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Schweden wagt den Ausstieg aus den Negativzinsen

Die schwedische Notenbank wird voraussichtlich am Donnerstag ihre Politik negativer Leitzinsen beenden. Warum wagt das Land etwas, das offenbar in der Schweiz nicht geht?

Die Landeswährung Krone schwächelt: Schwedische Münzen und Noten. Foto: Getty Images
Die Landeswährung Krone schwächelt: Schwedische Münzen und Noten. Foto: Getty Images

Kein Zinsentscheid weckt gegenwärtig mehr Interesse als jener der Reichsbank – Schwedens Notenbank – am kommenden Donnerstag. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird sie ihren Leitzins von minus 0,25 Prozent auf 0 Prozent anheben und damit die Politik der Negativzinsen beenden. Das erwarten die meisten Analysten, und die Reichsbank selbst hat das im Oktober angedeutet.

Damit setzt sie sich deutlich von der Politik ab, wie sie die Schweizerische Nationalbank (SNB) verfolgt, deren Leitzins mit minus 0,75 Prozent so tief ist wie nirgendwo sonst. Negativzinsen bedeuten, dass man für Ausleihungen etwas bezahlen muss, statt einen Zins dafür zu erhalten. Erst letzte Woche haben die Europäische Zentralbank und die SNB erneut deutlich gemacht, dass sie an ihrem Negativzins noch für unbestimmte Zeit festhalten wollen.

Wie jene der Schweiz ist auch die schwedische Wirtschaft stark auf den Aussenhandel angewiesen. Die aktuelle Schwäche der Weltwirtschaft belastet deshalb vor allem den für Schweden besonders wichtigen Industriesektor. Das gesamte Wirtschaftswachstum ist gering, und die Arbeitslosigkeit steigt – aktuell beläuft sie sich auf 7 Prozent.

Die Konjunkturlage spricht dagegen

Die schwache Konjunkturlage Schwedens spricht gegen eine Aufhebung der Negativzinsen. Wieso wagt die Reichsbank diesen Schritt dennoch? Und wieso nicht die SNB? Darauf angesprochen, verwies SNB-Präsident Thomas Jordan an seiner Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag auf die Währung des skandinavischen Landes: «Die schwedische Krone ist kein sicherer Hafen.» Weil der Franken noch immer hoch bewertet sei und bei Unsicherheiten auf den globalen Märkten Sicherheit verspreche, brauche die Schweiz tiefere Zinsen als der Rest Europas, argumentiert die SNB. Nur das mindere die Attraktivität der Schweizer Währung und verhindere eine zu starke Aufwertung.

Die Schweiz brauche tiefere Zinsen als der Rest Europas, sagt SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone
Die Schweiz brauche tiefere Zinsen als der Rest Europas, sagt SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone

Schweden hat genau das umgekehrte Problem: Die Landeswährung Krone tendiert zur Schwäche. Und ebenfalls im Gegensatz zur Schweiz – wo der starke Franken die Politik beschäftigt – ist dort die Währungsschwäche ein grosses Thema. Im Februar hat die Krone handelsgewichtet den tiefsten Wert ihrer Geschichte erreicht, wie der «Economist» mit Verweis auf einen Analysten von Nordea, der grössten skandinavischen Bank, schreibt. Nordea hat deshalb die Reichsbank als «Kronen-Killermonster» bezeichnet.

Selbst ehemalige schwedische Premierminster wie Carl Bildt oder Goran Persson haben öffentlich die Schwäche der Krone kritisiert und den Umstand, dass deswegen schwedische Anlagen für Ausländer zu Discountpreisen zu haben seien. Der Frust über die Negativzinsen – vor allem wegen der schwachen Krone – ist in der Bevölkerung so gross, dass Reichsbankchef Stefan Ingves sich im letzten Mai von drei Bodyguards an eine Konferenz begleiten lassen musste, wie mehrere Medien berichteten. Als die Reichsbank die Negativzinsen bereits im August von minus 0,5 auf minus 0,25 Prozent reduzierte, änderte das nichts an der Schwäche der Krone.

Immobilienmarkt als Hauptrisiko

Unbeliebt sind die Negativzinsen in Schweden aber auch aus anderen Gründen: Wie in der Schweiz schaden sie den Sparern und befeuern die Verschuldung – besonders durch Hypotheken. Und auch in Schweden zeigen sich die Folgen in stark gestiegenen Preisen auf den Immobilienmärkten. Diese Entwicklung gilt als das grösste Risiko für Schwedens Wirtschaft. Kredite an Immobiliengesellschaften und Hypotheken an Privatpersonen machen drei Viertel aller Ausleihungen der Banken in Schweden aus.

Gänzlich unbestritten ist die zu erwartende Aufhebung der Negativzinsen angesichts der schwachen Konjunkturlage aber auch in Schweden nicht. Als scharfer Kritiker zeigt sich einmal mehr der Ökonom Lars Svensson, einst Vizepräsident der Reichsbank und einer der führenden Geldtheoretiker weltweit. Gegenüber Bloomberg meinte er, seine Ex-Kollegen seien von einer «irrationalen Angst vor Negativzinsen» getrieben. 2013 verliess Svensson die Reichsbank unter Protest, weil sie gegen seinen Willen die Leitzinsen erhöht hatte. In der Folge musste die Reichsbank diese wegen der Konjunkturschwäche wieder senken.

Gut möglich, dass die Schwedische Reichsbank auch diesmal bald wieder eine Kehrtwende vollzieht. Eine Anhebung der Zinsen auf mehr als 0 Prozent ist ohnehin nicht zu erwarten. Der Entscheid vom Donnerstag dürfte jedenfalls bei anderen Notenbankern auf grösstes Interesse stossen – besonders bei der SNB. Daraus lassen sich möglicherweise Lehren dafür ziehen, wann der eigene Ausstieg möglich wird und mit welchen Folgen zu rechnen ist.

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