SNB in der Währungszange

Von wegen besinnliche Adventstage: Dem Nationalbank-Präsidenten Thomas Jordan steht ein heisser Dezember bevor. Die Gründe.

Schwerwiegende Entscheide von EZB und Fed: Thomas Jordan muss die SNB auf die Entwicklungen in der Geldpolitik einstellen.

Schwerwiegende Entscheide von EZB und Fed: Thomas Jordan muss die SNB auf die Entwicklungen in der Geldpolitik einstellen.

(Bild: Keystone)

Robert Mayer@tagesanzeiger

Kurz vor Beginn eines Dezembers, in dem wegweisende Entscheide wichtiger Notenbanken anstehen, hat Nationalbank-Präsident Thomas Jordan die Gelegenheit genutzt, seine Position und die Ausgangslage für die Schweiz nochmals zu umreissen. Was dabei im Interview mit der «Handelszeitung» auffällt: Jordan zeichnet ein recht günstiges Bild über die aktuelle Wirtschaftslage hierzulande. Aus seiner Sicht «geht es der Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut», und «die bisherige Entwicklung deutet darauf hin, dass es der Wirtschaft gelingen wird, sich anzupassen». Auch wurden laut dem obersten Schweizer Geldpolitiker «bisher weniger Arbeitsplätze abgebaut als da und dort befürchtet», wenngleich er einräumt, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr noch steigen dürfte.

Natürlich unterlässt es Jordan nicht, auf die grossen Herausforderungen der Schweiz und den verschärften Wettbewerb der heimischen Unternehmen wegen des deutlich überbewerteten Frankens hinzuweisen. Gleichwohl ist der Notenbanker sichtlich bemüht, Verunsicherungen im Land den Boden zu entziehen. Die jüngsten Daten zur Wirtschaftstätigkeit sind ihm indes keine Hilfe: Im dritten Quartal ist die Produktion in der Industrie und im Baugewerbe im Vorjahresvergleich um 3,1 Prozent gesunken, wie das Bundesamt für Statistik gestern mitteilte. Für die Wirtschaftsleistung im besagten Quartal – die Zahlen werden am nächsten Dienstag veröffentlicht – verheisst das wenig Gutes. Wenn überhaupt, dürfte sie nur sehr bescheiden zugelegt haben.

EZB-Chef Draghi schürt die Erwartungen

Wenn Jordan dennoch Töne anschlägt, die von relativer Zuversicht und Gelassenheit zeugen, ist dies einerseits dem Bestreben geschuldet, den Kritikern der Schweizerischen Nationalbank (SNB) nach der Aufgabe des Euromindestkurses den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Zahl dieser Kritiker dürfte im neu gewählten Bundesparlament in Bern nicht kleiner geworden sein.

Andererseits muss der SNB-Präsident damit rechnen, dass die Auftriebskräfte für den Franken noch stärker und die Herausforderungen für sein Noteninstitut damit noch grösser werden. Dafür sorgt Mario Draghi: Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ist fest entschlossen, den Euro noch weiter zu schwächen. «Wir tun, was wir müssen», betonte der Italiener in der vergangenen Woche, um die Dringlichkeit zu unterstreichen, das Inflationsziel der EZB von knapp unter 2 Prozent auf absehbare Zeit zu erreichen (gegenwärtig liegt die Teuerungsrate in der Eurozone bei 0,1 Prozent). Draghi wählte seine Worte nicht zufällig, stellen sie doch einen Bezug her zu seiner legendär gewordenen Aussage vom Sommer 2012, den Euro zu retten, «koste es, was es wolle».

Mit seinem scharfen rhetorischen Geschütz hat der EZB-Chef indes die Erwartungen der Marktakteure kräftig beflügelt. Draghi muss «liefern», wenn er nach der nächsten geldpolitischen Sitzung der Euronotenbank am 3. Dezember vor die Medien tritt. Bereits gibt es erste Stimmen von Analysten und Händlern, denen zufolge der Eurowechselkurs nur dann nochmals merklich nachgeben wird – vom aktuellen Niveau von rund 1.06 Dollar –, wenn es Draghi gelingt, die Märkte zu überraschen. Stimmt diese Einschätzung, würde es nicht reichen, das laufende EZB-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen über den bisherigen Endtermin September 2016 hinaus zu verlängern und den Negativzins für geparkte Gelder der Banken bei der Euronotenbank um 0,1 Punkte auf 0,3 Prozent zu erhöhen. Diese Massnahmen seien im Eurokurs bereits enthalten, schallt es aus dem Markt.

