Mit Favres Dortmund fiebern auch die Börsianer

Erst noch Billig-Aktie, verzeichnet das BVB-Papier derzeit Rekordwerte. Es ist auch eine Wette auf die jungen Talente im Team des Schweizers.

Der Erfolg schlägt sich in den Aktienkursen nieder: BVB-Trainer Lucien Favre beim Sieg gegen den FC Augsburg.

Der Erfolg schlägt sich in den Aktienkursen nieder: BVB-Trainer Lucien Favre beim Sieg gegen den FC Augsburg.

(Bild: Keystone)

Der sportliche Erfolg verleiht der Aktie von Borussia Dortmund (BVB) Flügel. Gestern stieg das Wertpapier des Fussballclubs auf 9.20 Euro, den höchsten Stand seit 17 Jahren. Allein in dieser Woche resultierte ein Plus von mehr als 15 Prozent. Der Verein mit dem Schweizer Trainer ­Lucien Favre führt nach sieben Runden die heimische Liga an. Auch in der Champions League, wo das Geld dank TV-Einnahmen und Prämien sprudelt, stehen die Gelb-Schwarzen nach zwei Runden ohne Verlustpunkte da.

Wäre der SDAX, der Aktienindex für Kleinwerte der Deutschen Börse, eine eigene Liga, stünde Borussia Dortmund auch hier ganz weit oben in der Tabelle. Seit dem Saisonstart vor zwei Monaten erspielte sich die BVB-Aktie auf dem Börsenparkett ein Plus von über 40 Prozent. «Der Höhenflug ist ganz eindeutig der sportlichen Entwicklung geschuldet», sagt Thorsten Renner, Analyst bei GSC Research.

Fast aus dem Index geflogen

Beinahe wäre dem BVB kurz vor Anpfiff der neuen Saison die Grundlage für den Erfolg am Finanzmarkt entzogen worden. Anleger mussten fürchten, dass das BVB-Wertpapier aus dem ­SDAX verschwindet. Die Deutsche Börse ordnete ihre Indexlandschaft neu, und die damalige Marktkapitalisierung des Fussballclubs von 550 Millionen Euro hätte nicht für einen Verbleib ausgereicht. Die «Frankfurter Allgemeine» war sich Mitte August bereits sicher: «Die Aktie fliegt aus dem SDAX.» Als Folge hätten sich Fondsgesellschaften und professionelle Anleger von der BVB-Aktie getrennt und die Kurse purzeln lassen. Es kam nicht so weit, es war wie ein Tor in der Verlängerung. Die Marktkapitalisierung beträgt heute fast 850 Millionen Euro.

Jetzt jubeln nicht nur die Fans, sondern auch die leiderprobten Anleger der ersten Stunde – vorausgesetzt, sie hatten Geduld. Als erster und bisher einziger deutscher Fussballclub wagte der BVB im Jahr 2000 den Schritt an die Börse. Der damalige Geschäftsführer Gerd Niebaum war überzeugt: «Der Markt hat auf eine Fussballaktie gewartet.» Die Strategie des Clubs ging auf. Auf einen Schlag nahm der Bundesligist 130 Millionen Euro ein. Für die Aktionäre hingegen begann das grosse Leiden. Im ersten Jahr halbierte sich der Preis der ­Aktie, fiel von 11 auf knapp über 5 Euro. Doch es sollte noch schlimmer kommen: 2004 stand der hoch verschuldete Verein am Rand des Ruins. Die Aktie wurde zum Penny Stock, war noch 82 Cents wert. Die Erstzeichner, darunter viele der nicht auf Rosen gebetteten Fussballfans aus dem Ruhrpott, hatten sich verspekuliert.

Borussia Dortmund steht exemplarisch für die rund 30 an den Börsen kotierten Euro­päischen Fussballvereine. Ihre Aktien sind sehr starken Schwankungen ausgesetzt, da der sportliche Erfolg nicht planbar ist. Ein Pfostenschuss, eine Verletzung oder ein Fehlentscheid bestimmen über das Weiterkommen und den Zugang zu den grossen Geldtöpfen. Für Alexander Langhorst, Analyst und Geschäftsführer von GSC ­Research, ist deshalb klar: «Die Mehrheit der Fussballaktien hat höchstens Wettcharakter, einige wenige hingegen sind für risikofreudige Anleger durchaus interessant.» Sein Kollege Renner ergänzt: «Angesichts steigender Transfererlöse nimmt die Abhängigkeit davon zu, was auch die Jahresabschlüsse volatiler werden lässt und somit auch die Fussballaktie stärker schwanken lässt.»

Video: Glücklicher Favre

Macht im Ruhrpot einen guten Job und freut sich auch mal riesig, wenn wirklich alles aufgeht: Der Schweizer Coach nach dem verrückten 4:3-Sieg gegen den FC Augsburg. (AFP/Webvideo-Tamedia)

Just auf das fragile Gebilde eines Fussballvereins und den sportlichen Erfolgsdruck zielte der Bombenleger, der im April 2017 einen Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus verübte. Der Attentäter spekulierte mit Optionsgeschäften auf Kursverluste der BVB-Aktie und nahm den Tod der Fussballer in Kauf. Diese sind das wichtigste Vereinskapital. Das Portal Transfermarkt schätzt den Wert des BVB-Kaders auf 412 Millionen Euro.

Die Aussichten stehen für Dortmund gut, dass es an der Börse weiter nach oben geht. Wenn die Mannschaft auch in den nächsten Spielen als Sieger vom Platz geht, dürfte sich der Kurs erstmals wieder dem Ausgabepreis annähern. Das Bankhaus Lampe geht von einem Kursziel von 10 Euro aus.

Stabile finanzielle Basis

Ein Grund für Optimismus sind die vielen unter 20-jährigen ­Talente, die Favre in die Startelf nominiert. Mit den nationalen und internationalen Erfolgen gewinnen diese an Wert und versprechen höhere Transfererlöse. Zum anderen hat die Resultat­abhängigkeit beim Bundesligisten etwas abgenommen, da zusätzliche Einnahmequellen wie TV-Vermarktung, Catering und Merchandising in Asien erschlossen wurden. «Der BVB verfügt über ein deutlich stabileres ­Fundament, wodurch auch ein Jahr ohne internationale Präsenz wirtschaftlich zu verkraften wäre», glaubt Renner. Langfristig würden aber die TV-Einnahmen und andere Einkünfte vom sportlichen Erfolg abhängen.

Das Fussballunternehmen Dortmund, das 2017 einen Umsatz von 536 Millionen Euro und einen Gewinn von über 25 Millionen erzielte, sieht sich inzwischen auch in der Lage, eine kleine Dividende (6 Cents) auszuschütten. Priorität bleibt aber die Reinvestition in die Mannschaft.

Renner warnt vor zu grosser Euphorie bei den Aktionären. Auch im vergangenen Jahr sei der BVB fulminant in die Saison gestartet, was ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Aktie hervorgerufen habe. Das Wertpapier schoss binnen zweier Monate um 31 Prozent in die Höhe. Die sportliche Talfahrt mit einer Niederlagenserie führte umgehend zu einem massiven Kurssturz. Wiederholt sich dieses Szenario, muss der Anleger mit massiven Verlusten rechnen. Am Samstag steht bereits das nächste Spiel an.

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