Expats fühlen sich in der Schweiz nicht mehr willkommen

Warum unser Land auf einem internationalen Ranking um ganze 17 Ränge abgerutscht ist.

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Wenn es um die Attraktivität als Arbeits- und Wohnort geht, gehört die Schweiz für viele Ausländer nicht mehr zu den Top-Destinationen. 2014 lag sie noch auf Rang 4, nun fällt sie auf Rang 44 von 68 zurück. Gegenüber dem Vorjahr verlor die Schweiz 17 Plätze. Das sind Resultate von Umfragen, die das soziale Netzwerk Internations jährlich durchführt. Die aktuellen Resultate stützen sich auf Beurteilungen von weltweit 18'000 Teilnehmern, davon 1000 aus der Schweiz. Die Ergebnisse sind ab heute öffentlich zugänglich. Das Netzwerk richtet sich an Menschen, die in fremden Ländern arbeiten – sogenannte Expats.

Internations befragte die Ausländer zu verschiedenen Themen. Besonders schlecht schneidet die Schweiz ab, wenn es um Fragen der sozialen Integration geht. «Die Menschen sind sehr reserviert und verschlossen», stellte eine jüngere Frau aus Neuseeland in der aktuellen Umfrage fest. Eine Französin machte die Erfahrung, dass es schwierig sei, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen – «fremde Menschen werden diskriminiert». Eine etwas ältere Amerikanerin kommt zu folgendem Schluss: «Obwohl ich inzwischen die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten habe, werde ich immer eine Fremde bleiben.»

Video: Hier sprechen Expats in der Schweiz

So grüssen die Schweizer: «Wen küss ich, wem gebe ich die Hand? Das habe ich nicht rausgefunden...». Video: Lea Koch/Anthony Ackermann

Ähnliche Aussagen machten viele Umfrageteilnehmer. Bei der Bewertung des Umgangs von Einheimischen mit Expats rangiert die Schweiz auf dem 65. von 68 Plätzen. Für Diccon Bewes kommt das nicht überraschend. Der Engländer ist Buchautor und leitet unter anderem Workshops in multinationalen Unternehmen, in denen es um die Integration anderer Kulturen geht. Auch seine Bücher handeln von diesem Thema («Der Schweizversteher – ein Engländer unter Eidgenossen» und andere mehr). Das Resultat erstaunt Bewes nicht, da in älteren Umfragen von anderen Organisationen immer wieder zum Ausdruck kam, dass sich Ausländer hier oft nicht akzeptiert fühlen. Für bemerkenswert hält er aber, dass sich die Schweiz in der Rangliste von Internations derart verschlechtert hat. Dafür macht er politische Signale aus der Schweiz verantwortlich: «Politische Forderungen wie die Ausschaffungsinitiative, das Minarettverbot und die Initiative gegen Masseneinwanderung nehmen Ausländer wahr.» Allen drei Volksbegehren haben die Schweizer zugestimmt. Das trage zum Gefühl bei, in der Schweiz nicht willkommen zu sein, meint Diccon Bewes.

Video: Und wie sieht es im Verkehr aus?

Dichtes Auffahren, Stau und notorische Linksfahrer: Unsere Expats sind nicht sehr begeistert vom Schweizer Fahrverhalten. Video: Lea Koch/Anthony Ackermann

Auch in der Kategorie «Familienleben» hat die Schweiz Ränge verloren. Malte Zeeck, Gründer und Co-Geschäftsführer von Internations, nennt dafür vor allem zwei Gründe: die schlechte Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsplätzen und deren hohe Kosten. Weniger gut bewertet wird zudem das Freizeitangebot. Und auch die hohen Lebenshaltungskosten trüben das Bild von der Schweiz.

Das schlechte Ranking bedeutet aber nicht, dass Expats die Schweiz durchwegs schlecht bewerten. Insbesondere bei der Lebensqualität kann die Schweiz punkten. Ausländer schätzen unter anderem die hohe Qualität des Gesundheitswesens und der Schulen. Auch bei der politischen Stabilität und der Sicherheit erzielt die Eidgenossenschaft Spitzenwerte.

«Bester Ort der Welt»

Es gibt immer noch viele Ausländer, die gar nichts zu bemängeln haben. So auch zwei von dieser Zeitung kontaktierte Personen. Darunter der 41-jährige IT-Experte Andy Peaple. Der Brite lebt seit über sieben Jahren hier und ist überzeugt, am «besten Ort der Welt» zu leben. Die Kritik anderer Ausländer ist für ihn nur schwer nachvollziehbar: «Manche Leute realisieren nicht, was sie haben, und bilden sich ein, das Gras sei auf der anderen Seite des Zauns grüner.» Zwar war auch Peaple wegen der hohen Preise «schockiert», als er zum ersten Mal in der Schweiz Brot, Käse und Eier kaufte. Doch bald stellte er fest, dass die Preise im Verhältnis zum Lohn günstig sind. Die 30-jährige Russin Maria Rudakova mag «fast alles an der Schweiz». Sie führt gemeinsam mit ihrem Vater in Thalwil ZH eine Firma für Handel mit chemischem Dünger. Sie lobt die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Schweizer, die Lebensqualität und die Sicherheit.


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Am Schluss der Rangliste von Internations ist Kuwait platziert. Expats kritisieren dort vor allem die schlechte Lebensqualität. Unter den westeuropäischen Ländern liegen Italien, Griechenland und Grossbritannien weit hinten. Letzteres ist nach dem Brexit-Entscheid zurückgefallen. Spitzenreiter ist Bahrain. Das Land punktet besonders stark, wo die Schweiz schwach abschneidet: bei der sozialen Integration und Freundlichkeit gegenüber Ausländern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 07:55 Uhr

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