Privatversicherung: Teuer und unnötig

Viele zahlen Unsummen für eine Privatversicherung, die gegenüber der Grundversicherung kaum Vorteile bringt.

Eine Privatversicherung bringt keine bessere Versorgung. Foto: Getty Images

Eine Privatversicherung bringt keine bessere Versorgung. Foto: Getty Images

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Heinz Marti* hat in seinem Leben viel Geld für Zusatzversicherungen ausgegeben, deren Leistungen er praktisch nie beansprucht hat. Als Berufstätiger war er privat versichert, seit der Pensionierung gemeinsam mit seiner Frau halbprivat. «Wenn ich im Spital bin, will ich nicht mit mehreren anderen Leuten ein Zimmer teilen», sagt er. Dafür war Marti bereit, einen höheren Preis in Kauf zu nehmen. Allein im laufenden Jahr zahlt er mit seiner Frau für den Zusatz Halbprivat 10'500 Franken.

Mit 75 Jahren hat Marti nun ein Alter erreicht, in dem Leute häufiger Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen. Das ist der Grund, weshalb viele ältere Menschen an dieser Zusatzversicherung festhalten, obwohl die Prämien mit dem Alter steigen. Auch ein Wechsel zu einem günstigeren Anbieter ist nicht mehr möglich, da die Versicherer wegen des höheren Risikos Ältere ablehnen. Marti hat sich anders entschieden. Vergangene Woche kündigte er die langjährige Zusatzversicherung. Die Dauer des Spitalaufenthalts werde laufend verkürzt, begründet er den Entscheid. «Mit dem eingesparten Geld können wir für wenige Tage im Jahr auch selber den Aufpreis für ein Einzelzimmer finanzieren», rechnet Marti vor.

Hinzu kommt, dass auch Grundversicherte zunehmend in Einzel- und Doppelzimmern einquartiert werden, ohne einen Franken mehr dafür bezahlen zu müssen. Die Spitäler schaffen die grossen Zimmer mit vier oder sechs Betten seit Jahren schrittweise ab. Es gibt auch schon Spitäler wie jenes in Schiers GR, die nur noch Einzelzimmer haben. Für diese Entwicklung werden verschiedene Gründe genannt wie tiefere Infektionsraten oder weniger Probleme bei der Belegung, da nicht nach Geschlechtern getrennt werden muss.

Eine Luxusversicherung

Dies ist mit ein Grund, dass Stefan Thurnherr, Versicherungsexperte beim Vermögenszentrum, den kostspieligen Zusatz Halbprivat oder Privat als «Luxusversicherung» bezeichnet. Und mit steigendem Alter wird die Versicherung auch noch schrittweise teurer, weil ältere Menschen zunehmend medizinische Leistungen beanspruchen.

Manche ältere Versicherte wollen nicht darauf verzichten, weil sie befürchten, bald auf medizinische Leistungen angewiesen zu sein. Doch der Unterschied zur Grundversicherung ist gering und wird laufend kleiner. In der Qualität der medizinischen Versorgung gibt es im Grunde keinen Unterschied. Für manche ist die freie Arztwahl der Grund, weshalb sie Jahr für Jahr Tausende Franken zusätzlich für eine Halbprivatversicherung ausgeben. Doch bei einem Notfall existiert sie ohnehin nicht. Und selbst bei geplanten Eingriffen ist dieser angebliche Vorteil zumindest fragwürdig.

«Die freie Arztwahl ist ein Mythos. Der Patient kann Ärzte nicht vergleichen.»Felix Schneuwly, Comparis

«Die freie Arztwahl im Spital ist ein Mythos», sagt Felix Schneuwly, Versicherungsexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Der Patient könne die Ärzte gar nicht vergleichen, da er keinen Zugang zu Daten über die Qualität ihrer Arbeit habe. Wenn es für einen Eingriff einen Spezialisten braucht, so wird dieser durch den Hausarzt vermittelt. Hier kann der grundversicherte Patient ebenso mitreden wie der privatversicherte. Doch mangels Vergleichsmöglichkeiten gibt es in der Regel wenig zu entscheiden. Und falls der Patient doch einmal gute Gründe oder nur schon ein ungutes Gefühl hat, so kann er einen Spezialisten ablehnen.

