Der Brüllaffe mit Gummisohle

Läufer brauchten ihre Schuhe einst primär zum Schutz. Heute sind Laufschuhe auch Kulturgut oder PR-Blasen.

Farbige Laufschuhwelt: Wer heute die Kunden anziehen will, muss vor allem mit Buntheit und komplizierten Typennamen glänzen. Foto: Ira Berger (Alamy)

Farbige Laufschuhwelt: Wer heute die Kunden anziehen will, muss vor allem mit Buntheit und komplizierten Typennamen glänzen. Foto: Ira Berger (Alamy)

Christian Brüngger@tagesanzeiger

Auf leisen Sohlen schlichen die ersten Laufschuhe ins menschliche Bewusstsein. In den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts ­kamen sie als Nischenprodukt auf den Markt. Weil sie erstmals in den USA auftauchten, hiessen sie alsbald Sneaker. «To sneak» bedeutet unter ­anderem «sich anschleichen». Heute schleicht sich kein Laufschuh mehr in unsere Köpfe. Sie sind mittlerweile so bunt und mitunter prahlerisch produziert, dass sie in der Tierwelt nur eines verkörpern würden: Brüllaffen.

Am offensichtlichsten kann diese grelle Buntheit am Sonntag in New York beobachtet werden. Dort findet der ­alljährliche Marathon statt. Es ist der grösste der Welt. An ihren Füssen werden die 50 000 Lauffreunde wahre Hightechgeräte tragen, mit Namen wie Adrenaline GTS 16, Hurricane ISO, Quantum 360 oder Supernova Glide Boost 7. Diese Laufschuhe klingen also so, als würden PR-Leute täglich nichts anderes tun, als sich knallige ­Namen für sie auszudenken. Es ergäbe Sinn: Seit sich der Vorläufer der modernen Joggingschuhe ab Anfang der 70er-Jahre durchzusetzen begann, bildet die Laufschuhindustrie eine Symbiose mit der Werbebranche.

Das ewige Waffeleisen

In diesem Sinn muss man auch die erste Mitteilung von Nike-Mitbegründer Phil Knight lesen. Der liess alle Leichtathletik-Interessierten wissen, dass 1972 an den US-Meisterschaften vier der sieben Topathleten über 1500 m seine Produkte trugen. Dass allerdings die Top 3, und nur sie durften an den Olympischen Spielen teilnehmen, in den Produkten von Konkurrenten Adidas unterwegs ­waren, verschwieg Knight.

Laufexperte Markus Ryffel sagt darum grundsätzlich: «Innovationen im Schuhbau sind nicht mehr Selbstzweck, sondern dienen immer mehr markt­strategischen Gesichtspunkten.» Entsprechend sind Geschichten rund um die Firmenentstehung so wichtig wie die Produkte selbst. Am konsequentesten verfolgt diese Strategie abermals Nike. Dass die ersten Laufschuhsohlen und damit der Anfang von Nike im ­Waffeleisen von Barbara Bowerman ­entstanden, der Frau von Firmenmit­begründer Bill ­Bowerman, weiss fast ­jeder Laufschuhinteressierte.

Hinzu kommt: Erst Sehen bedeutet in unserer visuell geprägten Zeit auch Verstehen. Also baute Nike sein Dämpfungssystem ab Ende der 1970er-Jahre so, dass es ersichtlich ist. Als Air Max 1 ging der Schuh in die Laufgeschichte ein und gilt als einer der meistverkauften Sneaker, weil er in immer neuen Versionen bis heute sein Publikum findet – weit über die Laufszene hinaus. Teenager wie ­Senior greifen heute zum Air Max. Fitness brauchts nicht, geistige ­Juvenilität reicht. Als Kulturgut wird der Air Max neben ­anderen Ikonen der Laufschuh­industrie in ­Museen ausgestellt und von einschlägigen Internetportalen und ­Magazinen bis ins Detail seziert.

Komfort als Massstab für Kauf

Selbst Subkulturen haben sich via Laufschuhe gebildet. Sie definieren sich über die Markenzugehörigkeit. In der Musik, besonders im machoaffinen Hip-Hop der 90er-Jahre, trennten sich die Bands in Lager – vor allem in Adidas- oder Nike-Freunde. Dass heute im Alltag viele Menschen in Laufschuhen der ersten Generation vorankommen, wissen die wenigsten. Sie verhalfen damit auch etwas verstaubten, aber langjährigen Laufschuhmarken wie New Balance zum Revival.

Vom Boom des Laufens über die letzten 30 Jahre profitierte die Wissenschaft ebenso. Biomechaniker haben im Laufschuh ein Forschungsobjekt und Be­tätigungsfeld gefunden. Anfang 1980 wurde die erste Arbeit dazu verfasst, ­inzwischen sind Tausende von Exper­tisen dazugekommen. Der Vorläufer dieser Experten ist der Schweizer Benno Nigg. Der emeritierte Biomechanik-Professor, der in Kanada lehrte und lebt, hat seine Zunft über Jahrzehnte geprägt – und dabei so manche Innovationssensation der Schuhhersteller entzaubert.

Trotz aller Neuheiten bleibt die Zahl an verletzten Joggern nämlich seit vielen Jahren konstant, beträgt circa 30 Prozent. Viele Schuhbauarten haben sich gemäss Nigg darum gar als verletzungsfördernd erwiesen. Obschon man heute als potenzieller Laufschuhkäufer bei ­allen Marken und Technologien glaubt, eine Bedienungsanleitung für den Kauf zu benötigen, ist der Erwerb gemäss der neusten Forschung simpel: Ein Laufschuh muss sich beim Tragen bequem anfühlen und das natürliche Abrollverhalten des Fusses nicht behindern. Der Rest kann im Gebrüll getrost untergehen.

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