Zum Hauptinhalt springen

«Wir wollten eine Revolution»

Die Finanzkrise stellte den Kapitalismus infrage. Globalisierungsgegner sahen in der Occupy-Wall-Street-Bewegung ihre Chance, das System zu verändern. Zwei Kämpfer von damals erzählen.

Demonstranten der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Oktober 2011 in New York, als sie noch voller Hoffnung waren. Foto: Spencer Platt (Getty Images)
Demonstranten der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Oktober 2011 in New York, als sie noch voller Hoffnung waren. Foto: Spencer Platt (Getty Images)

Der Zuccotti-Park ist eine kleine Oase im New Yorker Trubel. Alte Männer spielen Schach. Anzugträger essen ihre Mittagspausen-Sandwiches, umringt von Tauben, die auf die Krümel lauern. Müllsammler sind im Dauereinsatz, der Boden ist blitzblank. Eichhörnchen klettern die schmalen Bäume empor, die schon ganz andere Zeiten gesehen haben. Sie haben Zelte und Schlafsäcke voller junger Menschen gesehen, Protestschilder und schliesslich einen Polizeigrosseinsatz, Pfefferspray und Schlagstöcke.

Micah White sitzt auf einer der frisch geputzten Granitbänke und schaut sich um in dem sauberen, kleinen Park. «Ganz schön friedlich hier», sagt er. White, heute 36 Jahre alt, ist einer der Initiatoren der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Und der Zuccotti-Park, in dem er gerade sitzt, war das Zentrum der Proteste, die sich 2011 binnen weniger Tage von dem Platz im Süden Manhattans im Finanzdistrikt auf die ganze Welt ausbreiteten.

«Die Existenz von Ungerechtigkeit reicht nicht zum Aufschrei in Gesellschaften.»

Werner Rätz

Es war nach dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, und die Protestler wollten nicht länger in einem Land leben, in dem das eine reichste Prozent der Menschen fast alle Macht hat und die Regierung Banken rettet, statt den Ärmsten zu helfen. «Wir wollten eine Revolution», sagt White. «Wir sind die 99 Prozent!», riefen die Demonstranten damals. Es ist lange her.

Lehman-Pleite als Auslöser

Der Ausbruch der globalen Finanzkrise hat den Globalisierungskritikern Aufwind gegeben. Die Pleite von Lehman Brothers erschütterte den Bankensektor. Plötzlich stand der Kapitalismus infrage, und das nicht nur in den einschlägigen Kreisen, sondern in der Gesellschaft.

Werner Rätz (66), lange weisse Haare und weisser Bart, erinnert sich. «Die Krise hat aufseiten der Regierungen für einen Moment die Fähigkeit ausgelöst, sich etwas anderes vorzustellen, ein anderes Finanzsystem sogar», sagt er. «Doch dann kam schnell der alte Trott. Wir hatten damals gehofft, dass mehr protestiert wird gegen die Rettung der Banken.» Doch die Finanzkrise habe kein massenhaftes Protestpotenzial erzeugt, sondern Angst. «Die meisten Leute haben befürchtet, auch Opfer der Krise zu werden. Sie haben sich totgestellt.»

Rätz war sein Leben lang politischer Aktivist. In den 1970er-Jahren kämpfte er gegen die Diktatoren in Lateinamerika, in den 1980er-Jahren schloss er sich der Friedensbewegung an und demonstrierte für Abrüstung im Ost-West-Konflikt. Er erlebte, wie Blockupy und andere Globalisierungskritiker 2015 in Frankfurt gegen die Eröffnung des neuen Büroturms der Europäischen Zentralbank demonstrierten. Damals brannten Autos, und es gab Schlägereien. Rätz ist gegen Gewalt. Aber er glaubt an die Wirksamkeit von Demonstrationen. «Der Protest bringt etwas, denn man prägt über lange Zeit die öffentlichen Debatten, und irgendwann gibt es dann Schlüsselereignisse, worauf alle kapieren: ‹Es muss sich etwas ändern.›» Dazu braucht man viel Geduld. Rätz schöpft seine Kraft aus der Vorstellung, «dass Gerechtigkeit ein unverzichtbarer gesellschaftlicher Kitt ist».

Werner Rätz, politischer Aktivist und Globalisierungskritiker. Bild: PD
Werner Rätz, politischer Aktivist und Globalisierungskritiker. Bild: PD

Auch White und seine Kollegen kämpften 2011 für Gerechtigkeit. Die Herausgeber des linken Magazins «Adbusters» wollten etwas tun gegen die Macht des Geldes und planten, die Wall Street zu besetzen. Die Aktivisten reservierten die Website Occupywallstreet.org und ein passendes Twitter-Konto und schickten einen Protestaufruf per E-Mail an die Abonnenten des Magazins. Am 17. September 2011 sollte die Okkupation der Wall Street beginnen, schrieben sie. Die E-Mail verbreitete sich rasant in sozialen Medien wie Twitter und Reddit, andere Protestgruppen fanden Gefallen an der Idee, begannen mit der Organisation und mobilisierten ihre Mitglieder.

Bewegung ging um die Welt

Es funktionierte. Am vereinbarten Tag war der Zuccotti-Park, unweit der Wall Street, voll bepackt mit Zelten und Schlafsäcken. «Es war unglaublich, wie schnell es dann ging», sagt White. «Plötzlich gab es Occupy in Städten um die ganze Welt.» Und Umfragen belegten, dass eine Mehrheit der Amerikaner den Occupy-Zielen zustimmte.

