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Sparwütige Deutsche? Das war mal

Viel Export, wenig Konsum: Für diese Formel wurden die Deutschen in den letzten Monaten und Jahren gescholten. Jetzt wendet sich das Blatt – zum Vorteil ganz Europas.

Philipp Löpfe
Der Griff ins Kaufhausregal fällt leichter: Frau beim Weihnachtseinkauf. (Archivbild 2012)
Der Griff ins Kaufhausregal fällt leichter: Frau beim Weihnachtseinkauf. (Archivbild 2012)
Reuters

Die wirtschaftlichen Aussichten für Europa verbessern sich. Der Grund dafür liegt bei etwas, das konservative Ökonomen hassen wie der Teufel das Weihwasser: In Berlin wird die Austeritätspolitik aufgeweicht. Deshalb haben die deutschen Arbeitnehmer wieder mehr Geld in der Tasche.

«Die Tarifverdienste haben im letzten Quartal etwas stärker zugenommen, lagen deutlich über der Inflationsrate (zuletzt: 1,3 Prozent) und führten somit zu Kaufkraftgewinnen bei den privaten Haushalten», stellt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) in seinem jüngsten Newsletter fest. «Insgesamt haben die positive Beschäftigungsentwicklung und die steigenden Reallöhne zu einer kräftigen Erhöhung des privaten Konsums beigetragen.»

Diese Aufwärtstendenz dürfte sich im nächsten Jahr noch verstärken. Der zwischen CDU/CSU und der SPD ausgehandelte Koalitionsvertrag sieht vor, dass auch Renten und Sozialleistungen moderat erhöht werden. Zudem soll ab 2015 ein landesweiter Mindestlohn von 8.50 Euro pro Stunde eingeführt werden. All dies wird die deutsche Binnennachfrage weiter beflügeln. Das HWWI hat daher in seiner Prognose das Wirtschaftswachstum für das kommende Jahr kräftig nach oben korrigiert. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) soll um 1,7 Prozent zulegen, deutlich mehr als 2013 (0,5 Prozent).

Die Konjunkturlokomotive zieht wieder

In Deutschland deutet sich eine sanfte Wende in der Wirtschaftspolitik an. Die Exporte schwächen sich ab. Diese Entwicklung wird – ausser bei einem harten Kern von konservativen Ökonomen – allgemein begrüsst. Die deutschen Exporte sind zu einer Belastung für den Welthandel geworden, weil sie in den letzten Jahren übermässig angestiegen sind. Zeitweise betrugen sie mehr als 6 Prozent des BIP.

Wenn die deutschen Arbeitnehmer nun dank höheren Löhnen mehr konsumieren und deutsche Unternehmen wegen leicht gesunkener Wettbewerbsfähigkeit etwas weniger exportieren, profitieren alle. Deutschland wird wieder zu einer Konjunkturlokomotive in Europa, und das Gleichgewicht pendelt sich wieder ein. Auch die OECD sieht deshalb eine langsame Verbesserung der Wirtschaftslage in der EU.

Die belebte Nachfrage im eigenen Land

Wie wichtig der Binnenkonsum ist, zeigt auch die Entwicklung in Grossbritannien. Solange die Briten die Deutschen kopieren und ihre Exporte forcieren wollten, verharrten sie im wirtschaftlichen Jammertal. Nun haben sie wieder die Nachfrage im eigenen Land belebt – und haben damit Erfolg. Die britische Wirtschaft überrascht mit einem überdurchschnittlichen Wachstum. Wenn die sich anbahnende Grosse Koalition in Berlin ihre Versprechen auch einlöst, wird Deutschland im Vergleich zu den Briten bald wieder die Nase vorn haben.

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