Solardach gefällig? Oft folgt das böse Erwachen

Wer sein Haus mit einer Fotovoltaik­anlage ausstattet, denkt vor allem an die Einsparungen bei der Stromrechnung und an einmalige Steuerabzüge. ­Dabei geht oft vergessen, dass die Steuern jährlich ­wiederkehrend steigen.

Wer finanziell auf der sicheren Seite sein will, sollte vor dem Bau der Fotovoltaikanlage gut rechnen.

Wer finanziell auf der sicheren Seite sein will, sollte vor dem Bau der Fotovoltaikanlage gut rechnen. Bild: Fotolia

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G. * ärgert sich. «Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich auf diese Installation verzichtet», sagt er. Insgesamt 65'000 Franken hat G. für eine Fotovoltaikanlage ausgegeben. Zwar konnte er die Kosten vom steuerbaren Einkommen abziehen. Doch völlig unverständlich erscheint ihm, dass mit der Anlage auf dem Dach bei der amtlichen Bewertung 1,9 Raumeinheiten hinzugekommen sind. Die Behörden berücksichtigen jede Wertvermehrung beim amtlichen Wert und beim Eigenmietwert einer Liegenschaft in Form von Raumeinheiten, selbst wenn es nur um eine Dachinstallation geht.

Im ersten Moment hat G. den Eindruck, dass mit dem höheren amtlichen Wert die Vermögenssteuer zunimmt. Doch beim zweiten Blick stellt sich heraus, dass hier kein Grund zur Sorge besteht. Denn im gleichen Umfang, wie der Wert der Liegenschaft mit neuen Investitionen wächst, sinkt der Kontostand. Unter dem Strich bleibt das Vermögen also gleich.

Neu hinzu kommt auch eine Liegenschaftssteuer von 1,5 Promille. Doch diese wird kompensiert. Die Anlage auf dem Haus wird steuerlich nur zu rund 70 Prozent des investierten Kapitals bewertet. Damit sinkt die Vermögenssteuer so weit, dass die Liegenschaftssteuer unter dem Strich nicht mehr ins Gewicht fällt.

Mehr Einkommenssteuern

Was aber steigt, ist der Eigenmietwert der Liegenschaft. Er nimmt zu, sobald ein Hausbesitzer einen Teil des Sonnenstroms selber konsumiert. Bei der Höhe orientiert sich die Steuerverwaltung am Anteil des Eigenverbrauchs. G. nutzt durchschnittlich 10 Prozent des auf seinem Dach produzierten Stroms selber, der Rest fliesst ins Netz. Damit steigt für ihn die Einkommenssteuer um jährlich 70 Franken. Zum besseren Verständnis der Überlegungen zur Foto­voltaik wurde die gleichzeitig installierte Solarthermie zur Warmwassererzeugung hier nicht ­berücksichtigt, die für G. den Ei­genmietwert zusätzlich erhöht.

Bei grösserem Eigenverbrauch kann die Einkommenssteuer deutlich höher ausfallen. Die Berechnung ist kompliziert. Nur Fachleute von der kantonalen Steuerverwaltung oder bei grösseren Gemeinden können präzise Angaben machen. In einer Überschlagsrechnung ist jedoch auch eine recht zuverlässige Annäherung möglich (siehe Box).

Einmalige Steuerersparnis

Doch lohnt sich die Fotovoltaik auch bei den Steuern. So konnte G. die 65'000 Franken vom steuerbaren Einkommen abziehen. Die Subvention von 18'000 Franken musste er zwar wiederum versteuern. Unter dem Strich blieb aber ein Abzug von 47'000 ­Franken. Dadurch ­reduzierte sich die Steuerrechnung um satte 14'100 Franken. ­Einige Hausbesitzer irritiert, wenn sie die Subvention etwas später erhalten und diese erst im Folgejahr als zusätzliches Einkommen versteuern müssen. In der Gesamtrechnung profitierten sie ­jedoch von einer stattlichen Steuerreduktion.

Strompreise berücksichtigen

Den grossen Frust erlebte G. mit der Entwicklung der Strompreise. Als er sich für den Bau der Anlage entschloss, rechnete er mit einer Vergütung von 13 Rappen je Kilowattstunde. Doch dann kam es zum Preiszerfall. Heute bekommt G. noch 8,8 Rappen je Kilowattstunde. Und das auch nur, weil er bei einer lokalen Stromversorgung angeschlossen ist. Die BKW würde ihm nicht einmal mehr die Hälfte davon bezahlen. «Zuerst ging ich davon aus, dass sich die Anlage im Laufe der Zeit amortisieren würde, daran glaube ich heute nicht mehr», meint G. ernüchtert. Da er den grössten Teil des selber produzierten Stroms verkauft, fällt der Preis stark ins Gewicht.

