Berufe und Zeiten, in denen zehn Angebote nicht zu finden sind. RAV-Berater lassen indes kaum mit sich reden. Zehn echte Bewerbungen, oder man kürzt den Stellensuchenden das Arbeitslosengeld, lautet der Tarif.

Sanktionen gibt es auch, wenn Arbeitslose nicht sofort nach einer Kündigung eine neue Stelle suchen, Kurse nicht besuchen, eine vermittelte Beschäftigung nicht annehmen, Bewerbungsnachweise nicht pünktlich abgeben, umgemeldet in die Ferien reisen oder falsche Bewerbungen einreichen. Dann können die RAV das Arbeitslosengeld tage- oder wochenlang kürzen.

Nun zeigt eine gestern vom Bund publizierte Studie, dass diese Massnahmen wirken. «Die offensive Anwendung von Sanktionen verbessert die Anreize für Stellensuchende, die Vorgaben der Arbeitsvermittlung einzuhalten». Je pingeliger die RAV-Berater, umso engagierter also die Arbeitslosen.

Der Befund wird durch die Studie gestützt. Die Sanktionen sind nur eine unter Dutzenden untersuchten Massnahmen der Arbeitslosenvermittlung. Nützen Weiterbildungskurse? Bringt die Zwangszuweisung an Beschäftigungsmassnahmen etwas? Gibt es weniger Langzeitarbeitslose und Ausgesteuerte? Diese Fragen standen im Vordergrund.

Mehr Studierte arbeitslos

Die hundert Seiten dicke Studie will umfassend sein und trägt den Titel «Entwicklung der Wirkung der öffentlichen Arbeitsvermittlung in der Schweiz». Sie ist eine Fundgrube. Die Autoren der Agentur B.S.S. verwendeten Hunderttausende von Arbeitslosendaten von 2003 bis 2016. Darin wurden 47 Prozent aller Stellensuchenden einbezogen. Die anderen, so etwa generell unter 25-Jährige und über 63-jährige Frauen, blieben unberücksichtigt, weil ihre Zahlen methodisch nicht vergleichbar wären.

Auffallend ist, wie stark sich das Profil der Stellensuchenden verändert hat: immer mehr Ausländer (zuletzt 47 Prozent, plus 10 Prozent), immer mehr Arbeitslose von «wissensintensiven» und «staatsnahen» Dienstleistungen (32 Prozent, plus 9 Prozent), mehr Tieflohnbezüger (41 Prozent, plus 10 Prozent) und immer mehr gut gebildete Arbeitslose (27 Prozent, plus 9 Prozent). Im Folgenden die wichtigsten Erkenntnisse:

Weniger Langzeitarbeitslose: Hier können die RAV einen Erfolg verbuchen. Ihre Zahl ging um 11 Prozent zurück. Als solche gelten, die länger als ein Jahr eine Stelle suchen und gemeldet sind. Die Dauer der Arbeitslosigkeit nahm dank der RAV um 3 Prozent ab. Arbeitslose erlitten tiefere Lohneinbussen.

Mehr Ausgesteuerte: Dies ist der grösste Misserfolg. Die Zahl nahm um rund 3 Prozent zu. Als ausgesteuert gelten Arbeitslose, die den Anspruch auf Taggeld verloren haben. Die RAV konnten nicht darauf einwirken, dass weniger Leute joblos aus der Versicherung fallen.

Nützliche Kurse: Kurse – etwa zur besseren Bewerbung – nützen etwas, obwohl sie oft kritisiert werden. In der Studie heisst es, solche «Qualifikationsmassnahmen» würden die Wahrscheinlichkeit, dass jemand wieder arbeitslos werde, senken.

Nutzlose Zwischenbeschäftigung: Zwei weitere Massnahmen, temporäre Beschäftigungen und Zuweisungen eines Jobs, brachten nichts. «Die Einflüsse sind nahe bei null», steht in der Studie. Die Autoren spekulieren, dass «ein Zwischenverdienst die Chancen nicht erhöht, eine permanente Stelle zu finden».

Zusammenfassend finden die Autoren, dass die meisten «getätigten Verbesserungen auf den ersten Blick eher moderat wirken». Dies etwa im Vergleich zu einer RAV-Studie von 2008, die einen erheblichen Wirkungssprung auswies.

Die Dauer der Arbeitslosigkeit
nahm dank der RAV im Durchschnitt um 3 Prozent ab.

Das im Vergleich bescheidenen Resultat stört das Staatssekretariat für Wirtschaft indes nicht. «Die Werte zeigen, dass die RAV ihre Wirkung auf bereits hohem Niveau und in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld weiter verbessern konnten», lautet die Antwort. Die Situation der Ausgesteuerten soll «in einer vertieften Analyse untersucht werden». Betont wird, dass auch gespart werden konnte. Arbeitslose bezogen seit 2003 «um durchschnittlich 4.5 Prozent oder für rund 8 Tage weniger» Taggelder. Damit sparten Arbeitslosenkassen allein 2017 rund 250 Millionen Franken.

Arbeitnehmervertreter nehmen die Studie zur Kenntnis. Jetzt müsse sie analysiert werden. Der Gewerkschaftsbund-Chef Daniel Lampart sagt, die einschneidende Veränderung passiere im Juli. Dann wird der beschlossene Inländervorrang für Arbeitslose in Kraft gesetzt. Gabriel Fischer von Travailsuisse bedauert, dass die Studie nicht zeige, wie sich der starke Abbau der Arbeitslosenver­sicherung auf junge Arbeitslose ausgewirkt habe. «Eine gesonderte Untersuchung dieser Gruppe wäre wünschenswert.»

Die Studie ist vor dem Hintergrund der Dauerkritik an den kantonalen Arbeitsvermittlungen zu verstehen. Diese stammt etwa von linker Seite und von älteren Arbeitslosen, die glauben, Bund und Kantone wollten Arbeitslose schnell loshaben wollen, um Taggeld zu sparen, statt sie fit für den Arbeitsmarkt zu trimmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2018, 22:50 Uhr

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