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New York ist zu teuer und überfüllt

Verstopfte Strassen und steigende Mieten treiben die Bewohner aus der Stadt – weil der Big Apple so erfolgreich ist.

Marode und chaotisch: Für Pendler sind die überfüllten Strassen eine Zumutung. Foto: Keystone
Marode und chaotisch: Für Pendler sind die überfüllten Strassen eine Zumutung. Foto: Keystone

New York City schrumpft. Bereits zum zweiten Mal in Folge sinkt die Zahl der Stadtbewohner im Jahresvergleich. Gemäss dem Statistikamt der USA ging sie in den zwölf Monaten bis Juli 2018 um 40'000 auf 8,4 Millionen zurück. Bestätigt wird die Entwicklung von der Immobiliengesellschaft Redfin: Mehr New Yorker suchen ein Haus ausserhalb der Stadt als Auswärtige eine Bleibe im Big Apple. Jüngst hat sich dieser Trend gar beschleunigt. Das überrascht nicht. Denn die Stadt ist ein Opfer ihres Erfolgs.

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«New York ist in den vergangenen Jahren phänomenal gewachsen», sagt Seth Pinsky, Portfoliomanager der Immobiliengesellschaft RXR und ehemaliger Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt New York unter Bürgermeister Michael Bloomberg. «Pro Jahr wurden 80'000 bis 100'000 neue Stellen geschaffen, pro Dekade stieg die Zahl der Bewohner um mehrere hunderttausend, und die Zahl der Touristen hat sich in zwanzig Jahren auf 65 Millionen verdoppelt». Das zeigt auch die Statistik. Die Wirtschaft wächst, und die Arbeitslosenquote sinkt.

Investitionen wären nötig

Doch leider halten die Ausgaben für die Infrastruktur mit dem Wachstum nicht Schritt. «Wir haben weder genügend Wohnraum noch ausreichend Büroflächen. Die Subway und die Züge sind überlastet. Selbst die Kanalisation hat die Kapazitätsgrenze erreicht», sagt Pinsky. «Darum ist die Stadt überfüllt und wird immer teurer.» Um die Funktionsfähigkeit zu sichern, braucht es laut Pinsky in allen Bereichen «signifikante Investitionen». Sonst wird sich der Fall Alliance Bernstein wiederholen.

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Der Vermögensverwalter hatte im vergangenen Jahr angekündigt, den Hauptsitz von New York nach Nashville, Tennessee, zu verlegen. Laut Kathryn Wylde, Präsidentin des Unternehmensverbands Partnership for New York, begründete das Unternehmen den Schritt mit der gesunkenen Lebensqualität in der Stadt, wie sie gegenüber der New York Times erläuterte. Im Mittel benötigten die Mitarbeiter von Alliance Bernstein neunzig Minuten pro Arbeitsweg.

Hohe Dichte an Talenten

Mit ihren Klagen ist Alliance Bernstein nicht allein. Gemäss einer Umfrage von Partnership for New York – einem Interessenverband der Unternehmen – ist die öffentliche Infrastruktur der Hauptgrund, weswegen internationale Unternehmen die Präsenz nicht ausbauen, wie Wylde der «New York Times» sagte. Dass Unternehmen Arbeitsplätze verschieben, ist zwar nicht neu. Doch früher waren niedrigere Kosten der Hauptgrund. So verlagerte Wallstreet beispielsweise ab den Neunzigerjahren das Backoffice nach New Jersey. Auch heute gibt es diese Verschiebung noch. So geht das COO-Office der Grossbank Barclays beispielsweise nach Whippany, New Jersey.

Die hohen Kosten sind weiterhin ein Faktor, der gegen New York sprechen kann. «Unternehmen wie Google, die die besten Projektmanager und Programmierer suchen, kommen nach New York und zahlen für diese Leute viel Geld», sagt Nicole Gelinas vom Researchinstitut Manhattan Institute. Gesellschaften, die diese hohen Saläre nicht zahlen wollen oder können, haben laut Gelinas hingegen Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. «Sie werden eher in Nashville fündig.» Staaten wie Tennessee, Georgia und Florida kennen zudem auch keine Einkommenssteuer.

