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Spekulanten setzen auf 1 Franken pro Euro

Gestern erreichte der Franken gegenüber dem Euro und dem Dollar erneut einen Rekordwert. An den Märkten setzt man auf eine weitere Aufwertung.

In den Siebzigerjahren machte der Begriff von «Mokkatasseneffekt» die Runde. Wie heute litt auch damals die Schweizer Exportindustrie unter einem aussergewöhnlich teuren Franken. Der Begriff vergleicht den Markt für Schweizer Franken mit einer kleinen Tasse, die rasch überläuft, wenn die ganze Welt ihr Geld in dieser Währung in Sicherheit bringen will. Genau das passiert aktuell. Die führenden Weltwährungen Dollar und Euro gelten zunehmend als riskant. Und so bietet sich der stabile Franken an, der aber ob des Ansturms zu einer immer stärkeren Überbewertung neigt.

Fast täglich erreicht der Franken neue Höchstwerte gegenüber beiden Währungen. Gestern kostete der Euro laut Bloomberg mit 1.1374 sogar zum ersten Mal weniger als 1.14 Franken. Auch zum Dollar wurde mit 0.8033 Franken für die US-Währung ein Allzeithoch erreicht. Wie die Nachrichtenagentur weiter errechnet hat, ist die Schweizer Währung bereits jetzt verglichen mit neun grossen weiteren Währungen von entwickelten Volkswirtschaften jene, die im letzten Jahr mit 17 Prozent gemessen an einem Gesamtindex am meisten zugelegt hat – gefolgt vom australischen Dollar, dessen Anstieg sich auf 9,8 Prozent belief. Keine andere Währung ist ausserdem nach einer Berechnung der OECD gegenüber dem US-Dollar stärker überbewertet.

Selbst auf die Parität wird spekuliert

Doch das Maximum ist noch nicht erreicht, zumindest wenn man den Verlautbarungen bekannter Devisenhändler Glauben schenkt. John Taylor, Gründer des grössten Hedgefonds der Welt mit Fokus Währungsspekulationen, rechnet sogar damit, dass der Franken noch in diesem Jahr zum Euro die Parität erreicht: Das heisst, für einen Franken erhielte man einen Euro. Taylors Hedgefonds FX Concepts LLC in New York verwaltet 8 Milliarden Dollar. Das dramatische Szenario des Spekulanten muss man allerdings mit Vorsicht geniessen, da Taylor von einer weiteren Aufwertung des Frankens auch profitiert, wie er ebenfalls der in Finanzkreisen besonders beachteten Agentur Bloomberg erklärt hat.

Aber Taylor ist mit seiner Erwartung einer weiteren Frankenaufwertung nicht allein, noch nicht einmal mit jener, dass der Franken zum Euro die Parität erreichen könnte. Dasselbe hält zum Beispiel auch Geoff Kendrick für möglich, der bei der Grossbank Nomura in Europa für die Währungsstrategie verantwortlich ist. Bei keiner anderen Währung rechnen die Devisenhändler insgesamt mit einem so hohen weiteren Anstieg wie beim Franken, wie ebenfalls Bloomberg-Daten zeigen. Immerhin liegen die Durchschnittserwartungen zum Eurokurs des Frankens bis zum Jahresende mit 1.26 Franken pro Euro noch bei einem schwächeren Franken, als wir ihn heute sehen, allerdings lag diese Erwartung noch im April bei 1.34 Franken.

Gleiches Bild an den Derivatmärkten

Auch die Derivatmärkte setzen offenbar auf eine weitere Frankenaufwertung. So erreichten die Prämien für Verkaufsoptionen (Puts) von Euro gegen Franken letzte Woche seit Januar 2009 einen Höchststand. Eine Verkaufsoption dient entweder als Absicherung gegen einen weiteren Euro-Kursverlust, oder sie wird gezielt mit der Absicht gekauft, um auf die Abwertung des Euro – oder die Aufwertung des Frankens – zu spekulieren.

Solche Rekordwerte können allerdings auch auf eine baldige Trendumkehr hindeuten. Die meisten Daten verweisen aber eher auf das Gegenteil. Eine Trendumkehr würde sich erst einstellen, wenn sowohl in den USA wie in Europa die Politiker wieder das Vertrauen zurückgewinnen würden, das sie in den letzten Monaten dramatisch verspielt haben. Denn in den Volkswirtschaften hinter den wichtigsten Währungen zeichnet sich keine politische Lösung im Zusammenhang mit den hohen Staatsschulden ab. Kommt hinzu, dass die Schweiz in den wichtigsten volkswirtschaftlichen Grössen bedeutend besser dasteht als die EU insgesamt und die USA: Das gilt vor allem für die Staatsverschuldung, aber auch für die Arbeitslosigkeit.

Keine Zinserhöhung vor dem Dezember

Politische Massnahmen gegen die Frankenstärke sind in der Schweiz vorderhand nicht zu erwarten, wie alle Akteure deutlich gemacht haben. Immerhin rechnen die Analysten nun mehrheitlich nicht mehr mit einer Zinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank vor dem Dezember. Treffen die Erwartungen zu einer weiteren Frankenaufwertung bis dann zu, wird die Notenbank auch dann die Finger von den Zinsen lassen. In der Schweiz dürfte daher nicht nur die Nervosität zum teuren Franken weiter steigen, sondern angesichts der anhaltend tiefen Zinsen auch die Angst vor einer Überhitzung an den Immobilienmärkten.

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