Rekordhoch an der Börse: Was steckt dahinter?

In den USA und in der Schweiz haben die Börsen den höchsten je erreichten Wert erreicht. Wie es trotz Pessimismus und Handelsängsten dazu kommen konnte.

In der Schweiz und in den USA haben die wichtigsten Indizes neue Rekordhochs erreicht: Ein Händler an der New York Stock Exchange. Archivbild: AP via Keystone

In der Schweiz und in den USA haben die wichtigsten Indizes neue Rekordhochs erreicht: Ein Händler an der New York Stock Exchange. Archivbild: AP via Keystone

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

Praktisch alle Prognostiker sagen für die Weltwirtschaft eine deutliche Abschwächung voraus. Und viel war die Rede von grossen Risiken durch eine weitere Verschärfung des Handelskriegs und einen ungeordneten Brexit. Doch obwohl sich an all dem nichts geändert hat, steigen die Börsen weltweit enorm an. Mit dem SMI in der Schweiz und dem S & P 500 in den USA haben die wichtigsten Indizes dieser Länder sogar ein bisher in ihrer Geschichte noch nie erreichtes Rekordhoch erreicht.

Um mehr als 14 Prozent auf 9635 Punkte ist der Swiss-Market-Index (SMI), das Börsenbarometer der 20 grössten Schweizer Unternehmen, seit Jahresbeginn gestern bis Handelsschluss angestiegen. Der S & P 500, der die Börsenentwicklung der grössten 500 Unternehmen der USA misst, hat im laufenden Jahr um knapp 17 Prozent zugelegt und am Tagesende bei 2934 Punkten notiert. Doch auch andere Börsenplätze haben in den etwas mehr als drei Monaten dieses Jahres starke Gewinne verzeichnet: Der Euro Stoxx 50 als wichtigster Index der Eurozone ist um fast 17 Prozent und der japanische Nikkei um etwas mehr als 11 Prozent angestiegen. Bei den Branchen stechen vor allem die amerikanischen Technologiewerte hervor, der entsprechende Index Nasdaq Composite hat seit Jahresbeginn fast 22 Prozent zugelegt.

Zinsnormalisierung verschoben

Die Technologietitel waren es aber auch, die im letzten Jahr stark unter Druck geraten sind. 2018 war auch für andere Aktien und besonders für die Schweizer Börse ein schlechtes Jahr. Der SMI verlor sogar 10 Prozent. Ein Grund dafür war der Handelskrieg, der im Vorjahr durch Zollaufschläge auf immer mehr Güter vor allem zwischen den USA und China und wegen Drohungen einer weiteren Verschärfung deutlich Fahrt aufgenommen hatte. Der andere Grund war die eingeleitete Normalisierung der Zinsen, besonders in den USA. Gleich viermal hat das Fed, die Notenbank des Landes, 2018 seinen Leitsatz angehoben. Für die an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen sind die USA ein wichtigerer Absatzmarkt als die Schweiz.

Höhere Zinsen verteuern Investitionen der Unternehmen, und sie verringern die Prämie, die sich mit Aktien im Vergleich zur Kapitalanlage in weniger riskante Anleihen erzielen lässt. Dementsprechend drückt allein die Erwartung von höheren Zinsen auf die Aktienkurse. Und umgekehrt. Die Kurskorrektur der US-Notenbank im Januar ist daher auch der wichtigste Grund für das Kursfeuerwerk an den Börsen in den USA und weltweit. Aus ihren Verlautbarungen wurde deutlich, dass kaum mehr weitere Zinsanstiege in diesem Jahr zu erwarten sind. Eine Zinserhöhung weiter in die Zukunft verschoben hat auch die Europäische Zentralbank. Die Schweizer Nationalbank hat ebenfalls deutlich gemacht, dass sie die eigenen Zinsen eher noch weiter in den negativen Bereich drücken wird, als sie anzuheben.

Die eingetrübten Konjunkturaussichten sind die Ursache der verschobenen Zinsnormalisierung. Aus diesem Grund waren sie bisher keine Belastung für die Aktienmärkte, sondern haben diese sogar wieder befeuert. Dazu kommt, dass an den Börsen nicht aktuelle Umstände gehandelt werden, sondern Erwartungen zur Zukunft. «Mit den negativen Nachrichten zum ersten Halbjahr 2019 haben sich die Märkte bereits abgefunden; was die Kurse jetzt treibt, ist die Hoffnung auf ein deutlich besseres zweites Halbjahr», sagt Sven Bucher, Leiter Aktienresearch bei der Zürcher Kantonalbank.

Kurstreiber Pessimismus

Relativ pessimistische Erwartungen besonders zu den Unternehmensgewinnen sind zudem ein weiterer Grund für die Kursgewinne an den Börsen. Selbst von einer «Gewinnrezession» war die Rede, bevor die Unternehmen ihre Zahlen für das erste Quartal zu publizieren begannen. Da sich diese negativen Erwartungen in den Kursen gespiegelt hat, braucht es wenig, um ihnen Schub zu verleihen. Und so kam es auch: «Die Gewinne der Unternehmen im ersten Quartal sind in einigen Märkten im Vergleich zum Vorjahr zwar tiefer, aber höher, als das im Vorfeld erwartet wurde», so Sven Bucher.

Bei den jüngst oft genannten Angstfaktoren wie dem Handelskrieg und dem Brexit ist die Einschätzung jedoch gerade umgekehrt. Die Anleger sind überaus optimistisch. Die US-Regierung streut immer wieder Hinweise, die auf eine Einigung mit China hinweisen – und von einer solchen geht man an den Aktienmärkten mittlerweile auch aus. Auch ein ungeordneter Brexit gilt als kaum mehr wahrscheinlich. «Sowohl in Bezug auf den Handelskrieg wie zum Brexit herrscht die Meinung vor, dass alle ein Interesse an einer gütlichen Lösung haben und dass sie deshalb auch zu erwarten ist», sagt Chefanalyst Sven Bucher.

«Everyone is too happy now»

Damit drücken die angestiegenen Kurse einen positiven Ausgang aber schon aus: «Gute Nachrichten haben daher weniger Potenzial für weitere Kurserhöhungen», sagt Bucher. Der aktuelle Optimismus an den Börsen ist damit aber auch das grösste Kursrisiko. Ein Fondsmanager drückte das Grundgefühl an den Börsen gegenüber dem «Wall Street Journal» so aus: «Everyone is too happy now» – «alle sind jetzt zu glücklich.» Wenn sich auch alle in einer zu grossen Sicherheit wiegen, haben Enttäuschungen eine umso grössere negative Wirkung auf die Kurse.

Ein Indiz für einen überaus grossen Optimismus ist auch, dass der weltweit am meisten beachtete Volatilitätsindex der US-Aktienmärkte (Vix) – der als Angstindex der Börse gilt – sich seit Jahresbeginn halbiert hat und jetzt deutlich unter seinem langfristigen Niveau notiert. Dasselbe gilt auch für den Volatilitätsindex der Schweiz, VSMI. Es braucht allerdings noch immer wenig Fantasie, um sich Entwicklungen sowohl in der Konjunktur als auch in den Handelsbeziehungen vorzustellen, die nicht ganz so günstig verlaufen, wie das die Börsianer gegenwärtig erwarten.

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