Harte Fakten zu schwachem Franken

Der Euro ist auf ein Mehrjahreshoch von über 1,15 Franken gestiegen. Das ist gut für die Exportwirtschaft. Laut einem Experten wird die Nationalbank die Zinsen in diesem Jahr dennoch nicht erhöhen.

So günstig wie diese Woche gabs den Schweizer Franken in der Eurozone schon lange nicht mehr.

So günstig wie diese Woche gabs den Schweizer Franken in der Eurozone schon lange nicht mehr. Bild: Keystone

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1. Wie hat sich der Euro-Franken-Kurs in den letzten Wochen verändert?
Der Franken hat seit April dieses Jahres gegenüber dem Euro kontinuierlich an Wert verloren: Im April zahlte man für einen Euro noch 1.07 Franken. Am vergangenen Mittwoch hat der Kurs mit 1.1524 den vorläufigen Höchststand erreicht (siehe Grafiken). Seither hat sich der Kurs bei rund 1.15 stabilisiert. So schwach war der Franken seit der Aufhebung der Mindestkursgrenze im Januar 2015 nie mehr.

2. Warum hat sich der Franken abgeschwächt?
Die Abschwächung des Frankens ist auf die positive Entwicklung der Wirtschaft in der EU zurückzuführen. Im Frühjahr ist das Bruttoinlandprodukt in der Währungsunion um 0,6 Prozent gewachsen. Das Wirtschaftsklima im Euroraum ist so gut wie seit 17 Jahren nicht mehr. Streng genommen ist also in den letzten Monaten nicht der Franken schwächer, sondern der Euro stärker geworden. Denn auch zur Weltleitwährung Dollar legte der Euro wieder zu. Einen Schub gaben die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, wo sich Emmanuel Macron gegen die Eurogegnerin Marine Le Pen durchsetzte.

3. Wird sich der Kurs nun längerfristig auf diesem Niveau einpendeln?
Laut Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle KOF, sind Prognosen zu Devisenkursen wissenschaftlich gesehen schwierig bis unmöglich. Zumindest ein Argument spricht dafür, dass der Franken schwach bleibt. Seit der Aufhebung der Mindestkursgrenze war er realwirtschaftlich gesehen stark überbewertet. Die Abschwächung ist nun eine teilweise Anpassung an die realen wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Überbewertung des Frankens wegen dessen Rolle als sicherer Hafen für verunsicherte Anleger nimmt ab. Laut Sturm besteht selbst bei einem Kurs von 1.15 noch Luft nach oben.

4. Wird die Nationalbank von den Negativzinsen abrücken?
Der Leitzins der Schweizerischen Nationalbank (SNB) liegt derzeit bei –0,75 Prozent. Längerfristig wird die SNB ihre Zinspolitik überdenken müssen. Jan-Egbert Sturm glaubt aber nicht, dass sie die Zinsen noch in diesem Jahr erhöhen wird. Schliesslich machen höhere Zinsen Frankenanlagen wieder attraktiver und damit die Schweizer Währung tendenziell stärker. Die Nationalbank werde ihre Zinspolitik letztlich nach der Europäischen Zentralbank (EZB) richten, so Sturm. Ein Kurswechsel hin zu höheren Zinsen ist bei der EZB offiziell aber noch kein Thema. Zudem belastet der stärkere Euro die europäische Exportwirtschaft und drückt wegen tieferer Importpreise die Teuerung. Das spricht gegen eine Zinserhöhung.

5. Kann die Nationalbank beginnen, ihren Devisenberg abzutragen?
Im langjährigen Kampf gegen die Frankenstärke hat die SNB Fremdwährungsanlagen im Volumen von umgerechnet rund 724 Milliarden Franken angehäuft. 40 Prozent davon sind in Euro angelegt, 35 Prozent in US-Papiere. Die Entwicklung in den letzten Wochen deutet darauf hin, dass die SNB die Abschwächung des Frankens nicht wesentlich mit Devisenkäufen befeuert hat. Die Kurswende scheint aber zu fragil, als dass die SNB mit Verkäufen von Fremdwährungen im grossen Stil beginnen könnte. Zudem hat sie einen grossen Teil der Anlagen zu höheren Wechselkursen gekauft. Ein Verkauf brächte also Verluste.

6. Ist die derzeitige Frankenschwäche gut für die Schweizer Konjunktur?
Ja, für eine so stark exportorientierte Wirtschaft definitiv. Durch die Veränderung des Kurses von 1.07 auf 1.15 in den letzten Monaten wurden in der Schweiz hergestellte Exportgüter für Käufer in der Eurozone um 7,4 Prozent günstiger. Das freut die Exportfirmen. «Aus ökonomischer Sicht ist zu hoffen, dass der Kurs mindestens auf diesem Niveau bleibt», sagt Sturm. Das wäre gut für die Gesamtwirtschaft der Schweiz. Noch wichtiger sei aber, dass die Konjunktur weltweit derzeit anziehe.

7. Steigen jetzt die zuletzt noch rekordtiefen Hypothekarzinsen?
Ein starker Anstieg der Zinsen für Hypotheken ist erst zu erwarten, wenn die Nationalbank den Leitzins erhöht. Bei den langfristigen Hypotheken ist aber bereits jetzt – in Erwartung eines höheren Zinsumfeldes – ein Anstieg festzustellen. Auf der anderen Seite dürften auch die Sparzinsen noch einige Zeit bei null bleiben und die Banken werden wohl auf sehr grossen Guthaben weiterhin Negativzinsen erheben.

8. Werden nun Güter und Dienstleistungen teurer?
Die Konsumentenpreise sind bereits im Frühjahr erstmals seit Jahren wieder leicht gestiegen. Höhere Wechselkurse sind ein Argument für Preiserhöhungen auf Importgüter. Coop als grosser Anbieter ausländischer Markenartikel plant keine Preiserhöhungen. Aber: «Wir beobachten die Kursentwicklung aufmerksam», sagt ein Sprecher. Umgekehrt bremst ein höherer Eurokurs den Schweizer Einkaufstourismus im Ausland.

9. Knallen beim gebeutelten Schweizer Tourismus die Korken?
Der vorteilhaftere Eurokurs könnte laut der Organisation Schweiz Tourismus die Rückkehr zu Wachstum bei den Hotelübernachtungen europäischer Gäste erleichtern. Profitieren können davon auch die Schweizer Gastronomie und der Detailhandel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.08.2017, 07:26 Uhr

Entwicklung des Frankenkurses

Eurokurs in den letzten sieben Jahren:


Eurokurs in den letzten vier Monaten:


Klicken zum Vergrössern. Grafik nah / Quelle Swissquote

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