Hypotheken – abzahlen oder nicht?

Viele Wohneigentümer wollen mit einer Hypothek Steuern sparen – verlieren dabei jedoch oft Geld.

Steuerüberlegungen sollten beim Wunsch nach dem Eigenheim nicht im Vordergrund stehen. Foto: Keystone

Steuerüberlegungen sollten beim Wunsch nach dem Eigenheim nicht im Vordergrund stehen. Foto: Keystone

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«In Hunderten von Beratungsgesprächen ist das immer wieder ein Thema, und manchmal scheint es, als wären manche Kunden in diesem Punkt beratungsresistent», stellt Adrian Wenger ernüchtert fest. Der Immobilienexperte beim VZ Vermögenszentrum spricht davon, dass viele Wohneigentümer fälschlicherweise an den finanziellen Vorteil einer Hypothek glauben. Dies wegen der Steuerersparnis: Die Schuldzinsen einer Hypothek können in der Steuererklärung vom Einkommen abgezogen werden, was die Steuerlast senkt. Er werde deshalb immer wieder nach der «optimalen Grösse» einer Hypothek gefragt, sagt Wenger, obwohl es diese gar nicht gebe. «Ich kann mir nicht erklären, weshalb sich diese Stammtischweisheit derart hartnäckig hält.»

Die Mär vom finanziellen Vorteil der Steuerersparnis lässt sich mit einer einfachen Rechnung widerlegen. Ein Eigenheimbesitzer, der jährlich 5000 Franken Hypothekarzinsen bezahlt, kann davon rund 30 Prozent von den Steuern abziehen. Danach ist er immer noch mit 3500 Franken im Minus. Wer darauf verzichtet, mit seinem Einkommen die Hypothek abzuzahlen, kann die Ersparnisse für anderes verwenden. Nach der Erfahrung von Adrian Wenger belassen die meisten Leute dieses Geld auf Konten, die derzeit sehr wenig oder gar keinen Zinsertrag bringen.

Es gäbe durchaus Möglichkeiten, aus der Hypothek einen finanziellen Vorteil zu ziehen. Insbesondere auch dank der momentan tiefen Zinsen. Doch dafür müssten die Eigentümer mit dem Geld etwas anfangen. Zwei Strategien bieten sich an, die beide Vor- und Nachteile haben: Wertschriften und Pensionskasse.

Steuerfreie Kapitalgewinne

Langfristig erzielen Anlegerinnen und Anleger mit Wertschriften im Schnitt eine Rendite von über fünf Prozent; das belegen Erfahrungswerte aus den vergangenen Jahren. So geht die Rechnung auf: Nach Abzug der Schuldzinsen von derzeit etwa einem Prozent bleibt unter dem Strich ein Ertrag übrig. Darunter hat es zwar Dividenden, die auch zu versteuern sind, doch allfällige Kapitalgewinne mit Aktien sind steuerfrei.

«Es scheint, als wären manche Kunden gegenüber der Beratung resistent.»Adrian Wenger, Immobilienexperte

Die Kursschwankungen von Wertschriften sind allerdings nicht jedermanns Sache. «Es gibt Leute, die werden risikofreudig, wenn es an der Börse gut läuft und sie von Gewinnen hören oder lesen», erzählt Wenger. Sie möchten auch am Erfolg teilhaben, investieren ihr Vermögen. «Und wenn die Kurse einbrechen, verkaufen sie mit grossem Verlust – das lässt sich leider immer wieder beobachten.» Wer auf Wertschriften setzt, sollte dafür Risikobereitschaft und Risikofähigkeit mitbringen. Das Zweite bedeutet, dass ein Anleger Geld einsetzen kann, auf das er nicht zwingend angewiesen ist. Es kann mehrere Jahre dauern, bis sich Kurse erholen – für diese Zeit sollten genügend flüssige Mittel vorhanden sein, um beispielsweise eine medizinische Behandlung oder einen dringenden Liegenschaftsunterhalt begleichen zu können.

Die Pensionskasse nutzen

Als zweite Strategie kann der Eigenheimbesitzer anstelle einer Rückzahlung der Hypothek sein Geld auch in die Pensionskasse einzahlen. Damit spart er sogar mehrfach Steuern: Erstens darf der überwiesene Betrag vollständig vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden, zweitens fallen darauf in den Folgejahren keine Vermögenssteuern mehr an und drittens sind sogar noch die Vermögenserträge steuerfrei.

Wer die Einzahlungen klug staffelt und in nicht allzu grossen Beträgen auf mehrere Jahre verteilt, kann seine Steuerbelastung spürbar senken. Im Gegensatz zu Wertschriften drohen hier keine Kursschwankungen. Es ist aber empfehlenswert, sich vor der Einzahlung genau zu erkundigen, ob die Vorsorgeeinrichtung solide finanziert ist. Sonst können im schlimmsten Fall auch hier Verluste entstehen. Mario Bucher von der Vorsorgeberaterin PensExpert rät vor allem Leuten ab 50 Jahren, so die Altersvorsorge zu stärken. Auch jüngere Personen können Ihre Vorsorgelücke mit freiwilligen Einkäufen in die Pensionskasse äufnen. Oft benötigen sie ihre flüssigen Mittel aber anderweitig.

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Der Nachteil: Das Vorsorgekapital ist bis zur Pension gebunden. Eine vorzeitige Auszahlung ist nur für eine Hausfinanzierung, bei einem Wegzug ins Ausland oder der Aufnahme einer selbstständigen Erwerbstätigkeit möglich. Doch gemäss einer Berechnung von PensExpert spricht finanziell allerhand dafür: Demnach müssen Wertschriften je nach Steuerbelastung am Wohnsitz eine Rendite von fünf bis neun Prozent erzielen, damit sie finanziell gleich gut abschneiden wie der zusätzliche Einkauf in die Pensionskasse.

Fazit

Wenn Eigenheimbesitzer ihre Ersparnisse neben der Hypothek auf Bankkonten deponieren, verlieren sie Geld. Aufgrund der momentan tiefen Zinsen mag der Verlust manchen vielleicht nicht besonders schwerwiegend erscheinen. Doch wer meint, dies sei eine finanziell vorteilhafte Lösung, liegt falsch.

Wer eine höhere Rendite oder eine grössere Steuerreduktion erreichen will, sollte einen Teil der flüssigen Mittel in Wertschriften anlegen oder in die Pensionskasse einzahlen. Wenn diese beiden Alternativen aus individuellen Gründen nicht infrage kommen, ist es finanziell sinnvoller, die Hypotheken abzuzahlen, als das Geld auf einem Konto zu deponieren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.10.2018, 18:37 Uhr

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