Kleineren Skigebieten droht das Aus

Weniger Skifahrer, steigende Kosten: Seilbahnen versuchen nun, im Sommer mehr Gäste zu gewinnen.

Droht ohne zusätzliches Geld die Einstellung: Die Klosters-Madrisa Bergbahnen AG.

Droht ohne zusätzliches Geld die Einstellung: Die Klosters-Madrisa Bergbahnen AG.

(Bild: Madrisabahn)

Ernst Meier@tagesanzeiger

Seit 37 Jahren transportiert die Sesselbahn Ried-Längenbrand Skisportler ins Gebiet Gstaad. Nun ist Schluss. Die Kosten für die Unterhalt- und Erneuerungsarbeiten an der Bahn wurden zu gross für die Gemeinde St. Stephan BE. Ende August beschloss die Gemeindeversammlung deshalb das Aus für den Sessellift. Zur gleichen Zeit gab das Skigebiet Klosters-Madrisa GR bekannt, dass seinen Bergbahnen ebenfalls die Stilllegung droht. Die Betreibergesellschaft des Familienskigebietes ist in Schieflage geraten. Laut Verwaltungsrat benötigt man bis Ende Jahr 2 Millionen Franken, sonst ist die Fortführung des Betriebs gefährdet.

Für Jürg Stettler von der Hochschule Luzern kommen die beiden Meldungen nicht überraschend: «Die Probleme von St. Stephan und Klosters-Madrisa sind keine Einzelfälle. Es gibt immer wieder kleinere Gebiete und Seilbahnen, die Mühe haben, die nötigen Einnahmen für den Betrieb zu erzielen.»

Immer weniger Skiertage

Laut dem Verband Seilbahnen Schweiz sind die Kosten für den Bahnbetrieb generell gestiegen. «Gleichzeitig wird immer weniger Ski gefahren. Die Zahl der sogenannten Skiertage ging in den letzten 15 Jahren um ein Viertel zurück», sagt Andreas Keller vom Verband Seilbahnen Schweiz. In Klosters-Madrisa hat man dagegen anzukämpfen versucht, indem man sich als familienfreundlichen Ski- und Ausflugsort positionierte.

«Diese Nische zu füllen, war natürlich schwierig, denn in unmittelbarer Nähe befinden sich die deutlich grösseren Gebiete Jakobshorn und Parsenn», erklärt Keller. Hinzu kommt, dass auf der Fahrt vom Unterland nach Klosters mehrere ähnlich grosse Skigebiete früher zu erreichen sind. «Das macht das Geschäft mit Tagestouristen zusätzlich schwierig.» In Klosters-Madrisa gelang es zwar, im letzten Jahr die Einnahmen beim Personentransport und in der Gastronomie zu erhöhen. Doch die Betriebskosten stiegen noch stärker.

Beschneiungsanlagen sind nötig

Laut Tourismusexperte Jürg Stettler wird sich die Situation für kleinere Skigebiete weiter zuspitzen. «Die beiden wichtigsten Kriterien für die Wahl einer Skidestination sind heute die Anzahl Pistenkilometer und die Schneesicherheit», sagt Stettler. Dadurch steige der Investitionsbedarf in die künstliche Beschneiung. Am Titlis kann mittlerweile jede Hauptpiste beschneit werden. «Während die Schneefallgrenze steigt, steigen auch die Erwartungen der Gäste, was die Schneesicherheit betrifft», so Stettler. «Wenn ein Skigebiet nicht die nötige Grösse aufweist und keine weissen Pisten garantieren kann, gehen die Gästezahlen zurück, die Rendite sinkt.»

«Der Winter bleibt matchentscheidend, denn Bergbahnen sind ein Massengeschäft.»Andreas Keller, Verband Seilbahnen Schweiz

Um den Rückgang beim Skisport zu kompensieren, versuchen die Seilbahnen im Sommer mehr Gäste zu gewinnen. «Das funktioniert bei einigen Destinationen gut, die Zahl der Sommertouristen ist allgemein gestiegen», sagt Andreas Keller. Doch die Abhängigkeit vom Wintertourismus sei mit einem Anteil von 75 Prozent immer noch sehr hoch. Keller: «Der Winter bleibt matchentscheidend, denn Bergbahnen sind ein Massengeschäft.»

Fahren auch bei schlechtem Wetter: Chinesische Touristen in Engelberg-Titlis. (Bild: Christof Schuerpf, Keystone)

Im Sommer sei es vielerorts nicht möglich, die nötigen Frequenzen zu erzielen, um die Kosten decken zu können. Eine Ausnahme sind die grossen Ausflugsziele, die vom Gruppengeschäft profitieren, erklärt Keller. Dazu gehören die Regionen Zermatt-Matterhorn, Engelberg-Titlis oder das Jungfraujoch. Sie profitieren von den steigenden Buchungen, vor allem aus dem asiatischen und arabischen Raum. Die Gruppentouristen haben die Fahrten mit der Bergbahn meistens schon Wochen im Voraus gebucht und fahren auch bei schlechtem Wetter.

Preiskampf läuft

Die grosse Frage in der Branche ist derzeit, wie sich der vor zwei Jahren entfachte Preiskampf auf die Skigebiete und Seilbahnbetreiber auswirken wird. Saas-Fee startete damals mit einem 222-Franken-Abo. Andere Regionen, beispielsweise im Berner Oberland und in der Romandie, zogen mit Kombinationsangeboten nach. Andermatt wiederum lancierte letztes Jahr die dynamische Preisfestsetzung für Tageskarten. Nach diesem Modell werden die Kosten einer Tageskarte abhängig vom Wetter oder dem Buchungszeitpunkt bestimmt. «Es ist noch zu früh, um die langfristigen Folgen des Preiskampfs zu erkennen», sagt Jürg Stettler.

In der vergangenen Saison stiegen zwar die Besucherzahlen wieder; die Schweizer Seilbahnen verzeichneten rund 7 Prozent mehr Gäste in der Saison 2017/18 im Vergleich zum Vorjahr. In der Branche führt man dies aber vor allem auf den guten Winter mit viel Schnee und den schwächer gewordenen Franken zurück. Ob sich die dynamische Preisfestlegung bewährt, muss sich auch erst noch zeigen, denn das Modell funktioniere bei Bergbahnen nur beschränkt, ist Jürg Stettler überzeugt.

«Viele Gäste zieht es bei schlechtem Wetter nicht auf die Piste, auch wenn das Ticket günstiger ist. Und die Zahl der Tage, an denen die Bahnen so gut ausgelastet sind, dass bei gutem Wetter die Preise erhöht werden können, beschränkt sich auf wenige Wochenenden im Februar oder die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr», sagt Stettler.

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