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Für die volle Rente müssen auch Frauen bis 65 arbeiten

Bei über einem Drittel aller Pensionskassen gilt für Frauen Rentenalter 65. Finanziell lohnt sich das – aber nur, wenn der Arbeitgeber mitmacht.

Bei vielen Pensionskassen ist gleiches Rentenalter für Frau und Mann bereits Realität. Foto: iStock
Bei vielen Pensionskassen ist gleiches Rentenalter für Frau und Mann bereits Realität. Foto: iStock

An die Pensionierung dachte ­Alexandra Graf (Name geändert) noch lange nicht. Die lag für sie noch eine Weile weg. Umso überraschter war sie deshalb, als ihr Vorgesetzter sie Anfang Jahr darauf ansprach. «Er erinnerte mich daran, dass ich diesen Herbst das AHV-Alter erreiche und somit pensioniert werde.»

Damit war Alexandra Graf nicht einverstanden. Denn in der Pensionskasse ihres Arbeitgebers liegt das ordentliche Rentenalter für Männer und Frauen bei 65. Sie teilte ihrem Chef deshalb mit, dass sie erwarte, bis 65 weiter beschäftigt zu werden. Nur so könne sie, gleich wie ihre männlichen Arbeitskollegen, eine ordentliche und nicht bloss eine reduzierte Rente beziehen, sagt Graf. Andernfalls werde sie diskriminiert.

Paradox, aber zulässig

Es mag paradox scheinen, dass eine Pensionskasse das ordentliche Pensionierungsalter für beide Geschlechter auf 65 Jahre festlegt, wo doch das gesetzliche Rentenalter für Frauen noch immer bei 64 liegt. Doch ist dies rechtlich zulässig, solange die Frauen trotzdem mit 64 in Rente gehen können und das gesetzliche Minimum garantiert ist. Reguläres Pensionsalter 65 bedeutet, dass die Kasse mit 65 eine volle Rente gewährt. Wer schon mit 64 aufhört zu arbeiten, muss eine Kürzung in Kauf nehmen.

Gemäss der jährlichen Pensionskassenstudie von Swisscanto hatten 2018 bereits 36 Prozent aller Vorsorgeeinrichtungen das reguläre Rücktrittsalter für Mann und Frau auf 65 festgelegt. ­Besonders verbreitet ist die Praxis bei den Pensionskassen von öffentlichen Verwaltungen und Betrieben. Da sehen 58 Prozent auch für Frauen ein Rentenalter 65 vor, bei den privaten Kassen sind es immerhin ein Drittel.

Beim Bund werden Arbeitnehmerinnen automatisch mit 64 pensioniert. Der Bundesrat will dies nun ändern.

Rentenalter 65 in der Pensionskasse bedeutet indes nicht, dass Frauen, die einer solchen Kasse angehören, automatisch einen Anspruch haben, bis 65 weiterarbeiten zu können. Denn angestellt werde man nicht durch die Pensionskasse, sondern vom Arbeitgeber, sagt Thomas Geiser, emeritierter Rechtsprofessor der Universität St. Gallen. Und der Arbeitgeber sei nicht verpflichtet, eine Person bis zum Rentenalter zu beschäftigen. Auch gebe es im Arbeitsrecht keinen solchen Anspruch. Somit ist es zulässig, dass ein Arbeitgeber seine weiblichen Angestellten mit 64 pensioniert, obwohl die Pensionskasse seines Betriebs Rentenalter 65 vorsieht. Dagegen haben die betroffenen Frauen rechtlich keine Handhabe.

Dennoch sieht Geiser eine Möglichkeit für die betroffenen Frauen, sich zu wehren. Der Arbeitgeber müsse kündigen, wenn seine Angestellten nicht von sich aus bereits mit 64 in Rente gehen wollen. Kündigt er aber nur den weiblichen Angestellten mit 64, den männlichen Mitarbeitenden hingegen nicht, könnten die Frauen gegen die Kündigung klagen und eine Diskriminierung geltend machen.

Eine Stichprobe zeigt, dass Arbeitgebende den Frauen eher entgegenkommen.

Wie gut die Chancen einer solchen Klage stehen, lässt sich kaum abschätzen. Entsprechende Urteile zur geschilderten Situation gibt es nicht. Und selbst wenn das Gericht eine Diskriminierung anerkennen würde, haben die betroffenen Frauen zwar eine Entschädigung von maximal sechs Monatslöhnen zugute; einen Anspruch auf Weiterarbeit bis 65 erreichen sie damit aber nicht.

Im Fall von Alexandra Graf beharrte der Arbeitgeber auf der Pensionierung mit 64. Zu einer rechtlichen Auseinandersetzung wollte es Graf nicht kommen lassen, doch gab sie auch nicht klein bei. Schliesslich erreichte sie, dass der Arbeitgeber sich bereit erklärte, ihre Pensionskassenbeiträge für das fehlende Jahr bis 65 zu übernehmen. Das sei zwar weniger, als sie sich gewünscht habe, aber besser als befürchtet, sagt Graf.

Wie verbreitet die Praxis ist, Frauen automatisch mit 64 zu pensionieren, auch wenn die Pensionskasse Rentenalter 65 vorsieht, ist nicht bekannt. Eine Stichprobe zeigt, dass Arbeitgebende den Frauen eher entgegenkommen.

So ist es zum Beispiel in der Verwaltung von Basel-Stadt nicht möglich, weibliche Angestellte gegen deren Willen mit 64 zu pensionieren, teilt der kantonale Personaldienst mit. Gleiches gilt in der kantonalen Verwaltung von Zürich sowie am Universitätsspital: Weibliche Angestellte haben demnach einen Anspruch, wie die Männer bis 65 arbeiten zu können. Auch bei der Berner Kantonalbank und der Credit Suisse ist die Gleichbehandlung von Frauen und Männern bei der Pensionierung garantiert, wie die beiden Banken mitteilen.

Nicht mehr zeitgemäss

Beim Grossverteiler Coop endet das Arbeitsverhältnis jedoch mit dem AHV-Alter. Für Frauen also mit 64. Eine freiwillige Weiterbeschäftigung ist nur in Einzelfällen möglich. Selbst in der Bundesverwaltung werden Arbeitnehmerinnen nach wie vor automatisch mit 64 pensioniert.

Allerdings profitieren die weiblichen Bundesangestellten mit 64 Jahren vom gleichen Rentenumwandlungssatz wie ihre männlichen Kollegen mit 65. Dadurch fällt die Rentenkürzung geringer aus. Dennoch ist sich auch der Bundesrat bewusst, dass es vor dem Hintergrund der Diskussion über ein höheres Frauenrentenalter nicht mehr passend ist, den Frauen eine Weiterbeschäftigung über 64 ­hinaus zu verwehren. Er hat sich deshalb in der Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss bereit erklärt, die rechtlichen Bestimmungen anzupassen und den weiblichen Angestellten der Bundesverwaltung einen Anspruch auf Weiterarbeit bis 65 einzuräumen.

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