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So geht China per Handy durch die Corona-Krise

Das Leben im Reich der Mitte verlagert sich auf Apps. Diese entscheiden zum Beispiel, wohin man noch gehen darf.

Alle Daten werden direkt an die Behörden weitergeleitet, genauso wie die Bewegungsprofile: Ein Mann in Peking blickt auf sein Smartphone. Foto: Getty Images
Alle Daten werden direkt an die Behörden weitergeleitet, genauso wie die Bewegungsprofile: Ein Mann in Peking blickt auf sein Smartphone. Foto: Getty Images

Ein Land in Quarantäne, Millionen Menschen sind zu Hause weggeschlossen aus Angst vor dem Virus. Allmählich laufen in den Fabriken zwar wieder die Bänder an, viele Büros füllen sich, doch von Normalität ist China weit entfernt. Das Coronavirus hat das Leben in der Volksrepublik nachhaltig verändert, nur wer eine Maske trägt, darf wieder an den Arbeitsplatz.

Auch die digitale Welt ist nicht mehr, wie sie einmal war. Apps, die vor ein paar Wochen noch kaum jemand kannte, sind über Nacht populär geworden – vor allem Dienste, die zum Reich des Internetgrosshändlers Alibaba gehören. Massiv ausgebaut hat auch der Staat seine Onlineüberwachung.

Mit einem roten Schal vor dem Bildschirm

Schulen und Universitäten sind noch immer geschlossen. Der Unterricht findet dennoch statt – im Internet. Und zwar meistens über Dingtalk, eine Alibaba-App. Die im Jahr 2014 programmierte Software war eigentlich für Konferenzen und Besprechungen in Unternehmen gedacht. In der ersten Schulwoche nach dem Frühlingsfest war Dingtalk die am häufigsten heruntergeladene App Chinas, noch vor dem omnipräsenten Dienst Wechat, den praktisch jeder Chinese auf dem Smartphone installiert hat. Mehr als 50 Millionen Schüler werden derzeit via Dingtalk unterrichtet.

Praktisch das ganze Schulleben findet nun im Internet statt, selbst der wöchentliche Fahnenappell. Die Schüler müssen sich vor den Laptops und Tablets erheben, aus den Lautsprechern ertönt die Nationalhymne. «Mit einem roten Schal um den Hals, vor dem Bildschirm stehend, die rote Flagge mit fünf Sternen begrüssen», schrieb Chinas amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, sei «ein unvergessliches Erlebnis.»

Mancher der verwendeten Dienste hat jedoch seine Tücken. Als im Biologieunterricht ein Lehrer von Spermien und Eizellen sprach und die Zellteilung erklärte, brach abrupt die Verbindung zusammen. Auf dem Display der Schüler war nur noch zu lesen, dass die Übertragung gegen die Nutzungsrichtlinien verstossen habe. Die ganz alltägliche Zensur in China.

Über die Quarantäne entscheidet ein Algorithmus

Wer muss in Quarantäne, und wer darf sich frei bewegen? Bald entscheidet auch das eine App. Der Dienst wird von Ant Financial betrieben, einer Tochtergesellschaft von Alibaba. In Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang, wo auch Alibaba seinen Sitz hat, ist das Verfahren schon etabliert. Kommt jemand in eine Polizeikontrolle oder will nur einen Supermarkt betreten, wird er aufgefordert, seine Ant-Financial-App vorzuzeigen. Zu sehen ist dann ein QR-Code in drei Farben: grün (man darf sich frei bewegen) gelb (sieben Tage Quarantäne) oder rot (zwei Wochen Isolation).

Ein Mann bestellt mit einer App an einer Tankstelle in Peking Lebensmittel, während sein Auto aufgetankt wird. Foto: Reuters
Ein Mann bestellt mit einer App an einer Tankstelle in Peking Lebensmittel, während sein Auto aufgetankt wird. Foto: Reuters

Welche Farbe man zugeteilt bekommt, errechnet ein undurchsichtiger Algorithmus basierend auf Reiseinformationen und Herkunft, die man in ein Formular eintragen muss. Alle Daten werden direkt an die Behörden weitergeleitet, genauso wie die Bewegungsprofile. Zu jeder Zeit lässt sich so für den Staat nachvollziehen, wo man sich aufhält. Das System ist bereits in 200 Städten im Einsatz und soll demnächst landesweit eingeführt werden.

Alibaba profitiert

Zu den grössten Nutzniessern der staatlich angeordneten Isolation ist die Alibaba-Kette Hema geworden. In 20 Städten betreibt sie Läden, liefert aber auch in Windeseile bis vor die Haustür. Seit neustem verkauft Hema auch Medikamente und Drogerieartikel. Das Bestellvolumen hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt. Auch beim Wettbewerber Meituan Maicai haben die Lieferungen deutlich zugenommen. Die Epidemie hat vor allem viele Menschen mittleren und älteren Alters dazu veranlasst, den Onlinehandel auszuprobieren. Beim Alibaba-Dienst hat sich seit dem Frühlingsfestival die Anzahl der Online-Lebensmittelbestellungen von Nutzern über 60 Jahren vervierfacht.

Eingebrochen hingegen sind die so beliebten Bestelldienste für Essen. Bis vor ein paar Wochen noch konnte man die Fahrer auf ihren Elektrorollern überall sehen, selbst in Tibet. Das ist vorbei. Viele Restaurants haben dichtgemacht, weil keine Kunden kommen, zudem ist die Sorge verbreitet, das gelieferte Essen könne eventuell virenverseucht sein.

Die Folge: Viele Chinesen kochen selbst, und zwar Rezepte der App Xiachufang, eine Mischung aus Kochbuch und Instagram. Die Nutzungsaktivität hat sich in den vergangenen Tagen versechsfacht. Selbst für das ansonsten hohe Tempo in China ist das atemberaubend schnell.

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