Radio ja, Facebook nein

Wenn Autofahrer nebst dem Fahren gleich auch noch online sind, wird es gefährlich. Wie gefährlich, das zeigt eine neue Studie.

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Seraina Kobler@SerainaKobler

Auf der Autobahn ein Foto posten, an der roten Ampel die Mails checken und bei voller Fahrt telefonieren – Autohersteller werben mit immer raffinierterem Infotainment an Bord. Durch die Ablenkung steigt das Unfallrisiko, das zeigen neue Testergebnisse.

Sie sollen den Fahrer nicht ablenken und kinderleicht zu bedienen sein: neue Kommunikationssysteme in Autos. Touchscreens und Tastaturen erobern immer mehr Platz im Bereich der Mittelkonsole und des Lenkrads. Doch nicht alles, was Autohersteller technisch möglich machen, ist für die Verkehrssicherheit sinnvoll. Eine Praxisstudie der Universität Salzburg und des Auto Clubs Europa (ACE) zeigt, dass von neuen, technisch optimierten Sprachsteuerungssystemen eine erhöhte Unfallgefahr ausgeht. Für die Studie wurden die Kommunikationssysteme von BMW, Audi und Mercedes-Benz miteinander verglichen und getestet.

Kein durchdachtes Konzept vorhanden

Das System von BMW schnitt dabei gemessen am Ablenkungspotenzial und Betriebsaufwand am besten ab, dicht gefolgt von Audi. Auf dem dritten Platz landete Mercedes-Benz. Keiner der drei Hersteller verfüge laut Studie über ein «wirklich durchdachtes Konzept zur Nutzung von Internet im Fahrzeug». Der ACE fordert von den Fahrzeugherstellern weitere Anstrengungen auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung, wie das «Handelsblatt» schreibt. Zudem erhöhe die zunehmende Bedienung der Technik die Anforderungen an die Fahrer. Die Experten des ACE mahnen: «Wer in seinem Auto die Armaturen und Displays wie im Cockpit eines Jets bedienen will, der muss auch die für einen Piloten geltenden Sicherheitsanforderungen gelten lassen.»

Die Fahrzeughersteller kontern die Kritik der Studie. Tim Fronzek, Pressesprecher bei Audi, sagt: «Wir stehen als Hersteller mit den Smartphones in direkter Konkurrenz.» Nach internen Untersuchungen sei die Ablenkung durch Smartphones während der Fahrt achtmal höher als durch die Nutzung des Kommunikationssystems. Das Internet aus dem Auto zu verbannen, sei sowieso nicht mehr möglich, da es für die meisten Kunden selbstverständlich sei, ständig online zu sein. BMW verweist auf seine eigenen Simulationstests. «Das Bordsystem muss so einfach zu bedienen sein wie ein Autoradio», sagt Mediensprecher Sven Grützmacher. Videos und SMS seien während der Fahrt nur eingeschränkt nutzbar und Facebook-Statusmeldungen nur mit einer vorgefertigten Nachricht möglich. Bei Mercedes-Benz heisst es, dass alle Normen und Richtlinien eingehalten werden.

Beim Autofahren gebe es generell viel Ablenkungsmöglichkeiten, sagt Uwe Ewert, Mitarbeiter Forschung bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung Schweiz. Jede visuelle Ablenkung verlängere aber die Reaktionszeit. So lege ein Fahrzeug mit 50 Stundenkilometern schon 28 Meter bei zwei Sekunden Verzögerung zurück. «Dennoch ist eine Sprachsteuerung sicher besser als eine Steuerung, die Blickkontakt benötigt», sagt Ewert. Zudem sollten während der Fahrt nur Instrumente bedient werden, die für das Autofahren notwendig seien. Facebook, SMS und E-Mail gehörten hier definitiv nicht dazu – Klimaanlage und Radio hingegen schon.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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