Wachstum trotz Brexit

Der Brexit hat Konjunkturforscher überrascht. Wegen des Ja der ­Briten zum Austritt aus der EU rechnen sie nun mit einem langsameren Wachstum der Schweizer Wirtschaft. Von einer Rezession wollen die ­Auguren aber nichts wissen.

Für Exportfirmen wie Victorinox wird ein andauernder Eurokurs von 1,08 Franken zum Problem.

Für Exportfirmen wie Victorinox wird ein andauernder Eurokurs von 1,08 Franken zum Problem. Bild: Keystone

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Konjunkturforscher sind es gewohnt, ihre Voraussagen zu korrigieren. Nach dem überraschenden Ausgang des Brexit-Referendums ist es wieder so weit. Am Dienstag senkte das Institut BAK Basel die Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft für die nächsten zwei Jahre. Neu rechnen die Basler für 2017 und 2018 mit einer Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 1,5 respektive 2,0 Prozent. Zuvor hatten sie ein Plus von 1,7 und 2,2 Prozent prognostiziert.

Die gute Nachricht auf kurze Sicht: Im laufenden Jahr sind laut BAK Basel keine spürbaren Folgen zu erwarten. Das BIP der Schweiz dürfte gegenüber 2015 weiterhin um 1,0 Prozent zulegen. Das BIP gibt den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen an, die ein Land in einem Jahr herstellt.

Zürcher weniger zuversichtlich

Die Konjunkturforscher der ­Zürcher Kantonalbank (ZKB) befürchten zwar ebenfalls keine ­Rezession, wie sie knapp eine Woche nach dem Referendum mitteilten. Nach ihnen wächst das BIP im laufenden Jahr um 1,1 Prozent. Für 2017 ist die ZKB mit einem Wachstum von 0,9 Prozent aber zurückhaltender als BAK Basel.

Die Basler gehen davon aus, dass «die negativen Auswirkungen des Brexit vor allem Grossbritannien betreffen». Aber auch an der Schweizer Wirtschaft werde der Austritt Grossbritanniens aus der EU nicht spurlos vorbeigehen. Die britische Konjunktur werde sich eintrüben, was die Nachfrage nach Schweizer Exportgütern verringern werde. Zudem dürften die Firmen ihre Investitionen in Ausrüstungen weniger stark erhöhen.

Wie ist die Lage bei den Unternehmen? Die britisch-schweizerische Handelskammer lässt sich nicht auf die Äste hinaus, sondern übt sich in englischem Understatement. Der Brexit sei für das Vertrauen der Geschäftswelt in die britische Wirtschaft nicht ­förderlich, schreibt die Organisation. Sie hofft, dass die Ungewissheiten so schnell wie möglich beseitigt und die Handelsbeziehungen auf eine neue Basis gestellt werden können.

Aber noch ist nicht einmal das EU-Austrittsgesuch eingereicht. Der Schweizer Fokus richtet sich daher wiederum darauf, wie stark der Franken als sicherer Hafen gesucht wird. BAK Basel geht davon aus, dass die Schweizerische Nationalbank mit Eingriffen am Devisenmarkt verhindern kann, dass sich der Euro unter dem jetzige Niveau von 1,08 Franken etabliert.

Der Durchschnittskurs dürfte aber im laufenden Jahr wie auch 2017 etwas tiefer liegen, als es die Konjunkturforscher noch vor dem Brexit-Votum erwartet hatten. Für 2016 rechnen sie im Schnitt mit 1,09 Franken zum Euro und für das nächste Jahr mit 1,11 Franken.

Chefs von exportabhängigen Firmen schauen deshalb mit Sorge auf den Wechselkurs, weil sich die Produktionskosten in der Schweiz verteuern. «Wenn der Eurokurs länger bei 1,08 Franken bleibt, wird es für uns schwierig», sagte Carl Elsener von Victorinox zu «20 Minuten». In diesem Fall brauchte die Taschenmesserherstellerin drei bis fünf Jahre Zeit, bis sie über Effizienzmassnahmen eine Marge erreiche, mit der sie längerfristig leben könne. Selbst Arbeitsplätze stehen bei Victorinox in Ibach SZ zur Debatte. Elsener: «Wir können unseren Leuten die Arbeitsplätze nicht für immer garantieren.»

China wird beliebter

Unterdessen orientieren sich immer mehr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Schweiz am chinesischen Markt. Gemäss einer Umfrage des staatsnahen Kompetenzzentrums Switzerland Global Enterprise (S-GE) bei 200 KMU dürften Exporte nach China in den kommenden fünf Jahren an Bedeutung gewinnen. So haben 37 Prozent der Firmen angegeben, in den nächsten sechs Monaten ins Reich der Mitte exportieren zu wollen. Im Vorquartal waren es nur 31 Prozent.

«Als gewaltige Wirtschafts- und Konsummacht ist China für KMU ein extrem vielversprechender Exportmarkt, unabhängig von aktuellen konjunkturellen Schwankungen», sagte Alberto Silini, Leiter Beratung bei ­S-GE. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2016, 09:15 Uhr

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