Neuwagen brauchen mehr Sprit als angegeben

Der Treibstoffverbrauch ist im Schnitt um fast 40 Prozent höher als Hersteller versprechen. Das geht ins Geld.

Die Abweichungen zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch sind hoch: Das spüren die Autofahrer auch finanziell. Foto: Keystone

Die Abweichungen zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch sind hoch: Das spüren die Autofahrer auch finanziell. Foto: Keystone

Der Verbrauch ist heute für viele Käufer ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl ihres Traumwagens. Doch beim Spritverbrauch – und damit auch beim Ausstoss von Treibhausgasen – liegen zwischen offiziellen Angaben und realen Werten noch immer Welten. Dies zeigt eine Studie der unabhängigen Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT). Der reale Kraftstoffverbrauch neuer Autos liege durchschnittlich um 39 Prozent höher als der von den Herstellern angegebene Testverbrauch, teilt die Organisation, die auch an der Aufdeckung des VW-Skandals beteiligt war, mit.

Der Bericht basiert auf einer statistischen Auswertung der Daten für mehr als 1,3 Millionen Fahrzeuge aus insgesamt acht europäischen Ländern – auch aus der Schweiz. Die Daten beruhen auf den Angaben von grossen Leasingfirmen. Aber auch Informationen von Spritverbrauchsportalen und Fachmagazinen flossen in die Berechnungen ein.

Hierzulande hat der Touring-Club Schweiz (TCS) Angaben beigesteuert. Der TCS hat ein Dutzend der beliebtesten Neuwagen des Jahres 2017 eingehenden Tests unterzogen. Zwar ist die Anzahl der Testfahrzeuge im Vergleich zu anderen Ländern klein, doch an der Aussage ändert sich kaum etwas: Auch hier liegt der eigentliche Verbrauch 35 Prozent über den Herstellerangaben. Die Messung erfolge im Feld und entstehe nicht unter Laborbedingungen.

Leichte Besserung

Die Folgen der Abweichungen sind gravierend. Zum einen erschweren die höheren CO2-Werte den Kampf gegen den Klimawandel – der Verkehrssektor hinkt bei der Reduzierung der Treibhausgase ohnehin hinterher. Zum anderen entstehen dadurch für Autofahrer Mehrausgaben, weil sie mehr Geld für den Treibstoff ausgeben.

Allerdings stellten die Prüfer in der Statistik eine leichte, aber spürbare Veränderung fest. «Zum ersten Mal, seit wir 2012 mit unserer jährlichen Auswertung der Kraftstoffverbrauchsdaten begannen, stellen wir einen leichten Rückgang der Kluft zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch fest», sagt Uwe Tietge, einer der ICCT-Forscher und Co-Autor der Studie. «Zuvor stieg die Abweichung von Jahr zu Jahr an.»

Noch vor elf Jahren wichen die realen Werte um 15 Prozent ab. 2013 waren es schon 25 Prozent. Die Abweichungen zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch sind heute mehr als viermal so hoch wie noch im Jahr 2001. Weil Kraftstoffverbrauch und Kohlendioxid-Emissionen eines Fahrzeugs direkt zusammenhängen, wurde somit auch nur ein Teil der auf dem Papier erbrachten CO2-Reduktionen tatsächlich verwirklicht.

Wie überhaupt bei Nachmessungen so deutliche Unterschiede zustande kommen können, erklären Prüfer zum grossen Teil mit Schönfärberei. Die Hauptursache der Diskrepanz sieht ICCT-Europa-Chef Peter Mock darin, dass die Autokonzerne Schlupflöcher in der Regulierung ausgenutzt hätten. So seien zahlreiche für den Prüfstand verwendete Wagen gezielt für die Testsituation optimiert. Hersteller könnten beispielsweise die Reifen eines Fahrzeugs speziell für den Test präparieren. Sie würden voll aufgepumpt, im Ofen gehärtet und das Profil abgeschliffen, damit sie kaum mehr Reibung haben. Bremsen würden gelockert. Klimaanlage und alle anderen Verbraucher könnten abgeschaltet werden.

Auf der Strasse anders

Verboten ist das nicht. Es spiegele aber eben nicht das reale Fahrverhalten wider, warnt Mock. Auf der Strasse hätten die Fahrzeuge dann teilweise ganz andere Verbrauchswerte. Die ICCT-Forscher vermuten, dass das verstärkte öffentliche Interesse an den realen Emissionen von Fahrzeugen in der Folge des Dieselskandals zum Rückgang der Abweichung geführt habe.

In der EU müssen die CO2- Emissionen neuer Personenwagen zwischen 2021 und 2030 um 37,5 Prozent sinken. «Der Gesetzgeber hat aus früheren Fehlern gelernt», sagt Mock. Denn die Hersteller werden ab 2021 nun auch dazu verpflichtet, den realen Kraftstoffverbrauch und die realen CO2-Emissionen ihrer Autos durch Verbrauchsmess­geräte zu protokollieren.

Strengere Regeln

Der Automobilherstellerverband VDA wies die Kritik zurück. Emissionswerte von Fahrzeugen im Labor und auf der Strasse seien grundsätzlich unterschiedlich. Bedingungen des realen Strassenverkehrs wie etwa Wetter, Verkehrslage oder Topografie könnten schlicht nicht getestet werden.

Zudem habe die individuelle Fahrweise einen erheblichen Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch. Inzwischen geltende strengere Testverfahren würden Diskrepanzen verringern. Der Verbraucher bekomme mehr Verlässlichkeit.

Der ICCT hat aber Zweifel, ob die Tricksereien wirklich aufhören. Die Umweltschützer hätten weiterhin ein «wachsames Auge» auf die Abgasmessungen der Industrie, kündigte Mock an und forderte schärfere Regeln.

Die EU-Kommission solle möglichst bald eine Methode entwickeln, um Hersteller, die sich durch unrealistisch niedrige Angaben zum Verbrauch einen Vorteil verschafften, zu ­bestrafen. Nur so könne es ge­lingen, die Abweichung zu verkleinern.

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