«Es gibt eine Kursuntergrenze zum Euro»

Jobs weg, Franken zu stark: Der Druck auf die SNB steigt. Verliert die Schweiz ihre Industrie? Was muss Thomas Jordan nun tun? Dazu Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann.

«Vielleicht könnte die SNB noch etwas stärker darauf hinarbeiten, den Kurs mindestens bei 1.10 Franken pro Euro zu halten»: Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. (Archiv, 2010)

«Vielleicht könnte die SNB noch etwas stärker darauf hinarbeiten, den Kurs mindestens bei 1.10 Franken pro Euro zu halten»: Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. (Archiv, 2010)

(Bild: Keystone)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Die kritischen Stimmen gegenüber der Politik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) werden lauter. Weshalb? Das war zu erwarten. Die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro trifft einige Unternehmen derzeit sehr hart. Vor allem Betriebe, die in direkter Konkurrenz zu Deutschland stehen, sind seit Januar stark unter Druck geraten. Der Preisunterschied beträgt etwa 25 Prozent. Das zwingt viele zur Aufgabe oder zur Verlagerung ins Ausland.

Die Euro-Franken-Untergrenze von 1.20 wurde bereits im Januar aufgegeben. Weshalb kommt die SNB-Kritik jetzt? Es dauert eine gewisse Zeit, bis die Folgen der Aufwertung spürbar geworden sind. Viele Firmen konnten in den letzten Monaten noch Aufträge abarbeiten. Jetzt zeigt sich immer deutlicher, wie viele Marktanteile eine Firma verloren hat, wie stark die Kosten für die Produktion gestiegen sind und wie klein ihr Spielraum für Preiserhöhungen geworden ist.

Während vielerorts Stellen gestrichen werden, haben erste Industrieunternehmen wie Georg Fischer damit begonnen, die Arbeitszeiterhöhung auszusetzen. Ist alles gar nicht so schlimm? Die Unternehmen sind von der Währungssituation unterschiedlich stark betroffen. Einige können die Preissteigerungen teilweise weitergeben, weil sie eine dominante Marktstellung haben. Und internationale Konzerne wie Georg Fischer sind dank mehreren Standorten flexibler und können ihre Produktion intern schneller optimieren.

Was kann die SNB jetzt unternehmen? Es gibt eine Art implizite Kursuntergrenze zum Euro bei etwa 1.05 Franken. Oder anders gesagt: Wenn sich der Euro-Franken-Kurs der Parität nähert, interveniert die SNB am Währungsmarkt. Vielleicht könnte die SNB noch etwas stärker darauf hinarbeiten, den Kurs mindestens bei 1.10 Franken pro Euro zu halten.

Bedeutende Schweizer Ökonomen fordern, dass die SNB den Franken nicht gegenüber einer Währung, sondern gegenüber mehreren in einem Währungskorb stabilisiert. Ist die Einführung eines Währungskorbs ein Ausweg? Derzeit ist das keine realistische Option. Einen Währungskorb hätte die SNB als Ersatz für die Eurountergrenze wählen können. Aber jetzt wäre das unglaubwürdig. Die Anleger würden den Währungskorb sofort testen, was die Bilanzsumme der SNB stark ausweiten würde. Genau das will ja die SNB nicht mehr tolerieren. Wegen des befürchteten Bilanzwachstums hat sie im Januar die Untergrenze aufgehoben.

Bedeutet dies, dass auch die Forderung nach einem neuen Franken-Euro-Mindestkurs unrealistisch ist? Ja, das ist sie. Die Währungssituation ist derzeit zu ruhig, um einen neuen Mindestkurs zur rechtfertigen. Dafür müsste der Eurokurs wesentlich stärker schwanken. Nur eine erneute Währungskrise würde die Einführung einer Untergrenze glaubwürdig machen.

Die Folgen für die Industrie sind schwerwiegend. Findet derzeit eine Deindustrialisierung der Schweiz statt? Von einer Deindustrialisierung der Schweiz würde ich nicht sprechen. Das würde bedeuten, dass die Schweizer Industrie existenziell bedroht ist. Das ist nicht der Fall.

Ist die Angst vor dem Abwandern der Industrie übertrieben? Nein, sie ist nicht übertrieben, denn sie findet ja bereits statt, und zwar in einem Ausmass, das über den normalen Strukturwandel hinausgeht. Entscheidend ist nun, dass der Kurs nicht deutlich unter 1.10 Franken pro Euro sinkt. Sonst wird es tatsächlich kritisch.

Die Kritik zielt immer stärker gegen die Führungsspitze um SNB-Präsident Thomas Jordan. Weshalb? Das ist bei Aufwertungsschüben immer so. Die SNB hat mit ihren Entscheidungen enormen Einfluss auf die Wirtschaft. Doch mir scheint, ihre Politik ist in der Bevölkerung immer noch breit abgestützt. In Unternehmerkreisen hingegen beobachte ich eindeutig eine Zunahme an kritischen Stimmen.

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, hat kürzlich wieder betont, dass die Geldpolitik der Eurozone expansiv bleibe. Wird der Franken noch stärker? Der Franken hat als Fluchtwährung an Bedeutung verloren. Die Schweiz zieht nicht mehr so viel Kapital an wie vor zwei, drei Jahren. Das hilft. Der Dollar ist derzeit die wichtigste Währung für verunsicherte Anleger. Sollten in den USA nun auch noch die Zinsen steigen, dann würde das der Schweiz enorm helfen.

Tobias Straumann schreibt auch für Never Mind the Markets, den Ökonomen-Blog des TA.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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