«In China ist die Börse herdengetrieben»

Warum sind Chinas Börsen eingebrochen? Warum hat Pekings Politik dazu beigetragen? Was sind die Auswirkungen auf die Schweiz? Beat Schumacher, Asienexperte bei der ZKB, gibt Antworten.

Viele Kleinanleger müssen Verluste einstecken: Chinesen beobachten die Kursentwicklungen in einem Handelshaus in Fuyang. (28. Juli 2015)

Viele Kleinanleger müssen Verluste einstecken: Chinesen beobachten die Kursentwicklungen in einem Handelshaus in Fuyang. (28. Juli 2015)

(Bild: Reuters)

Herr Schumacher, ist die Blase an den chinesischen Börsen geplatzt?
Es war eine Blase, die Bewertung war extrem hoch. Aber man darf nicht vergessen, dass die chinesischen Börsen innert eines Jahres bis Mitte Juni um 150 Prozent gestiegen sind. Das hat zu dieser Korrektur geführt.

Sind das also nur Korrekturen nachdem der Shanghai Composite Index so stark zugelegt hat?
Es war langsam zu viel des Guten. Viele Anleger, die kreditfinanziert gekauft haben, wurden durch Regulationen der Regierung gezwungen, ihre Aktien zu verkaufen. Das hat diese Abwärtsbewegung ausgelöst. Die Anleger, die kürzlich eingestiegen sind, haben nun einen Verlust. Aber die Anleger, die vor einem Jahr gekauft haben, verzeichnen immer noch einen grossen Gewinn. Die Letzten beissen die Hunde.

Also sind Kleinanleger für die einstigen Kurssprünge und jetzigen Kursstürze verantwortlich?
In China ist die Börse nicht wie bei uns fundamental ökonomisch getrieben, sondern eher emotional. Sie ist ein herdengetriebenes Vehikel. Dort sind weniger langfristig orientierte, institutionelle Anleger als vielmehr Kleinanleger tätig. Wenn die Kurse steigen, springen sie auch auf den Zug und schauen nicht auf Bewertungen oder andere fundamentale Daten.

Sind chinesische Börsen Casinos für emotionale Kleinanleger?
Man muss unterscheiden. Die inländischen Börsen in Shanghai und Shenzhen sind schon eine Art «Casino», wo die Kursstürze stattgefunden haben und sogenannte A-Aktien gehandelt werden. Dort haben ausländische Anleger nach wie vor nur beschränkt Zugang. Aber die in Hongkong kotierten chinesischen Unternehmen, die H-Aktien, sind eine andere Anlageklasse. Die Hongkonger Börse ist von ausländischen Investoren dominiert und basiert auf ökonomischen Faktoren. Die Kurse der H-Aktien sind nicht so volatil wie diejenigen der inländischen Börsen.

Was bewirken die Massnahmen der Regierung wie Stabilisierungskäufe und verstärktes Vorgehen gegen Investoren, die auf fallende Kurse setzen?
Man hat in der letzten Zeit gesehen, dass die Massnahmen generell die Situation beruhigt haben. Beim gestrigen Einbruch hörte man, dass Peking sich mit Stützungskäufen zurückgehalten hatte. Aber die Frage ist, ob diese Massnahmen ordnungspolitisch sinnvoll sind. China will die Märkte ja eigentlich liberalisieren. Diese Interventionen sind dahingehend als Rückschlag zu bewerten.

Die Regierung ist mitverantwortlich für den Einbruch. Denn rekordtiefe Zinsen haben dazu geführt, dass Privatleute Schulden aufgenommen haben, um Aktien zu kaufen.
Die tiefen Zinsen haben die Kreditaufnahme attraktiver gemacht. Das ist richtig. Der zweite Punkt ist: Die Regierung hat letztes Jahr die Regulierungen erleichtert, dass kreditfinanzierte Käufe überhaupt möglich sind. Und es fehlen die Alternativen für Anleger. Daher trägt die Regierung eine «Mitschuld», dass die Blase an der Börse entstanden ist.

Die japanische Börse wurde auch heruntergezogen. Was erwarten Sie für die globalen Märkte?
Ängste sind vorhanden an den Börsen. Aber die Korrekturen waren mild. Ich erwarte jedoch wenige Auswirkungen – weder für die chinesische noch für die globale Wirtschaft. Die Kurssprünge des letzten Jahres in China haben nicht dazu geführt, dass die Chinesen deutlich mehr konsumiert haben. Also sehe ich nicht, warum diese Korrekturen dazu führen sollten, dass der Konsum nun einbricht.

Was sind die Auswirkungen auf die Schweiz?
Vordergründig haben die Kursstürze kaum Auswirkungen auf die Schweizer Konjunktur. Es sei denn, die Situation eskaliert und die chinesischen Börsen brechen erneut ein. Dann könnten Wachstumsängste in China aufkommen, die Unternehmen bremsen. Das würde auch die Schweiz betreffen.

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