«Trotzdem sind wir gescheitert», sagt White heute. «Die Zukunft, die wir uns erhofft haben, ist nie gekommen.» Es gab viele kleine Gründe dafür, sagt er. Zum Beispiel zogen immer mehr Obdachlose auf den Zuccotti-Platz, das Camp war damit beschäftigt, sich um sie zu kümmern, statt zu protestieren. Medienberichte konzentrierten sich mehr und mehr auf Müll und Kriminalität als auf die Ziele der Bewegung. Ausserdem fransten die Ziele aus, wurden immer unkonkreter. Aber es gab auch einen grossen Grund für das Scheitern, glaubt der Occupy-Ideengeber: «Die Politiker sind nach den Wahlen nicht mehr davon abhängig, dass die Massen ihrer Politik zustimmen», sagt er. «Sie können Protest einfach ignorieren.»

White war nach wenigen Wochen klar, dass die Besetzung des Zuccotti-Parks enden musste. «Wenn die Bewegung noch hätte Erfolg haben wollen, hätte sie sich radikal ändern müssen», sagt er. «Adbusters», sein Magazin, verschickte ein «taktisches Briefing», eine Massen-E-Mail an die 90’000 Freunde des Magazins, und schlug vor, Mitte Dezember eine Party zu schmeissen, das Lager abzubauen, den Sieg zu erklären und anders weiterzumachen, mit einer Serie von Überraschungsangriffen zum Beispiel. Dazu kam es nie. Mitten in der Nacht, nur wenige Stunden nach der «Adbusters»-E-Mail, räumte die New Yorker Polizei den Zuccotti- Park. Die Bäume, die heute Schatten werfen auf Schachspieler und Mittagesser, sahen Schlagstöcke und Pfefferspray. «Die Bewegung ist dann einfach verschwunden», sagt White. «Die ganze Energie, die wir für die Revolution gebraucht hätten, ist einfach verpufft.»

Micah White, Aktivist der US-Occupy-Bewegung. Foto: PD
Micah White, Aktivist der US-Occupy-Bewegung. Foto: PD

Rätz, der fast doppelt so alt ist wie White, hat das Auf und Ab globalisierungskritischer Arbeit oft erlebt. Spürt er manchmal Frustration, weil sich so wenig geändert hat? Nein, das Gefühl kenne er nicht. Immerhin hatte der Ausbruch der Finanzkrise ihm und seinen Mitstreitern recht gegeben, denn sie hatten schon lange so etwas befürchtet. «Wir sprachen 2008 nie vom Ausbruch der Krise, sondern von der öffentlichen Sichtbarwerdung der längst herrschenden Krise», sagt er. Die Dominanz der Finanzmärkte gegenüber der Realwirtschaft sei zu stark geworden. Investoren hätten immer häufiger schnelle Profite an der Börse den Erträgen durch Warenhandel vorgezogen.

Die Ungleichheit nimmt zu

Die Verteilung des Reichtums ist in den letzten Jahrzehnten ungleicher geworden, doch die meisten Menschen bleiben stumm. Warum? «Die Existenz von Ungerechtigkeit reicht nicht zum Aufschrei in Gesellschaften. Der Widerstand muss auch eine Perspektive bieten, dass man an den Erfolg glaubt», sagt Rätz.

Der Amerikaner White hat nach der Occupy-Aktion ein Buch über Protestbewegungen geschrieben: «Die Zukunft der Rebellion: eine Anleitung». Heute forscht und schreibt er im Hauptberuf und berät nebenher andere Aktivisten. Die Revolutionäre von heute kritisiert er, weil sie keine wirklichen Revolutionäre seien. Sie wollen nicht das System stürzen, sondern höchstens kleinere Veränderungen erreichen – mit Massendemonstrationen und sonst kaum Plänen, sagt er. «Die Linke ist gut darin, grosse Versammlungen zu organisieren», sagt er. «Sie ist nicht gut darin, zu erkennen, dass es darauf nicht ankommt. Wir können 20 Jahre lang jedes Jahr gross protestieren, und es würde sich trotzdem nichts ändern.» Die Frauenbewegung etwa organisierte die «Women’s Marches» und feierte es, dass Millionen auf die Strasse gingen, kritisiert er.

Der Optimismus bleibt

Heute glaubt der 36-Jährige eher an eine Revolution von innen. Protestler sollen sich in Ämter wählen lassen. «Wir brauchen Kräfte, die die Macht übernehmen und ändern können, wie Entscheidungen getroffen werden. Die Rechten sind besser darin, siehe zum Beispiel Brexit.» Er selbst wollte Bürgermeister eines Orts in Oregon werden, hat aber verloren.

Was er nicht verloren hat, ist seinen Optimismus. Er glaubt, dass er Teil einer weiteren grossen Protestbewegung sein wird. «Die Dinge, gegen die wir damals gekämpft haben, gibt es schliesslich immer noch, sie sind sogar noch schlimmer, und sie stören die Menschen», sagt White. «Das Geld kontrolliert die Macht.» Und vielleicht, sagt er, hängt in ein paar Jahrzehnten dann ein Revolutionär, der im Amt ist, am Zuccotti-Park eine Occupy-Erinnerungsplakette auf. «Das wäre schön, auch wenn ich eigentlich nichts von Aktivismus-Nostalgie halte.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch