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Und wieder wird der Franken zur Fluchtwährung

Entspannung vorbei? Die Italien-Angst setzt dem Euro zu und zieht die Schweizer Währung mit in den Strudel.

Schon wieder gehts abwärts: Der Euro-Franken-Kurs im Wochenverlauf.
Schon wieder gehts abwärts: Der Euro-Franken-Kurs im Wochenverlauf.

Sechs Wochen lang sah es an den Finanzmärkten so aus, als wäre Anfang März nichts Besonderes passiert. Man hätte nach dem Ergebnis der Parlamentswahl in Italien ahnen können, dass es entweder eine europafeindliche Regierung oder Neuwahlen gibt. Doch die Investoren blieben gelassen, es gab keine Ausschläge bei Anleihen, Aktien oder Währungen.

Am Mittwoch vergangener Woche war die Ruhe schlagartig vorbei, als ein Detail aus den Koalitionsverhandlungen zwischen den populistischen Cinque Stelle und der rechts aussen stehenden Lega bekannt wurde: Darin war von einem Referendum über den Verbleib Italiens in der Währungsunion die Rede, zudem von einem Schuldenerlass durch die Europäische Zentralbank (EZB), die italienische Staatsanleihen für 250 Milliarden Euro hält.

In dem Moment merkten die Finanzmärkte, mit wem sie es zu tun haben. Diesmal geht es nicht um das kleine Griechenland. Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft Europas. Bei Banken würde man von «too big to fail» sprechen – zu gross, um zu scheitern.

Die neuen Ängste um die Gemeinschaftswährung haben sich bereits auf den Franken ausgewirkt. Noch im April glaubte man hierzulande, mit dem Erreichen des Kurses von rund 1.20 Franken pro Euro könne man die Sorgen um eine Überbewertung der Schweizer Währung und den schlimmen Folgen für die Exportindustrie, den Tourismus und den Detailhandel als überwunden betrachten. Gestern aber kostete der Euro zeitweise wieder weniger als 1.16 Franken. Erneut werden die Geister der Eurokrise wieder wach, die man eben noch für durchgestanden hielt.

Der Angstindikator schlägt aus

Auf einmal ist auch wieder ein Wort in der Welt, das die Öffentlichkeit fast wieder vergessen hat: der «Spread» – jener Angst-Indikator, der den Unterschied zwischen der Rendite sicherer deutscher und unsicherer italienischer Staatsanleihen misst. Seit einer Woche weitet sich der Spread fast täglich aus. Am Mittwoch waren es 1,95 Prozent, 0,7 Prozentpunkte mehr als vor einer Woche. Das heisst: Investoren lassen sich das höhere Risiko, das sie eingehen, wenn sie zehnjährige italienische Staatsanleihen kaufen, mit einem Aufschlag von fast 2 Prozent bezahlen.

Der Spread weitet sich aus, wenn Anleger aus Schuldenstaaten fliehen und Sicherheit suchen. Die harschen Marktreaktionen haben die Koalitionäre in Italien offenbar aufgeschreckt. Von einem möglichen Austritt Italiens aus dem Euro und einem Schuldenerlass sprechen sie nicht mehr. Aber auch was sie sonst planen, beunruhigt die Ökonomen: Cinque Stelle und Lega wollen etwa ein Mindesteinkommen von 760 Euro einführen, das Renteneintrittsalter wieder senken und gleichzeitig die Steuern abbauen – lauter Massnahmen, die den Schuldenberg weiter vergrössern. Dabei ist Italien mit einem Schuldenstand von 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung bereits das in absoluten Zahlen mit Abstand am höchsten verschuldete Land Europas.

«Rechnet man alle Massnahmen zusammen, würde die jährliche Neuverschuldung von derzeit 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 7 Prozent steigen», sagt Jörg Krämer, Chefökonom der deutschen Commerzbank. Gäbe es die Zusicherung von EZB-Präsident Mario Draghi aus dem Jahr 2012 nicht, den Euro zu retten, «was immer es koste», wäre die Krise in den vergangenen Tagen wohl eskaliert. Der Preis für die Garantie der EZB sind die negativen Begleiterscheinungen, die sich seit Jahren zeigen: Nullzinsen, steigende Immobilienpreise und Aktienkurse.

Brüssel warnt vor Ansteckung

In Brüssel ist die EU-Kommission darauf bedacht, ja kein Öl ins römische Feuer zu giessen. Die Auseinandersetzung mit der neuen Regierung in Rom dürfte noch hart genug werden. Dennoch ist die Warnung eindeutig. «Vor dem Hintergrund seiner systemischen Bedeutung ist Italien eine Quelle von potenziellen, signifikanten Auswirkungen auf den Rest der Eurozone», erklärt die Kommission. Kommissions-Vizepräsident Valdis Dombrovskis fordert von der neuen Regierung eine verantwortungsbewusste Haushaltspolitik und Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici eine vertrauenswürdige Antwort der Regierung auf die Schuldenfrage.

Die Ökonomen sind zunehmend besorgt. «Der Eurozone droht eine neue Krise», sagte Clemens Fuest, Chef des IFO-Instituts. Marcel Fratscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, fordert Italien auf, sich zu einer soliden Wirtschaftspolitik und zu Europa zu bekennen, «ansonsten sehe ich eine zunehmende Gefahr von Panik an den Finanzmärkten».

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