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Nur ja kein forsches Wort

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, zeigte sich an der heutigen Pressekonferenz überraschend pessimistisch. Er gab sich Mühe, mit seiner Wortwahl keine neue Unruhe zu schüren.

Die Erwartungssteuerung der Notenbank war «nur halbwegs erfolgreich»: EZB-Chef Mario Draghi an der heutigen Pressekonferenz der Bank in Frankfurt.
Die Erwartungssteuerung der Notenbank war «nur halbwegs erfolgreich»: EZB-Chef Mario Draghi an der heutigen Pressekonferenz der Bank in Frankfurt.
Michael Probst, Keystone

Mario Draghis monatliche Medienkonferenz in Frankfurt stand unter veränderten Vorzeichen: Erstmals seitdem der Italiener im November 2011 an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) rückte, befindet sich die Eurozone nicht mehr in der Rezession. Seine wichtigste Aufgabe ist es nun – und darauf waren all seine Äusserungen ausgerichtet – , den zarten Aufschwung in Europa unter allen Umständen zu erhalten und zu stärken. Auf die Geldpolitik bezogen heisst das: Die Erwartungen an den Finanzmärkten so zu beeinflussen, dass die Zinssätze im Euroraum nur ja nicht zu früh zu steigen beginnen.

Aus diesem Grund hatte Draghi seine Kommunikation bereits Anfang Juli geändert, mit dem Ziel, über eine geldpolitische Vorausfestlegung die Markterwartungen zu steuern («Forward Guidance»). Seither lautet das von ihrem Präsidenten auch heute wieder vorgetragene Credo, die Zinsen im Euroraum würden für «längere Zeit» auf ihrem gegenwärtigen Niveau verharren oder gar noch weiter sinken.

«Forward Guidance» nur «halbwegs erfolgreich»

Bislang war die EZB mit ihrer Art von «Forward Guidance» indes nur «halbwegs erfolgreich», wie ihr Präsident eingestand. Es sei zwar gelungen, die Zinsschwankungen zu verringern. Doch die weitaus wichtigere Vorgabe, allfällige Überreaktionen der Marktteilnehmer angesichts der veränderten Konjunkturlage in Europa einzudämmen, konnten die Frankfurter Notenbanker nicht wunschgemäss erfüllen. So weist der marktbestimmte Tagesgeldzinssatz für den Euro (Euro Overnight Index Average, Eonia) seit dem Frühsommer eine steigende Tendenz auf.

Dass hierfür nicht nur das konjunkturelle Tauwetter in Europa verantwortlich ist, sondern auch das absehbare Bremsmanöver der amerikanischen Notenbank, macht die Sache für die Euronotenbank nicht besser. Draghi winkte denn heute mit dem Zaunpfahl: Man werde sich den Geldmarkt «näher anschauen» – eine für einen Notenbanker ziemlich unverblümte Ansage, gegebenenfalls noch mehr frisches Geld in den Markt zu pumpen, wenn die Aufwärtstendenz bei den Zinsen anhält.

Eine weitere Zinssenkung ist nicht ausgeschlossen

Auch eine weitere Senkung des Leitzinssatzes von seinem heutigen rekordtiefen Stand von 0,5 Prozent wollte der EZB-Präsident nicht ausschliessen. «Sollte sich die Marktentwicklung als untragbar erweisen», so Draghi, «dann sollte ein solches Instrument in Betracht gezogen werden.» Allerdings käme ein nochmaliges Drehen an der Zinsschraube wohl nur im Notfall in Betracht, und danach sieht es derzeit nicht aus.

Die überaus grosse Vorsicht, mit der die Euronotenbank das europäische Konjunkturpflänzchen behandelt, schimmert auch bei den jüngsten Konjunkturvorhersagen der EZB-Ökonomen durch. Für das laufende Jahr erwarten sie noch einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Eurozone um 0,4 Prozent, verglichen mit -0,6 Prozent anlässlich der Vorhersage im Juni. Wie Draghi umgehend hinzufügte, sei die relative Verbesserung einzig darauf zurückzuführen, dass das im zweiten Quartal verzeichnete Wachstum von 0,3 Prozent über den Erwartungen gelegen hatte.

Überraschenderweise haben die EZB-Ökonomen den Ausblick auf das kommende Jahr sogar leicht gesenkt: Anstelle eines prognostizierten Wachstums von 1,1 Prozent im Juni gehen sie neu von einem Plus von 1,0 Prozent aus. Und Draghi verwies ausschliesslich auf Risiken, die eine Korrektur nach unten erforderlich machen würden: Angefangen von steigenden Rohstoffpreisen als Folge zunehmender geopolitischer Spannungen über schwächere weltwirtschaftliche Nachfrageimpulse als erwartet bis hin zu neuerlichen Verspannungen an den Finanzmärkten. Der Silberstreifen am europäischen Horizont bleibt zwar, vor allem aber bleibt er sehr schmal.

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