«Die Strompreise werden steigen»

Statt Stromlücke Preiszerfall: Ex-BKW-Chef Kurt Rohrbach räumt vor dem Rücktritt als Präsident des Stromverbands Fehlprognosen ein. Nun warnt er vor neuen Versorgungsengpässen.

«Angesichts des Überangebots auch noch Produktionsanlagen zu sub­ventionieren, ist ökonomisch gesehen völlig unverantwortlich»: Ex-BKW-Chef Kurt Rohrbach.

«Angesichts des Überangebots auch noch Produktionsanlagen zu sub­ventionieren, ist ökonomisch gesehen völlig unverantwortlich»: Ex-BKW-Chef Kurt Rohrbach. Bild: Iris Andermatt

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Herr Rohrbach, Sie sind von der Energiestrategie 2050 des Bundes nicht begeistert, warum?
Kurt Rohrbach: Sie ist das Ergebnis von langen Verhandlungen und enthält deshalb auch gute und weniger gute Elemente. Entscheidend für die Ja-Parole des VSE war, dass man mit einem Nein zurück zu Grabenkämpfen gehen würde – und nicht vorwärtskäme. Auch mit einem Ja bleiben wichtige Probleme ungelöst. Der Anspruch war aber nie, mit der Vorlage alle offenen Fragen zu klären.

Geht es also am 21. Mai nicht um eine alles entscheidende Weichenstellung?
Nein. Wichtige Themen sind nicht angesprochen: die weitere Marktöffnung, die Netzstrategie oder die gewaltige Entwicklung durch die Digitalisierung. Auch die Probleme der Wasserkraft sind nur teilweise gelöst.

Der VSE freut sich über die vorgesehenen Subventionen für die Wasserkraft. Haben Sie sich kaufen lassen?
Wir finden nicht Subventionen gut, sondern dass die Bedeutung der Wasserkraft erkannt wird. Ich erinnere daran, dass Deutschland gegen 30 Milliarden Euro pro Jahr in den Markt pumpt. Das drückt die Preise. Das Problem ist also vor allem importiert – und ohne solche Eingriffe nicht zu lösen.

Hauptgrund für den Strompreiszerfall sind doch die tief gesunkenen Preise für Kohle und CO2-Emissionsrechte.
Es gibt in der Tat drei Haupt­faktoren: der wichtigste ist der Nachfragerückgang als Folge einer Deindustrialisierung in Europa nach der Krise von 2008/2009. Das ist eine bedauerliche Entwicklung. Dazu hat hauptsächlich die Erschliessung von Schieferöl und -gas den Kohlepreis zusammenfallen lassen. Als dritter Faktor kam hinzu, dass in diesem Markt mit einem Überangebot noch Produktionsanlagen subventioniert wurden. Unabhängig davon, welche Pro­duktion gefördert wurde, ist dies ökonomisch gesehen völlig unverantwortlich.

Deutschland und die Schweiz wollen mit den geförderten erneuerbaren Energien ihre Atomkraftwerke ersetzen.
Das ist Augenwischerei. Deutschland steigt zwar aus der Kernenergie aus, hält aber an den Kohlekraftwerken fest. Wegen deren riesiger CO2-Emissionen wird Deutschland die grössten Probleme haben, das Klimaabkommen von Paris umzusetzen. Will man keine Stromlücke riskieren, ist der Ersatz der Kohle in absehbarer Zeit nur durch Erdgas realistisch. Das ergibt eine etwas bessere Klimabilanz, ist aber nicht CO2-frei.

Es droht nun also doch noch die berühmte Stromlücke.
Es geht eben darum, dass man sie nicht kommen lässt, sondern durch einen geschickten Ersatz der Kernenergie und der Kohle vermeidet. Und da wird man um Erdgas nicht herumkommen.

Sie bekennen sich dazu, den Markt falsch eingeschätzt zu haben. Warum steht aber die bis 2012 von Ihnen geleitete BKW besser da als Axpo und Alpiq?
Den Markt hat niemand richtig eingeschätzt. Die BKW war von den grösseren Schweizer Unternehmen die erste und lange die bedeutendste Investorin in subventionierte erneuerbare Energien im benachbarten Ausland. Das hat sich ausgezahlt. Dazu kommt, dass die BKW mit den Netzen über ein stabilisierendes Element verfügt.

. . . und über gefangene End­kunden, die ihren Anbieter nicht wechseln können. Dieser Faktor wird überschätzt. Als Verfechter einer vollständigen Marktöffnung finde ich die halbe Öffnung, die wir jetzt haben, sehr unbefriedigend, weil sie grosse Verzerrungen und Ungerechtigkeiten beinhaltet. Ich hoffe, dass dieses Stadium bald überwunden ist.