Und schliesslich zahlt G. auch auf dem Stromertrag Steuern. Und das nicht zu knapp. Denn der Grenzsteuersatz auf dem zusätzlichen Einkommen beträgt rund 30 Prozent. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der Einnahmen an den Staat zurückfliesst. Vom jährlichen Ertrag in Höhe von 1300 Franken bleiben also noch etwa 900 Franken übrig. Rentabler Privatverbrauch

Nun kann G. für seinen Privat­gebrauch günstiger Strom beziehen. Über 25 Jahre gerechnet koste die Produktion auf dem Dach eines Einfamilienhauses durchschnittlich 15 Rappen pro Kilowattstunde, sagt der Elektroplaner Jürg Grossen. Für den Hochtarif zahlt der Konsument bis zu 30 Rappen. Tagsüber, wenn die Fotovoltaikanlage am meisten Strom liefert, profitieren Besitzer einer Fotovoltaikanlage also von einer Reduktion um bis zu 50 Prozent.

Generell gilt: Je ­höher der Eigenverbrauch ausfällt, desto besser ist die Rendite. Experten können hier Tipps geben – zum Beispiel mit Elektrofahrzeugen lässt sich die private Nutzung deutlich steigern. Der Niedertarif ist in dieser Rechnung vernachlässigbar, weil die Differenz zu den Gestehungs­kosten klein ist und weil die Fotovoltaikanlage nachts keinen Strom produziert.

Über alles gesehen ergibt sich für G. nach 25 Jahren – das ist die übliche Garantiezeit einer Fotovoltaikanlage – ein Ertragsüberschuss von rund 600 Franken. Dabei ist die Solarthermie nicht eingerechnet. Natürlich sind ­Änderungen beim Strompreis möglich, doch derzeit sind keine Erhöhungen in Sicht. G. hätte sich mehr erhofft, zumal seine Bilanz zusammen mit der Warmwasseraufbereitung durch die Solarthermie etwas schlechter aussieht. Trotzdem will er die Nutzung der Sonnenenergie nicht verteufeln. «Wer ein solches ­Projekt plant, sollte aber vorher gut rechnen und auch die Steuern einbeziehen», sagt er.

Auch politisch umstritten

Die steuerliche Belastung von Fotovoltaikanlagen ist umstritten. Vor Gericht sind mehrere Fälle hängig, im Grossen Rat des Kantons Bern wurde ein Vorstoss überwiesen, und im November wird sich das Kantonsparlament im Rahmen der Steuergesetz­revision mit dieser Frage be­fassen. Einer der Kernpunkte dieser Debatten: Gehört eine Fotovoltaikanlage zum Gebäude oder nicht? Falls nicht, gäbe es Erleichterungen bei Vermögenssteuer und Eigenmietwert. ­Vielleicht dürfte aber auch die ­Investition für den Bau der­Anlage nicht mehr ab­gezogen werden.

* Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.06.2017, 13:03 Uhr

Faustregel: Berechnung des neuen Mietwerts

Der zusätzliche Eigenmietwert einer Fotovoltaikanlage kann annäherungsweise mit rund 4 Prozent der Baukosten kalkuliert werden. Die präzise Berechnung der Steuerverwaltung ­ergibt erfahrungsgemäss nur leicht tiefere Werte. Eine Anlage durchschnittlicher Grösse kostet etwa 25'000 Franken. Das ergibt demnach einen Eigenmietwert von 1000 Franken.

Der Eigenverbrauch liegt oft bei rund 30 Prozent. Somit gelten 300 Franken als zusätz­liches steuerbares Einkommen. Bei einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent steigt die jährliche Steuerrechnung um 90 Franken. Je nach Höhe des gesamten steuerbaren Einkommens kann der Grenzsteuersatz etwas höher oder tiefer ausfallen. Für genauere Berechnungen zum Eigenmietwert können Experten der Steuerverwaltung weiterhelfen (Telefon: 031 633 66 40). ki

Günstigere Batterien: Der Eigenverbrauch dürfte steigen

Laut Jürg Grossen, dem Experten für Fotovoltaikanlagen, dürfte der Eigenverbrauch in den kommenden Jahren steigen: «Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass die Batterien so günstig sind, dass Eigenheimbesitzer den tagsüber produzierten Strom speichern und in der Nacht nutzen werden.» Damit dürfte der Bau von Fotovoltaikanlagen tendenziell rentabler werden. Denn mit höherem Eigenverbrauch können Hauseigentümer mehr Stromkosten sparen. ki

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