Eine Stadt in der Stadt für die Superreichen: Hudson Yards. Foto: Bloomberg
Eine Stadt in der Stadt für die Superreichen: Hudson Yards. Foto: Bloomberg

«Die hohe Dichte an Talent ist der grösste Vorteil von New York», sagt Alex Pearlstein von Market Street Research, die Städte bei der Ansiedlung von Unternehmen berät. Dies ist auch ein Grund, warum Tech-Unternehmen in New York ausbauen. Doch unterdessen entwickeln sich laut Pearlstein auch in Nashville, Austin und Portland Talent Hubs. «Das dürfte den Stadtplanern von New York Sorgen machen.»

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Für Pinsky gibt es noch eine andere Gefahr. «Aufgrund der Kapazitätsgrenzen werden Massnahmen ergriffen, um die Problematik der Ungleichheit und der Bezahlbarkeit zu lösen.» Sie können langfristig der Wirtschaft schaden. Beispielsweise rege sich oft Widerstand gegen Bauprojekte. «Doch wenn wir nirgends mehr bauen können, werden alle leiden, da wir bereits jetzt ein Kapazitätsproblem haben.»

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Die bröckelnde Infrastruktur stellt New York vor grosse Probleme

Die Subway ist ein Desaster, dem Brooklyn-Queens-Espressway droht der Kollaps und dem Zugtunnel unter dem Hudson die Überflutung.

Ratten rennen über die Gleise. In einem Rinnsal zwischen den Schienen fliesst Abfall. Und von den Wänden fallen die Kacheln herunter. Die Subway von New York ist eine Zumutung. Nicht nur der Sauberkeit wegen. Züge bleiben in Tunnel Stecken, stellen mitten in Brooklyn den Betrieb ein und fahren entgegen dem Fahrplan nicht nach Manhattan, sondern nach Queens. Pendler in der Metropole der Ostküste benötigen Geduld und viel Zeit, um an ihr Ziel zu gelangen. Wohl auch deshalb ist die Zahl der jährlichen Metropassagiere in den vergangenen zwei Jahren gesunken.

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Aber nicht nur die Untergrundbahn ist ein Problem. Kaum besser sind die Züge für die Pendler, die ausserhalb der Stadt wohnen. Auch dort gibt es überfüllte Waggons und Verspätungen. Mit dem Auto nach Manhattan zu fahren, ist nicht viel besser. Denn die Strassen sind ebenfalls chronisch überlastet. Auch dank der Autos, die für Mitfahrdienste wie Uber und Lyft unterwegs sind. Entsprechend ist die durchschnittliche Geschwindigkeit der Taxis in Midtown von 2010 bis 2017 um 30 Prozent gesunken. Um das zu ändern, hat der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, im März dafür gesorgt, dass Autos, die ab 2021 südlich der 60sten Strasse nach Manhattan fahren wollen, eine Gebühr von mindestens zehn Dollar bezahlen müssen – die genauen Preise wurden noch nicht definiert. Damit ist New York die erste Stadt in den USA, die Road Pricing einführen will.

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«Road Pricing ist ein erster Schritt, um den Verkehr zu entlasten und das Budget für die MTA zu erhöhen», sagt Zachary Hecht, Policy Director vom Branchenverband Tech:NYC. Die Metropolitan Transport Authority (MTA) ist unter anderem verantwortlich für die U-Bahn, die chronisch unterfinanziert ist. Dieses Weh dürfte die Strassengebühr lindern, fliessen doch 80 Prozent der Einnahmen der Metro zu.

