Quickline fordert Swisscom heraus

Nach fast drei Jahren Entwicklungszeit lanciert der Kabelnetzverbund Quickline seine neue TV-Box. Die Plattform setzt auf ein personalisiertes Fernseherlebnis.

«My Page» ist die persönliche Programmzeitschrift, auf welcher beispielsweise profilbasierte Filmtipps angezeigt werden.
Jon Mettler@jonmettler

Im Kampf um Fernsehkunden stellt Quickline das persönliche TV-Erlebnis in den Vordergrund: Ab sofort ist die dafür nötige ­neuartige TV-Box des überregionalen Kabelnetzverbundes mit Sitz in Nidau bei Biel erhältlich. Quickline hatte im Jahr 2014 mit der Entwicklung des Geräts begonnen.

Das Prinzip der Box: Sie erkennt die Vorlieben der Nutzer und passt die Fernsehinhalte dementsprechend an. Zwei neue Funktionen der Plattform veranschaulichen dies: «My Channel» heisst der Fernsehkanal, auf dem jeder Zuschauer persönliche Vorschläge zu Sendungen findet, die zu ihm passen.

«My Page» ist eine persönliche Programmzeitschrift, die Filmtipps, Empfehlungen zu Sendungen, Aufnahmen oder Mietfilme massgeschneidert anzeigt. «Es ist mehr entdecken statt zappen», sagt Perrenoud. Wer weiterhin durch die ­Sender schalten will, kann die Personalisierung ausschalten.

Ausgereift ist die neue TV-Plattform indes nicht, wie ein Augenschein durch diese Zeitung ergab. So klappt das nahtlose Weiterschauen von auf dem TV-Gerät angehaltenen Sendungen auf dem Tablet oder Smartphone noch nicht. Diese Funktion soll in zwei Monaten folgen.

Personalisierte TV-Inhalte sind an sich nichts Neues. Der US-Streamingdienst Netflix erkennt ebenfalls, welche Film- und Seriengenres bei den einzelnen Nutzern am besten ankommen. «Der Unterschied ist, dass unsere Individualisierung des Angebots auf dem Programm von TV-Sendern beruht», sagt Privatkundenmarkt-Chef Yann Steulet.

Und der Datenschutz?

TV-Plattformen, welche die Vorlieben der Nutzer erkennen, sammeln selbstredend viele Daten. Zum Datenschutz sagt Quickline-Chef Perrenoud: «Informationen werden nur sechs Wochen gespeichert und dann gelöscht.» Danach fange der «Lernprozess» der Plattform zu den Gewohnheiten der TV-Kunden von vorne an. Zudem werte Quickline keine Einzeldaten für Werbung aus.

Quickline TV ist Teil eines Bündels und ab 85 Franken im Monat erhältlich. Es ersetzt das bisherige TV-Angebot. Vorerst müssen sich interessierte Kunden von Quickline selber um einen Wechsel bemühen. Von einer Preiserhöhung bei den Kombipaketen, in denen Quick­line TV enthalten sein wird, sieht der Kabelnetzverbund ab.

Der Zusammenschluss von 25 regionalen Netzbetreibern erreicht 400'000 Haushalte. Er ist vor allem in den Kantonen Bern, Solothurn, Baselland, Wallis sowie in der Innerschweiz vertreten. Gemessen an der Zahl der TV-Kunden ist Quickline die Nummer drei hinter der Swisscom und UPC (früher Cablecom).

Der Vorstoss des Verbundes ist eine Reaktion auf zwei Entwicklungen im Schweizer TV-Markt: Das Fernsehverhalten hat sich einerseits stark verändert. Heute verlagert sich der Konsum vom familiären Gemeinschaftserlebnis zu persönlich bevorzugten Kanälen und Sendungen.

Eine aktuelle Studie von ­Quickline zeigt, dass die Mehrheit der Schweizer an Werktagen bis zu drei Stunden fernsieht. Die Umfrage hat auch ergeben, dass die Nutzer Sendungen vermehrt zeitversetzt schauen. 13 von 100 Zuschauern nutzen diese Möglichkeit bereits täglich.

Harter Wettbewerb

Andererseits herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb. Die Swisscom jagt wegen ihres Angebots von Schweizer Live-Sportübertragungen den Kabelnetz­anbietern TV-Kunden ab. Der neue Sportkanal Mysports, den die Schweizer Kabelnetzbetreiber im zweiten Semester 2017 mit dem Schwerpunkt Eishockey aufschalten werden, soll der Swisscom das Leben schwermachen. Mysports wird via Quickline TV empfangbar sein.

Innerhalb der Kabelnetzfamilie ist allerdings auch UPC ein Konkurrent von Quickline. Der Kabelnetzverbund hat vor, seine neue TV-Box auch ausserhalb des Einzugsgebiets anzubieten. Das soll bereits im laufenden Jahr geschehen. Damit würde Quickline von einem überregionalen zu einem schweizweiten Akteur avancieren.

Berner Zeitung

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