Korruptionsaffäre in Griechenland: FBI-Ermittlungen belasten Novartis

Ein FBI-Bericht zeigt, wie Novartis griechische Ärzte bestochen haben soll – mit Geld direkt aus Basel.

Pharmakonzern unter Verdacht: Novartis soll 50 Millionen Euro bezahlt haben, um den Verkauf von Medikamenten anzukurbeln und höhere Medikamentenpreise durchzusetzen. (Symbolbild)

Pharmakonzern unter Verdacht: Novartis soll 50 Millionen Euro bezahlt haben, um den Verkauf von Medikamenten anzukurbeln und höhere Medikamentenpreise durchzusetzen. (Symbolbild)

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Der Basler Pharmakonzern Novartis steht im Zentrum einer grossen Korruptionsaffäre in Griechenland. 50 Millionen Euro soll Novartis seit 2006, damals noch unter Führung von Daniel Vasella, an Ärzte, Funktionäre und Politiker bezahlt haben, um den Verkauf von Medikamenten anzukurbeln und höhere Medikamentenpreise durchzusetzen. Vertreter der Staatsanwaltschaft bezifferten den Schaden für die Staatskasse auf drei Milliarden Euro.

Diese Woche erhielt der Fall zusätzliche Brisanz, als die Namen von zehn ehemaligen Ministern bekannt wurden, die Schmiergeld erhalten haben sollen, darunter Ex-Ministerpräsident Antonis Samaras. Die Beschuldigten sprechen von einer Verleumdungskampagne.

Im Fall ermittelt nicht nur die griechische Justiz, sondern auch jene der USA. Behörden beider Länder haben in der Schweiz je ein Rechtshilfeersuchen gestellt, die derzeit geprüft werden, wie das Bundesamt für Justiz bestätigt.

Ein 19-seitiger Ermittlungsbericht der US-Bundespolizei FBI wirft nun ein Licht auf die angeblichen Bestechungspraktiken von Novartis und deren Tochter Sandoz. Er datiert vom 13. Dezember 2017 und ging an die griechischen Korruptionsermittler. Die Informationen darin basieren auf Zeugenaussagen und Dokumenten.

Fake-Studien für 4000 Euro

Belege für die Bestechung der Ex-Minister enthält der Bericht keine. Hingegen sind mehrere Methoden beschrieben, wie Novartis griechische Ärzte geschmiert haben soll. Im grössten Schmiergeldprogramm – genannt «Exactly» – soll das Geld direkt aus Basel gekommen sein. Es wird als «B-Money» bezeichnet. Laut dem Bericht haben Ärzte an verschiedenen Fake-Studien teilnehmen können und pro Studie 3000 bis 4000 Euro erhalten. Die Studien waren als Wirkungsstudien von neuen Medikamenten getarnt. Oft hätten die Ärzte die Fragebogen dazu nicht einmal selber ausfüllen müssen, um bezahlt zu werden.

Als das «Exactly»-Programm zu gross wurde, hat es Novartis gemäss den FBI-Ermittlungen abrupt gestoppt und alle Dokumente dazu zerstört, damit sie nicht in die Hände der griechischen Behörden gerieten.

Fake-Rechnungen in der Höhe von 15'000 Euro

Ein anderes Programm trug den Namen «E-Panels». Vordergründig ging es auch hierbei um Studien, an denen Ärzte gegen ein Entgelt teilnehmen konnten. Allerdings seien die Befragungen völlig nutzlos gewesen und hätten nur als Vorwand gedient, um Ärzten Geld zukommen zu lassen – 500 bis 1000 Euro für eine bestimmte Menge verschriebener Novartis-Medikamente. Im FBI-Papier steht, es sei geplant gewesen, 400 Ärzte via das E-Panels-Programm zu bestechen. Als die Verantwortlichen das Programm im September 2013 stoppten, hätten sie selber eingesehen, dass es illegal sei – und nach anderen Wegen gesucht, um griechische Ärzte zu schmieren.

Einer dieser Wege ist im Papier ebenfalls beschrieben. Demnach bezahlte Novartis-Tochter Sandoz im zweiten Quartal 2016 Fake-Rechnungen in der Höhe von 15'000 Euro für die angebliche Herstellung von Broschüren. Der Rechnungssteller soll das Geld – nach Abzug einer Provision von 10 Prozent – dann an ausgewählte Ärzte weitergeleitet haben.

Ausriss aus dem FBI-Bericht.

Der FBI-Bericht enthält auch Informationen über «Luxusreisen» und «Unterhaltungswochenenden», zu de­nen Sandoz über 100 Ärzte eingeladen haben soll. Novartis-Mitarbeiter sollen darüber hinaus regelmässig aufgefordert worden sein, belastende Dokumente zu löschen. Die griechische IT-Abteilung habe zwei- bis dreimal pro Jahr sogenannte Clean Days ausgerufen, zuletzt im Juli 2017, steht im FBI-Bericht.

Der Bericht nennt mehrere aktuelle und ehemalige Novartis-Kader namentlich, die in die Machenschaften involviert sein sollen. Einige von ihnen arbeiteten auch am Hauptsitz in Basel.

Novartis geht in einer schriftlichen Stellungnahme nicht auf die konkreten Vorwürfe ein. Allgemein schreibt die Medienstelle: «Wir arbeiten bei der Beantwortung von Anfragen mit lokalen und ausländischen Behörden zusammen. Weder Novartis noch einer unserer derzeitigen Mitarbeiter haben eine Anklage im Zusammenhang mit dem Fall erhalten (. . .). Überall dort, wo Novartis Geschäfte tätigt, sind wir den gleichen hohen Standards für ethisches Geschäftsgebaren und der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften verpflichtet.»

Jedes Jahr ein Korruptionsfall

Novartis sieht sich zum wiederholten Mal mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. 2015 hat der Pharmariese in den USA ein Verfahren wegen Kickback-Zahlungen an Apotheken beigelegt und 390 Millionen Dollar bezahlt. 2016 bezahlte Novartis 25 Millionen Dollar, weil zwei Tochterfirmen chinesischen Ärzten Geld und Geschenke zukommen liessen. Und 2017 flog in Südkorea ein Kickback-Schema auf, was den Basler Konzern fast 49 Millionen Dollar kostete.

Zu dieser Häufung schreibt Novartis, es handle sich «um voneinander unabhängige, isolierte und individuelle Klagen». Die meisten Vorwürfe bezögen sich auf vergangene Verhaltensweisen aus einer Zeit vor inzwischen eingeführten Compliance-Massnahmen. Zudem kündigt Novartis weitere Schritte an: «2018 führen wir ab März eine neue vereinheitlichte grundsatzbasierte Richtlinie unternehmensweit ein. Sie soll beim Umgang mit Partnern im Gesundheitswesen und Patienten bessere Entscheidungen ermöglichen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2018, 00:03 Uhr

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