Millionen an Einsparungen, minimale Entschädigung

Weil auch tagsüber gebaut wird, sparen die sommerlichen Streckensperrungen den SBB viel Geld. Im Verhältnis dazu sind die Entschädigungen ein Klacks.

Streckensperrungen verkürzen die Bauzeit um bis zu 40 Prozent. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Streckensperrungen verkürzen die Bauzeit um bis zu 40 Prozent. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Andreas Valda@ValdaSui

Seit zwei Wochen müssen Hunderttausende Passagiere früher aufstehen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein, und kommen am Abend später nach Hause. Der Grund dafür sind Bauarbeiten auf 55 Kilometern Bahngleisen an 30 Stellen.

Gestern nahmen die SBB öffentlich Stellung zur Kritik an ihrem neuen Entschädigungs­programm für betroffene Kunden. Passagiere wie Verkehrspolitiker bemängeln an diesem vor allem drei Punkte: dass die Entschädigung auf die Westschweiz beschränkt ist, dass sie nur per Smartphone-App auf aufwendige Weise beansprucht werden kann und dass sie nur einmalig 100 Franken beträgt.

Der verantwortliche Verkehrsmanager der SBB, Linus Looser, wies die Kritik zurück. Das Programm sei eine wohl weltweit einzigartige Innovation und nur ein Pilotprojekt. «Als solches ist es zu werten. Wir sind am Ausprobieren.» Technische Probleme, die man nicht bedacht habe, werde man kulant lösen. Betroffene würden sich melden.

«Die Kritik ist teilweise berechtigt.»Linus Looser, Verkehrsmanager SBB

Das negative Echo bei den Passagieren hält sich laut Looser in Grenzen. Täglich erhalte man etwa 80 Anrufe auf eine Hotline und wöchentlich rund 120 Zuschriften. «Wir haben mit mehr gerechnet.» Der SBB-Manager räumt aber ein, dass technisch nicht alles läuft, wie es sollte: «Die Kritik ist teilweise berechtigt.» Dass nur die Westschweiz profitiere, habe mit dem Charakter des Projekts zu tun: «In der Romandie haben wir einen überschaubaren Rahmen.»

Laut den SBB nehmen in der Westschweiz 1500 Bahnnutzer am Programm teil. «Dies sind rund 10 Prozent der Kunden», sagt Looser. Ob dies eine gute Zahl sei, wollte er nicht kommentieren. Sind es am Ende immer noch so viele Kunden, die Anspruch auf den 100-Franken-Gutschein haben, so würde die Aktion 150’000 Franken kosten.

Einfachere Logistik

Der Betrag steht im Kontrast zur erheblichen Einsparung der SBB bei den Baukosten. Letztere sind viel tiefer als bei normalen Erneuerungsarbeiten, weil die Equipen auch tagsüber bauen, was billiger ist, die Logistik vereinfacht und den Einsatz grösserer Maschinen erlaubt, die Gewährleistung der Sicherheit vereinfacht und die Bauzeit um bis zu 40 Prozent reduziert. Allein an drei Grossbaustellen bei Lausanne, zwischen Olten und Basel und von Wil nach St. Gallen sparen die SBB nach eigenen Angaben 29 Millionen Franken. Im Verhältnis zu diesem Betrag sind die Entschädigungen ein Klacks. Looser wehrt sich gegen einen solchen Vergleich: «Die Einsparungen kommen dem Steuerzahler zugute, der per Subventionen von jährlich 2,1 Milliarden Franken den Unterhalt und den Ersatz finanziert.»

Die Präsidentin der Vereinigung Pro Bahn, Karin Blättler, die die Interessen der Kunden vertritt, entgegnet auf diese Aussage der SBB: «Bei der Renovation eines Miethauses werden die Betroffenen mit Mietzinsreduktionen entschädigt. Diese sind in den Projektkosten inbegriffen. Analog sollten auch betroffene Bahnkunden entschädigt werden.»

Ungereimtes bei Angaben

Blättler hinterfragt auch die Angabe, wonach 10 Prozent der Reisenden am Entschädigungsprogramm teilnähmen. «Da stimmt etwas nicht, denn die Zahl der Betroffenen ist über die bisherige Bauphase von 15 Tagen gross.» Tatsächlich bestätigen die SBB auf Nachfrage, dass «durchschnittlich jeden Tag 13’000 Personen auf dem Strecken­abschnitt zwischen Lausanne und Puidoux unterwegs sind». In sieben Wochen dürften also rund 640’000 Passagierfahrten vom Umbau betroffen sein.

Nach Blättlers Rechnung dürften bisher rund 195’000 Passagierfahrten vom Umbau betroffen sein. Laut SBB sind derzeit 2500 Fahrten als entschädigungsberechtigt registriert worden. Dies entspricht seit Baubeginn einem Anteil von 1,3 Prozent der behinderten Fahrten. «Es zeigt, dass die SBB den Bahnreisenden eine marginale Entschädigung zukommen lassen. Sie darf in dieser Form deshalb keine Zukunft haben», so Bahnkunden-Vertreterin Blättler.

Warum die SBB die Westschweiz zum Pilotprojekt gewählt haben, wird klar, wenn man die Zahl der Betroffenen in der Deutschschweiz kennt. Auf Anfrage gaben sie gestern bekannt, wie viele Reisende allein von den zwei Deutschschweizer Grossbaustellen zwischen Olten und Basel und zwischen Wil und St. Gallen betroffen sind: «In Gelterkinden-Tecknau sind es 24’000 Passagiere, in St. Gallen 17’000 Passagiere täglich.» Die Zahl der Betroffenen ist also dreimal grösser als zwischen Lausanne und Fribourg.

Weitere Grossbaustellen stehen an

Die SBB testen das Entschädigungsprojekt aus zwei Gründen. Zum einen, weil das Parlament von den SBB früher oder später eine Entschädigung von Passagieren bei Verspätungen verlangen wird. Arbeiten dazu sind im Gange. Zum andern stehen schon bald weitere Grossbaustellen an.

In den nächsten zwei Jahren werden mehrere Abschnitte erneuert. Einer ist die Strecke von Zürich nach Lugano zwischen Zug und Arth-Goldau. Sie wird ab Mitte 2019 eineinhalb Jahre lang gesperrt sein. Eine weitere Baustelle dürfte den Verkehr auf der Ost-West-Achse zwischen Bern und Lausanne erneut bremsen. Der Grund dafür sind Verstärkungen der Gleise für künftige Neigezüge der Generation Dosto. Diese belasten die Gleise stärker.

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