Kein Nachteil im Privatspital

Ein erfahrener Chirurg, der nicht namentlich genannt werden will, bestätigt, dass eine Halbprivatversicherung bei der freien Arztwahl eigentlich keine Vorteile bringe. An öffentlichen Spitälern erhalte der Versicherte damit zwar das Privileg, sich vom Oberarzt oder Chefarzt behandeln zu lassen. Doch bei komplizierteren Eingriffen stehen auch bei Grundversicherten die erfahrensten Experten am Operationstisch. Und schliesslich gebe es bei geplanten Eingriffen keine Garantie, dass der Chefarzt nur operiere, was in seiner Kernkompetenz liege. In Privatspitälern kann der Chirurg bei der medizinischen Behandlung gar keinen Unterschied zwischen Patienten mit und ohne Zusatzversicherung feststellen. Dort wählen Patienten frei spezialisierte Fachärzte aus, ohne jährlich Tausende Franken zusätzlich zahlen zu müssen. 

Die Zusatzversicherung kann sogar Anreize schaffen, die für den Patienten nicht immer gut sein müssen. «Oft gibt es Indikationen, bei denen sowohl eine Operation wie auch eine konservative Behandlung möglich wäre», sagt der Chirurg. Bei privat oder halbprivat Versicherten verdient ein Arzt aber mit einer Operation deutlich mehr. Das kann den Entscheid des behandelnden Arztes beeinflussen. Mit jeder Operation sind Risiken verbunden.

Zur freien Arztwahl gehört, dass Versicherte sich in einem Spital jenseits der Kantonsgrenzen behandeln lassen können. Für halbprivat und privat Versicherte ist das kein Problem. Doch oft reicht auch die Grundversicherung. Zum Beispiel bei Notfällen wird unabhängig vom Standort alles bezahlt – allenfalls muss der Patient eine geringe Tagespauschale übernehmen. Für die Bewohner von grossen Kantonen mit einem breiten Angebot an hochspezialisierter Medizin ist der Kantonswechsel ohnehin kein Thema. Und wenn die Behandlungstarife im anderen Kanton tiefer sind, fallen mit der Grundversicherung ebenfalls keine zusätzlichen Kosten an. Standardeingriffe in einem teuren Kanton können allenfalls schwieriger sein. Anstelle einer teuren Halbprivatversicherung gibt es dafür als Alternative den günstigen Zusatz «Allgemein ganze Schweiz».

Es geht nur um Komfort

Schneuwly verweist auf einen von Krankenkassen initiierten parlamentarischen Vorstoss. Dieser verlangt, dass sich Patienten unabhängig von Kantonsgrenzen in allen Spitälern behandeln lassen können, ohne für allfällige Preisdifferenzen die Verantwortung übernehmen zu müssen. «Dieser Vorstoss ist im Parlament mehrheitsfähig – wird er umgesetzt, braucht es nicht einmal mehr den Zusatz ‹Allgemein ganze Schweiz›», sagt Schneuwly. «Bei der Zusatzversicherung geht es um Komfort und nicht um die Sicherheit der medizinischen Versorgung», folgert er. 

Gibt es Fälle, in denen eine Privatversicherung trotzdem empfehlenswert ist? Schweizer Spitäler haben nach wie vor Mehrbettzimmer. Für kurze Aufenthalte ist es zwar oft günstiger, das Upgrade für ein Einzelzimmer selber zu zahlen. Wer für einen langen Spitalaufenthalt gewappnet sein will, sollte aber den Zusatz prüfen.

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 18:44 Uhr

Frist bis Ende September

Bei Zusatzversicherungen gilt ohne Prämienänderungen oft eine dreimonatige Kündigungsfrist. Viele Versicherte müssen also bis Ende September kündigen, wenn Sie 2019 Prämien sparen wollen. Im Unterschied zur Grundversicherung hat der halbprivat versicherte Patient Anspruch auf einen Platz in einem Zweibettzimmer und auf freie Arzt- sowie Spitalwahl. In öffentlichen Spitälern ist in der Regel ein Oberarzt für die Behandlung zuständig. Mit der Privatversicherung gibt es zudem ein Einzelzimmer. Und in der Regel ist in öffentlichen Spitälern der Chefarzt für den Patienten verantwortlich. (ki)

Günstigere Varianten

Wer nach günstigeren Lösungen sucht und auf den Komfort der Zusatzversicherungen Halbprivat und Privat nicht verzichten will, hat folgende Möglichkeiten:
Flex-Modell: Damit kann der Patient kurz vor dem Spitaleintritt entscheiden, ob er sich auf der allgemeinen, der halbprivaten oder privaten Abteilung behandeln lassen will. Krankenkassen verwehren allerdings älteren Menschen den Zugang zu dieser und nachfolgender Versicherung.
Hotellerieversicherung: Damit erhält der Patient den Komfort einer Halbprivat- oder Privatversicherung, aber ohne freie Arztwahl. (ki)

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