Wie meinen Sie das?
Die zunehmende Eigenproduktion verbunden mit den Möglichkeiten der Digitalisierung machen es immer leichter und wahrscheinlicher, dass die bestehende Marktordnung umgangen oder unterlaufen wird.

Sie scheinen stark besorgt zu sein über die Klimaerwärmung.
Ich komme aus einem einfachen ländlichen Umfeld und bin so erzogen worden, dass man mit den Ressourcen vernünftig umgeht und nicht mehr Abfall produziert als nötig. Deshalb war für mich die Vermeidung von CO2 immer eine wichtige Aufgabe, ohne dass die genauen Auswirkungen aufs Klima bekannt waren.

Wie versorgen Sie sich privat mit Energie?
Ich habe einen normalen Stromanschluss. Wir heizen mit einer Wärmepumpe. Seit 2010 fahre ich ein Elektroauto. Diesen Sommer will ich Solarziegel montieren, um mein Auto auch selber aufladen zu können.

Trotzdem bleiben Sie für viele Grüne ein «Atomgring», schmerzt Sie das?
Nein, damit kann ich leben. Es geht ja gern vergessen, dass der Erste, der ein Kernkraftwerk abstellen muss, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, der Betreiber ist. Daran habe ich mich immer gehalten – und diese Verantwortung gelebt. Etwas mehr Mühe habe ich damit, dass anderes dabei untergeht, wie mein jahrelanges Engagement für die Wasserkraft oder der Versuch, Windenergie in der Schweiz vorwärtszubringen. Das haben wir lange probiert, aber erkennen müssen, dass die Schweiz kein Windland ist. So sind wir nach Italien und Deutschland ausgewichen.

Braucht es neue AKW?
Jede Kilowattstunde Strom, die nicht aus Kohle, sondern Gas produziert wird, verbessert die CO2-Bilanz. Solarenergie hat Potenzial, aber das Problem der Speicherung ist noch nicht befriedigend gelöst. Es würde mich sehr erstaunen, wenn Europa 2050 die Grundlast mit Wind und Sonne decken könnte. Ob eine weiterentwickelte Kernenergie dereinst in Europa die Lösung sein wird, ist eine gesellschaftliche beziehungsweise eine politische Frage.

Wie werden sich die Energiepreise entwickeln?
Das ist eine ganz entscheidende Frage. Die Energiepreise sind kaufkraftbereinigt seit Beginn der Industrialisierung immer zurückgegangen. Es gibt viele Indikatoren, die keine Tendenz zu einer starken Erhöhung anzeigen. Es gibt grosse Schieferöl- und Gasvorkommen mit Grenzkosten von unter 50 Dollar pro Barrel. Um das Klimaproblem zu lösen, muss nicht die Energie, sondern der Ausstoss von CO2 verteuert werden, was den Verbrauch von fossilen Energien reduzieren würde.

Und die Strompreise?
Die Konsumentinnen und Konsumenten werden wohl mit höheren Preisen rechnen müssen. Nicht nur wegen der nun vorgesehenen Marktprämie für die Wasserkraft. Die Versorgungs­sicherheit will bezahlt sein. Dazu gehört auch ein gut ausgebautes Netz. Da besteht Nachholbedarf.

Zur Person: Der Elektroingenieur Kurt Rohrbach wurde Anfang 2001 Chef des Berner Energiekonzerns BKW. Ende 2012 trat er ab. Danach war er bis Mai 2016 Vizepräsident der BKW. Seit 2008 präsidierte der 62-Jährige zudem den Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.05.2017, 10:05 Uhr

Notruf nach Subventionen

Grosse Stromkonzerne wie Alpiq und Axpo schlagen seit einiger Zeit Alarm. Sie verfügen im Gegensatz zur BKW über keine Haushalte als Kunden, denen sie den Strom zu einem regulierten Preis verkaufen können. Sie liefern den Strom an Gemeindewerke und erhalten dafür nur den Marktpreis von wenigen Rappen. Der Kanton Aargau hält einen Anteil von 28 Prozent an der Axpo. Nun warnt der Aargauer Energiedirektor Stephan Attiger: «Produzenten, die Strom am freien Markt absetzen, können ihre Kosten seit Jahren nicht mehr decken und erleiden einen Substanzverlust», sagte er der «Aargauer Zeitung». Im Jahr seien es 500 Millionen Franken. Er fordert deshalb «Massnahmen zur Stützung der Produktion». Bezahlen müssten wohl die Stromkunden. sny

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