Das E-Auto, ein Albtraum für Garagisten

Die Schweiz ist ein Eldorado für Mechaniker. Doch es ist gefährdet: E-Mobile geben beim Service kaum etwas her.

Garagist Markus Flury tankt und verkauft Elektroautos. Für seine Werkstatt sind sie aber ein Desaster. Sie werfen schlicht nichts ab. Foto: Reto Oeschger

Garagist Markus Flury tankt und verkauft Elektroautos. Für seine Werkstatt sind sie aber ein Desaster. Sie werfen schlicht nichts ab. Foto: Reto Oeschger

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In der Werkstatt der Neugut-Garage in Wallisellen riecht es so, wie es in einer Garage riechen muss: nach Schmierfett, Lösungsmittel und einem Hauch Abgas. Auf den Serviceplätzen stehen Benzin- und Dieselautos. Sie brauchen frische Luft- und Dieselfilter, einen Ölwechsel oder neue Zündkerzen. Elektroautos verkauft Garagist Markus Flury zwar auch. Doch beim Service geben sie kaum etwas her. Ein paar Pollenfilter auswechseln, das war bisher alles. Ein schlechtes Omen für einen Betrieb, der seinen Erlös zum grösseren Teil in der Werkstatt erwirtschaftet.

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Den Elektroautos, daran zweifelt Flury nicht, gehört die Zukunft. Cool gemacht hat sie Tesla. In so manchen Knabenträumen rauscht jetzt ein Tesla über den Highway statt ein dröhnender Sportwagen. Was Elektroautos draufhaben, zeigte die Formel E ganz real am letzten Sonntag auf Zürichs Strassen. Nur, Tesla ist viel mehr als ein Auto. Die amerikanische Firma verspricht auf ihrer Website Energie- und Mobilitätslösungen aus einer Hand. Das Auto ist bloss ein Puzzleteil eines grossen Ganzen.

Bei den rund 9000 Garagisten in der Schweiz weckt das Ängste. Was lange nur Futuristen interessierte, zeichnet sich nun konkreter am Horizont ab: elektrisch betriebene Roboterautoflotten, die das individuelle Auto überflüssig machen. Zentral gewartet, getankt und gesteuert. Herkömmliche Garagen braucht es dann nicht mehr.

Beim Elektroauto steckt bis zu einem Drittel des Werts in der Batterie.

Sogar die grossen deutschen Autohersteller bangen. Sie wollen nicht als Chassis-Lieferanten enden. Und diese Gefahr ist real: Den Kampf um die Vorherrschaft auf den Strassen könnten heutige amerikanische Technologie­riesen mit den Giganten von morgen aus China unter sich ausmachen, sagen Experten. Die intelligenten Netzwerke für die Steuerungen kämen dann aus dem Silicon Valley, Batterien und Motoren aus dem Reich der Mitte.

Spassbremse Elektromotor

Markus Flury, der die Garage in Wallisellen in zweiter Generation führt, spürt die Vorboten dieser Entwicklungen. Die Marke, deren Produkte er vertreibt, diktiert immer stärker, was er in seinem Betrieb zu tun hat. Immerhin traut er ihr zu, dass sie eine zukunftsfähige Strategie entwickelt hat. Sie vertreibt mit dem Nissan Leaf das weltweit am häufigsten verkaufte E-Mobil. Um das Fahrzeug zu warten, schulte Flury sein Personal und schaffte teure Spezialapparate an. Aber eben: Einsetzen kann er sie kaum. Die Frage, was ihm denn mehr Freude bereite, Verbrennungs- oder Elektromotoren, beantwortet ein Mechaniker ohne Zögern: «Der Verbrennungsmotor. Da ist noch Handwerk gefragt.» Beim Elektroauto steckt bis zu einem Drittel des Werts in der Batterie.

Die US-Bank Morgan Stanley schätzt, dass sich die Hälfte des Autowerts von den mechanischen zu den elektrischen Systemen und der Elektronik verschieben wird. Vier Fünftel der mechanischen Bauteile fallen weg.

Dennoch warten viele Garagisten ab, sagt Flury. Wie das Kaninchen vor der Schlange. Erst kürzlich war diese Zeitenwende das grosse Thema an der Jahrestagung des Autogewerbe-Verbands der Schweiz (AGVS): Was verschwindet, was bleibt übrig? Markus Aegerter, Geschäftsleitungsmitglied des AGVS, kennt die Verunsicherung unter den 4000 Mitgliedern. Der Konzentrationsprozess habe bereits begonnen. Tatsächlich würden die Automarken ihr Servicestellennetz laufend ausdünnen. Von einem Garagensterben will er trotzdem nicht sprechen.

Eine Vertrauensperson

«Wer die Markenvertretung verliert, arbeitet als freier Garagist weiter», sagt Aegerter. Diese wiederum würden sich in losen Netzwerken zusammenschliessen. Weil Service- und Reparaturarbeiten 70 Prozent des Umsatzes einer Garage ausmachen, geht die Rechnung ­bisher auf. Doch wie lange noch? «Es ist schon nachvollziehbar, wenn sich mancher fragt, wie er künftig sein Geld verdienen soll.» Aegerter ist jedoch überzeugt, dass der Branche – schon nur die AGVS-Mitglieder beschäftigen rund 39'000 Mitarbeitende – die Arbeit nicht so schnell ausgehen wird. Zumindest gibt es in keinem anderen Land Europas so viele Autos pro Einwohner wie in der Schweiz. Im Schnitt teilen sich etwas weniger als zwei Personen ein Fahrzeug. Für viele dieser Autobesitzer ist der Garagist weiterhin eine Vertrauensperson in Autofragen. Obendrein brauchen auch autonome Fahrzeugflotten Servicezentren.