Das Geld ist dringend nötig. Denn die MTA will über zehn Jahre 40 Milliarden Dollar in die U-Bahn investieren. Unter anderem sollen die Zugsignale aktualisiert werden. Sie sind teils bereits seit 1930 in Betrieb. Dass die U-Bahn 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche fährt, verkompliziert das Unterfangen. Reparaturen sind entsprechend fast nur nachts und am Wochenende möglich. Obendrauf streiten sich die Politiker über Verantwortlichkeit und Einfluss.

Investitionen fielen bisher aus: Der Brooklyn-Queens-Expressway unter Brooklyn Heights muss dringend renoviert werden. Foto: Alamy
Investitionen fielen bisher aus: Der Brooklyn-Queens-Expressway unter Brooklyn Heights muss dringend renoviert werden. Foto: Alamy

Denn obwohl die MTA primär auf Stadtgebiet operiert, wird sie vom Gouverneur kontrolliert, der den Verwaltungsratspräsidenten ernennt. Der siebzehnköpfige Verwaltungsrat wird anhand eines regionalen Schlüssels besetzt. Für die Finanzierung ist hingegen die Stadt verantwortlich. Laut Nicole Gelinas vom Researchinstitut Manhattan Institute wäre es besser, wenn der Bürgermeister für die U-Bahn verantwortlich wäre. «Dann wüssten die Leute auch, wem sie danken oder die Schuld geben müssten.» Daran ist aber nicht zu denken, besonders da sich Gouverneur Cuomo immer wieder ins Tagesgeschäft einmischt.

Veraltete Strassen, Brücken und Tunnel

Investitionen in Milliardenhöhe sind auch bei Strassen und Brücken nötig. Beispielsweise muss der Abschnitt des Brooklyn-Queens-Expressway unterhalb von Brooklyn Heights erneuert werden. Gebaut wurde das Teilstück, auf dem täglich 153'000 Fahrzeuge verkehren, zwischen 1944 und 1948. Getragen wird die Konstruktion von in Zement gegossenen Stahlstangen, die sich langsam zersetzen. Laut Gelinas ist hier nicht die Finanzierung das Problem, sondern dass viele Pendler die Strassen benutzen müssen. Während der mehrjährigen Renovation wollte die Stadt den Verkehr über die Promenade – das Herzstück von Brooklyn Heights – führen. Nach vehementem Widerstand der Anwohner geht sie nochmals über die Bücher.

Ein grosses Fragezeichen gibt es auch bei den Hudson-River-Tunnels. Sie verbinden Manhattan mit New Jersey. Züge nach Philadelphia und Washington D.C. müssen durch das Nadelöhr wie Regionalzüge nach Hoboken und Newark. Doch der Tunnel ist seit 1910 in Betrieb und in keinem guten Zustand. Pro Tag benutzen 200'000 Pendler die Züge, die durch den Tunnel fahren. Wegen des Alters sind Zwischenfälle und Unterbrüche keine Seltenheit. Doch eine Alternative fehlt. Der Plan eines Tunnelneubaus wurde vom damaligen Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, versenkt. Wie es weitergeht, ist unklar.

Die Mieten steigen

Kopfzerbrechen bereitet auch der Wohnungsmarkt. «Die Wohnungssituation ist ein enormes Problem», sagt Seth Pinsky, Portfoliomanager vom Immobilienunternehmen RXR Realty. Der typische Haushalt von New York muss, gemessen am Einkommen, immer mehr für die Wohnung bezahlen. Die Stadt gibt zwar Gegensteuer. So will sie über zehn Jahre 200'000 subventionierte Wohnungen bauen oder erhalten. Laut Gelinas ist das aber nicht genug.

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Gebaut werden derzeit viele Luxuswohnungen in exklusiven Hochhäusern. Beispielsweise an den Hudson Yards oder entlang der 57sten Strasse in Manhattan. «Oft stehen sie leer, da es sich um Investitionsobjekte handelt», sagt Gelinas. «Diese Wohnungen helfen zwar, den Preisdruck zu senken, aber nicht genug, um die hohen Preise zu reduzieren.»

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