Vor einem Abwertungswettlauf?

Doch was die hochgesteckten Erwartungen der Märkte befriedigt, könnte für die Nationalbank als böse Überraschung daherkommen. Dies gilt insbesondere für den Fall, dass die EZB den Negativzins zum Beispiel um 0,25 Prozent anheben sollte. Dadurch würde die Zinsdifferenz zur Schweiz – mit ihrem derzeitigen Negativzins von 0,75 Prozent – so stark verkleinert, dass die Abschreckungswirkung für potenzielle Frankeninvestoren schwindet. Dem SNB-Direktorium bliebe bei seiner nächsten Lagebeurteilung am 10. Dezember kaum eine andere Wahl, als den Negativzins seinerseits nochmals heraufzuschrauben. Andernfalls droht der Schweizer Währung ein neuer Aufwertungsschub, der den Eurokurs unter die Schwelle von 1.05 Franken drücken dürfte.

Thomas Jordan würde sich indes auf einen Tanz auf der Rasierklinge einlassen – denn niemand weiss genau, ab welchem Niveau die Negativzinsen derart grosse Nebenwirkungen entfalten, dass sie die Kontrolle der SNB über die heimische Geldversorgung unterlaufen. Dieses Stadium wäre wohl dann erreicht, wenn die Banken damit beginnen würden, die ihnen aus den Negativzinsen erwachsenden Belastungen auf die Kleinsparer zu überwälzen. Für viele unter ihnen wäre dies der Zeitpunkt, um ihre Guthaben abzuziehen und in Form von Banknoten in Tresoren und anderswo aufzubewahren. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die SNB die Negativzinsen noch bis auf 1,5 Prozent verdoppeln könnte, ohne zu riskieren, dass die Menschen in grossem Stil Bargeld horten.

Eine nochmalige Erhöhung des Negativzinses durch die SNB – vor allem wenn sie offenkundig als Reaktion auf einen vorausgegangenen Zinsschritt der EZB erfolgt – hätte aber noch aus einem anderen Grund einen etwas schalen Nachgeschmack: Für die involvierten Notenbanker würde es zunehmend schwieriger zu versichern, ihnen sei in keiner Weise an einem Abwertungswettlauf gelegen. Solange sie sich auf Anleihenkäufe konzentrierten, um über eine Senkung der langfristigen Zinsen die Wirtschaft zu beleben, hörten sich solche Beteuerungen noch glaubhaft an. Sollten sich die Währungshüter jetzt aber vermehrt auf Negativzinsen verlegen – in der Absicht, die eigene Währung für Anleger unattraktiv zu machen –, ist es bis zum Einstieg in eine Abwertungskaskade nicht mehr weit.

Lichtblick USA mit Vorbehalt

Ob unter diesen wenig verheissungsvollen Vorzeichen in Europa die amerikanische Notenbank für einen Lichtblick sorgt? Falls sie sich am 16. Dezember zur ersten Leitzinserhöhung seit fast zehn Jahren durchringt, würde dies grundsätzlich die Aufgabe für die Nationalbank erleichtern. Zumal der Dollar als Anlagewährung noch zusätzliche Attraktivität gewänne. Doch selbst dieses an sich günstige Szenario ist an einen Vorbehalt geknüpft: Sollte es im Nachgang zur monetären Straffung in den USA zu Turbulenzen an den Märkten kommen – etwa wegen einer über Erwarten starken Kapitalflucht aus den Schwellenländern –, dürften manche Investoren einmal mehr in den sicheren Hafen des Frankens flüchten. Und Thomas Jordan hätte ein Problem mehr am Hals.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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