Unabhängig dank Fracking

Der hohe Ölpreis beschert den Petrostaaten riesige Gewinne. Durch eine neue Methode könnten auch die Amerikaner bald wieder Öl und Gas exportieren – und der Opec beitreten?

Starke Belastung für das Grundwasser: Fracking-Anlage in Michigan.Photo:Heather Rousseau

Starke Belastung für das Grundwasser: Fracking-Anlage in Michigan.Photo:Heather Rousseau

Philipp Löpfe

In den USA liegt der Preis für eine Gallone Benzin über vier Dollar – politisch ein heikler Punkt, der den Wahlkampf stark beeinflussen könnte. Deshalb wird derzeit spekuliert, dass Präsident Barack Obama die strategischen Ölreserven anzapfen und so den Sprit mit staatlicher Hilfe verbilligen könnte. Auch in Europa erreicht der Benzinpreis politisch brisante Höhen. Ökonomen malen die ohnehin schon düsteren Wirtschaftsprognosen in noch dunkleren Farben.

Der grösste Unsicherheitsfaktor ist die Lage am Persischen Golf. Die gegenseitig verkündeten Boykotte, die Drohung, die Strasse von Hormuz zu blockieren, und die Spekulationen über einen möglichen Angriff Israels auf den Iran zeigen Wirkung. Ein Krieg am Golf würde den Ölpreis über Nacht um rund 50 Dollar pro Fass in die Höhe schiessen lassen. Die Weltwirtschaft könnte dies nicht verkraften. Eine weltweite Rezession oder gar Depression würde sich dann kaum vermeiden lassen.

Die Opec-Staaten haben sich an hohe Ölpreise gewöhnt

Die Ölproduzenten profitieren massiv von der aktuellen Situation. Russland, Saudiarabien, selbst der Iran können dank den üppig spriessenden Öleinnahmen ihre Staatskassen füllen und ihre Bevölkerung ruhig halten. Diese Länder haben sich inzwischen an die komfortable Situation gewöhnt, ein Zerfall des Ölpreises hätte für sie katastrophale Folgen. Der nach wie vor wichtigste Ölproduzent der Welt, Saudiarabien, hat daher auch schon klargemacht, dass er alles unternehmen werde, damit der Ölpreis nie mehr unter 100 Dollar pro Fass fallen kann.

Die Saudis könnten dabei bald einen mächtigen Verbündeten haben, die USA. Im Energiesektor hat sich, was die Kohlenwasserstoffe betrifft, in den letzten Jahren so etwas wie eine heimliche Revolution abgespielt. Vor allem die Stellung der USA hat sich grundlegend verändert. Schuld daran ist das sogenannte «Fracking», eine neue Bohrmethode, mit der vor allem Schiefergas, aber auch Öl gewonnen wird. Beim Fracking wird in kleinen horizontalen Tunneln ein Gemisch von Wasser und Chemikalien unter grossem Druck in Schiefergestein gepresst. Auf diese Weise gelingt es, grosse Mengen von Naturgas zu gewinnen, das bisher nicht zugänglich war. Ökologisch ist diese Methode alledings umstritten.

Die USA sprechen bereits von Energieunabhängigkeit

Das Potenzial von Fracking ist riesig. Allein die bisher bekannten Schiefergasreserven reichen aus, den amerikanischen Gasbedarf für die nächsten 40 Jahre zu decken. Es wird damit gerechnet, dass noch weitere, grosse Lager entdeckt werden. Zudem werden auch in der Arktis gigantische Mengen vermutet.

Das könnte die Interessenlage der USA auf den Kopf stellen. Bisher war der Import von Öl der wichtigste Grund für das notorische Handelsdefizit der Amerikaner. Jetzt wird bereits wieder von Energieunabhängigkeit gesprochen. Nicht nur Erdgas ist daran schuld. Auch der Biosprit macht sich allmählich bemerkbar, in den USA muss ein bestimmter Anteil des Benzins Ethanol enthalten. Zudem ist die Höchstgrenze des Benzinverbrauchs nach unten korrigiert worden.

Die kombinierte Wirkung von Fracking und Biosprit könnte bedeuten, dass auch die Amerikaner bald nicht mehr an einem tiefen, sondern an einem möglichst hohen Ölpreis interessiert wären. Thomas Friedman zitiert deshalb in der «New York Times» den Öl-Ökonomen Phil Verleger mit der Frage: «Sollten die Vereinigten Staaten der Opec beitreten?» Das ist nicht als Witz gemeint.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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