Selbst Syngenta rechnet mit Verbot der meisten Pestizide

Der Basler Konzern stellt sich auf eine Landwirtschaft in Europa mit weniger Chemie ein. Er geht davon aus, dass sich das auch auf den Anbau im Rest der Welt auswirkt. 

Die Chemie soll neuen Wirkstoffen weichen. Foto: Keystone

Die Chemie soll neuen Wirkstoffen weichen. Foto: Keystone

Syngenta fungiert wie ein Barometer für die Entwicklung der Landwirtschaft: Der Agrarchemiekonzern braucht zehn Jahre für die Entwicklung neuer Spritzmittel gegen Unkraut, Pilze und schädliche Insekten. Deshalb muss er den durch Regulierungen bestimmten Markt weit voraus einschätzen können.

Nun sieht er die Zeichen auf Grün: «Wir müssen Produkte mit weniger Rückständen erforschen, wegen der veränderten gesellschaftlichen Akzeptanz», sagt die Nachhaltigkeitschefin des Konzerns, Alexandra Brand. Sie will damit vor allem dem europäischen Markt gerecht werden, dem es zunehmend um eine umweltfreundliche Landwirtschaft geht. Denn der Konzern ist alarmiert.

Syngenta machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von insgesamt 13,5 Milliarden Franken, den meisten davon allerdings ausserhalb Europas. Das Schwergewicht des Konzerns liegt auf Nord- und Südamerika und seinen gigantischen Acker- und Weideflächen. Dort ist noch immer das globale Agrarzentrum der Welt, was sich auch daran zeigt, dass Syngenta vor zwei Wochen den Brasilianer und Ex-Petrobras-Chef Pedro Parente neu in seinen Verwaltungsrat aufgenommen hat – obwohl der Konzern seit 2017 der chinesischen Chemchina gehört. Dennoch fürchtet sich Syngenta vor den Veränderungen in Europa. Warum?

«Von 1000 Substanzen werden vielleicht 300 bleiben»

Der Wandel in Europa dürfte weltweite Auswirkungen haben. Die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide»sieht nicht nur ein Verbot für deren Einsatz in der Schweiz vor. Sondern sie will auch den Import so behandelter Lebensmittel verbieten, wodurch die Einschränkung in der Schweiz auch über ihre Grenzen hinaus wirken würde. Das ist auch der Grund, warum Syngenta den von der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigten Green Deal fürchtet. Denn er könnte weit über Europa hinaus den Einsatz von Spritzmitteln verändern.

«Wir müssen uns auf die Zukunft einstellen», sagt Xavier Leprince, der bei Syngenta für Nachhaltigkeit im Europa-Geschäft und wie Brand zugleich auch für die Behörden zuständig ist. Er geht von einem einschneidenden Wandel aus: In den nächsten fünf Jahren dürften zwei Drittel der derzeit zugelassenen Wirkstoffe für Spritzmittel in der EU verboten werden. «Von über 1000 Substanzen werden noch 200 bis 300 bleiben», so Leprince. Schon jetzt sei es so, dass für vier der Wirkstoffe, die die EU vom Markt nimmt, nur ein neuer nachkomme.

Niedrigere Grenzwerte für Bananen und Ananas

Mit den Substanzen, die die EU verbietet, dürfen dann auch keine Bananen, Ananas oder andere Lebensmittel mehr behandelt sein, die von ihr importiert werden. Jedenfalls sollten sie keine hohen Rückstände der Wirkstoffe mehr aufweisen. Leprince geht davon aus, dass die Grenzwerte hierfür dann noch stärker limitiert werden. Und genau dies ist der Grund, warum sich Syngenta jetzt daranmacht, nach neuen Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden zu forschen, die weniger Rückstände aufweisen. 

Ohne neue Spritzmittel gebe es keine Lösungen gegen Schädlinge, und Erträge und Qualität der Ernte würden leiden, betont Syngenta.

Der Vorlauf, den es braucht, um neue Pestizide zu lancieren, ist beträchtlich. Syngenta muss in seinem grössten Forschungszentrum in SteinAG zwischen 100’000 und 160’000 Substanzen testen, um einen neuen Wirkstoff zu finden. Dieser muss dann auf seine Auswirkungen auf die Umwelt erprobt werden. Die Forschung dauert bis zu vier Jahre, das Zulassungsverfahren dauert rund fünf bis sechs Jahre. Die Forschungs- und Entwicklungskosten für ein neues Spritzmittel betragen im Schnitt über 280 Millionen Dollar, wie der Konzern angibt.

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