«Wer mitmacht, überlebt», sagt Jürg Grossen. Dem grünliberalen Nationalrat und Präsidenten des Vereins Swiss-E-Mobilität geht es zu langsam. Die Schweiz könnte ruhig etwas mehr Tempo machen bei der Elektromobilität. Doch die Schweizer hingen eben an ihren grossen Motoren, und den Garagisten würden die Anreize fehlen. In Sachen Elektromobilität ist die Schweiz darum eher ein Entwicklungsland. Europäischer Vorreiter ist Norwegen. Dank staatlicher Subventionen hat im skandinavischen Land fast jeder zweite Neu­wagen einen Elektromotor.

Bilder: Diese Hersteller bauen E-Autos

In der Schweiz versteckt man sich hingegen hinter der kupierten Topo­grafie. E-Autos eigneten sich dafür nicht. Tatsächlich zeigen Tests, dass die Reichweite eines Tesla auf sportlicher Fahrt am Berg schnell auf die Hälfte sinken kann. Jürg Grossen, selber seit sieben Jahren elektrisch unterwegs, relativiert: Auch konventionelle Autos würden bergauf mehr Treibstoff verbrauchen. Im Unterschied zu diesen lade sich die Batterie eines Elektroautos bergab aber wieder auf. Was für den Durchbruch fehle, seien viel mehr Ladestationen am Arbeits- und Wohnort, also etwa in Mehrfamilienhäusern oder in blauen Zonen. Letztere liessen sich sogar in ­Laternenpfählen unterbringen, weiss der Elektroingenieur.

Für ihn geht es um Umweltpolitik. Elektroautos helfen, den Ausstoss des Klimagases Kohlendioxid zu reduzieren. Am Strom sollte es nicht scheitern. Schätzungen rechnen mit 10 bis knapp 20 Prozent Mehrverbrauch, wenn die gesamte heutige Autoflotte elektrisch unterwegs wäre.

Wann kommt der Tsunami?

Medienmanager Marc Walder kündigte den Garagisten die Digitalisierung und Elektrifizierung an deren Jahrestagung im Januar als Tsunami an, der über sie hereinbrechen werde. Der Realität näher kommt das Bild einer unaufhaltsam steigenden Flut. Milliardenschwere Investitionen der Autohersteller in die Schlüsseltechnologien und angekündigte staatliche Regulierungen, etwa Verbote des Verbrennungsmotors (in Frankreich zum Beispiel für 2040) oder freie Fahrt für autonome Fahrzeuge (in Grossbritannien schon ab 2022), sprechen eine deutliche Sprache.

Den Peak hat der Verbrennungs­motor jedoch noch vor sich, wenn man den Analysten der Boston Consulting Group Glauben schenkt. Sie erwarten ihn in fünf Jahren. Danach gehen die Verkaufszahlen zurück. 2030 sei die Hälfte der Neuwagen elektrisch betrieben. Die Schweizer Autoimporteure wollen bis 2022 wenigstens einen Markt­anteil von 15 Prozent erreichen. Auf ­dieses Ziel verständigte man sich im Mai an einem von Bundesrätin Doris Leuthard initiierten runden Tisch. Heute sind erst knapp 3 von 100 Neuwagen elektrisch angetrieben.

Laden und Kaffee trinken

Garagist Flury will vorne dabei sein. Er hat in seiner Verkaufsgalerie eine Ecke mit Elektroautos eingerichtet. Draussen, zwischen Showroom und Werkstatt, gibt es eine Zapfsäule mit 400 Volt, die maximal 100 Ampère liefert. Eine Schnellladung dauert 45 Minuten, eine gemächliche rund vier Stunden. Die drei Standplätze seien stets gut belegt, berichtet Flury. Während des Ladens schauen die Kunden dann auf einen Kaffee vorbei. Das ist gut. Kundenbeziehungen, predigt der Verband, würden für den Garagisten immer wichtiger.

«Die Lehrlinge werden auf die Neuerungen vorbereitet.»Markus Flury, Garagist

Flury gibt seinem Gewerbe trotz den Herausforderungen eine Zukunft. Darum bildet er weiterhin Lehrlinge aus. «Sie werden auf die Neuerungen vor­bereitet», weiss er. Etwas Wehmut al­lerdings schwingt beim 54-jährigen ­Familienvater schon mit. Er vermisst zunehmend die Emotionen. Jahrzehntelang bedeutete ein Auto Status, eine ­Investition in die Lebenslust. Das werde mit automatischen Fahrzeugen verloren gehen. Er sieht dies ja bei den eigenen Töchtern, 21 und 23 Jahre alt. Er musste sie überreden, überhaupt den Fahr­ausweis zu machen.

Weniger unterwegs werden die Menschen künftig aber nicht sein. Flury erwartet jedenfalls, dass die Kreuzung vor der Garage auch in Zeiten elektrischer Roboterautos dicht befahren bleibt. Die Garage hingegen, die 2019 ihr 50-jähriges Bestehen feiern kann, wird es so wahrscheinlich nicht mehr geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2018, 18:23 Uhr

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