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Ist Zypern wirklich gerettet?

Was droht der Wirtschaft des Kleinstaates? Wer sind die Verlierer? Wer die Gewinner der Vereinbarung? Und weshalb dauert der (Not-)Fall Zypern an? Redaktion Tamedia kennt die Fakten. Der Überblick.

Bröckeliges Währungsgefüge: Umriss von Zypern in einer Euromünze.
Bröckeliges Währungsgefüge: Umriss von Zypern in einer Euromünze.
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Nach einer weiteren Verhandlungsnacht stehen nun die Bedingungen fest, unter denen Zypern von der EU mit Rettungskrediten unterstützt wird (siehe Box). Damit ist Zypern nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien der fünfte Staat der Währungsunion, der Finanzhilfe von der Gemeinschaft in Anspruch nimmt. In den letzten Tagen hatten die Verhandlungen vor allem wegen des geplanten Einbezugs von Kleinsparern für Aufsehen gesorgt. Auch nachdem dieser Vorschlag vom Tisch ist, bleiben jedoch einige Fragezeichen. Die kritischen Punkte sind:

Wie viel Geld wird von Grosskunden eingezogen? Die EU und Zypern haben dazu noch keine Zahlen genannt. Experten gehen davon aus, dass Kunden der Laiki-Bank mit Guthaben über 100'000 Euro bis zu 40 Prozent ihres Vermögens verlieren könnten. Laut Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem soll diese Massnahme 4,2 Milliarden Euro zum Rettungspaket beisteuern. Wer bei der Bank of Cyprus über 100'000 Euro deponiert hat, dürfte ebenfalls rund 30 Prozent seines Gelds verlieren. Nicht nur russische Oligarchen und reiche Zyprioten, sondern auch lokale Unternehmen mit grösseren Bankguthaben werden also für die Bankenrettung bluten. Auch die Aktionäre und verbleibenden Anleihenhalter der Laiki-Bank werden bei der Restrukturierung des Instituts ihre Forderungen ersatzlos abschreiben müssen.

Wie stark leidet Zyperns Wirtschaft? Zum Kreis der Verlierer zählt neben den reichen Bankkunden die gesamte zypriotische Bankenindustrie: Verantwortlich für gegen 13'000 Arbeitsplätze und 45 Prozent der Wirtschaftsleistung, wird der Sektor in Zukunft drastisch reduziert. Mit vor- und nachgelagerten Branchen wie dem Treuhand- und Beratungsgewerbe war die Finanzindustrie in der Vergangenheit ein wichtiger Wachstumstreiber für Zypern. Weil künftig weniger russische Kundschaft auf Zypern verkehren wird, dürften auch Tourismus, Handel und Immobilienbranche stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Experten rechnen damit, dass die Wirtschaft eine Rezession nach griechischem Vorbild durchmachen wird. Die Anlageberatung Exotix in London prognostiziert 2013 einen BIP-Rückgang von 10 Prozent und 2014 eine Schrumpfung von 8 Prozent. Total könnte die Wirtschaft um bis zu einen Viertel schrumpfen.

Sind Zyperns Staatsfinanzen nun stabilisiert? Vom internationalen Kapitalmarkt ist Zypern heute ausgeschlossen. Ob die Rettungsaktion der EU an diesem Zustand über kurz oder lang etwas ändern wird, ist mehr als fraglich. Das BIP von Zypern liegt in der Region von 17,5 Milliarden Euro, die Staatsschulden (ohne den Finanzbedarf des Bankensektors) belaufen sich zurzeit auf 12,7 Milliarden Euro. Nach der Bankenrestrukturierung und dem Anpassungsprogramm soll sich Zyperns Schuldenstand bis 2020 auf etwa 100 Prozent des BIP einpendeln. Ob dies gelingt, ist angesichts der verheerenden Wirtschaftsaussichten zweifelhaft: Für die Ratingagentur Moody's bleibt der Staatsbankrott Zyperns weiterhin nicht ausgeschlossen; Ökonomen stellen einen Euroaustritt des Landes noch immer zur Disposition.

Welche Folgen hat der Fall Zypern für das Währungssystem? Wenn am Dienstag die Banken in Zypern wieder öffnen, dann werden ihre Dienstleistungen nur in begrenztem Umfang verfügbar sein. Wegen der drohenden Kapitalflucht wird das Land eine Reihe von Massnahmen ergreifen: Dazu dürften Limiten auf den Bargeldbezug, die Umwandlung von Giro- in längerfristige Sparkonten, die Beschränkung von E-Banking- und Kreditkarten-Transaktionen, die Bewilligungspflicht für Auslandsüberweisungen und die Beschränkung der Bargeldausfuhr gehören. Durch diese Kontrollen wird das Prinzip des freien Kapitalverkehrs, eine der wichtigen Säulen der Währungsunion, zum ersten Mal in der Geschichte des Euro verletzt. Plakativ ausgedrückt ist ein zypriotischer Euro nun nicht mehr gleich viel Wert wie ein Euro aus Deutschland oder Italien.

Wird in Europa fair gespielt? Die faktische Zerschlagung der zypriotischen Bankenindustrie fördert auch Gewinner zutage: In Finanzplätze wie die britischen Kanalinseln, Hongkong und Singapur oder die Schweiz dürften vermehrt Gelder aus Zypern wandern. Auch den europäischen Festlandbanken kommt die absehbare Trockenlegung der Steueroase Zypern zugute. Die EU hat wiederholt betont, dass sie Zyperns Bankensektor für überdimensioniert hält: Abzuwarten bleibt, ob die Euro-Staatschefs dieses Argument auch in Ländern wie Luxemburg anwenden werden, wo das Bankensystem im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft eine ähnliche Grösse wie in Zypern aufweist – oder ob für die finanzstarken Länder doch andere Regeln gelten als für die Staaten der Peripherie.

Wie weiter mit dem europäischen Integrationsprozess? Staaten wie Deutschland haben bei der Rettung Zyperns erneut gezeigt, wer in der Eurozone den Ton angibt. Währenddessen steigt die Zahl der Länder, die in den Troika-Empfehlungen ein blosses Diktat von aussen wahrnehmen. Wie der Prozess der Vergemeinschaftung unter diesen Umständen voranschreiten soll, wird die Politik in den nächsten Monaten zeigen müssen. Im verschwindend kleinen Land Zypern hat die grosse EU viel Goodwill verspielt. Auch in Bezug auf die geplante Bankenunion ist nun klar: Die EU betrachtet die Bereinigung von Altlasten weiterhin als Aufgabe der Mitgliedsstaaten. Ein gemeinschaftlich finanziertes Regime zur Sanierung maroder Banken bleibt erst einmal Zukunftsmusik.

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