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Die sture Frau Merkel

Der polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski warnt vor einer wirtschaftlichen Apokalypse, wenn Deutschland nicht endlich einlenkt. Der Mann hat recht. Ein Kommentar.

«Ich fürchte die Macht von Deutschland weniger als die deutsche Inaktivität»: Radoslaw Sikorski.
«Ich fürchte die Macht von Deutschland weniger als die deutsche Inaktivität»: Radoslaw Sikorski.
Keystone

Mit dramatischen Worten hat sich der polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski an Deutschland gewandt. Die EU stehe vor einer Krise mit «apokalyptischen Proportionen», warnte er gestern. Nicht Terrorismus, deutsche Panzer oder russische Raketen seien derzeit die grösste Bedrohung, sondern der «Kollaps der Eurozone». Schliesslich sprach Sikorski etwas aus, dass angesichts der mehr als komplizierten Vergangenheit der beiden Länder bemerkenswert ist: «Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Aussenminister in der Geschichte, der sagt: Ich fürchte die Macht von Deutschland weniger als die deutsche Inaktivität.»

Der Hintergrund zu Sikorskis Aussagen: Die jüngsten Zahlen der OECD prognostizieren für Europa bereits eine Rezession. Und auch die US-Wirtschaft wird sich wegen der Eurokrise massiv abkühlen. Weltweit droht zudem eine Kreditklemme. Bereits heute kann sich beispielsweise die Air France nicht mehr bei französischen Banken wie BNP Paribas oder Société Générale refinanzieren, sondern muss auf chinesische und japanische Banken ausweichen.

Von der griechischen Blase profitiert

Und der Schlüssel zur Lösung dieser Krise liegt derzeit in Berlin. Nur ein rasches Einlenken hinsichtlich der Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) kann jetzt noch Schlimmeres verhindern. Die EZB muss jetzt zu einer richtigen Zentralbank ausgebaut werden, die auch die Rolle einer Kreditgeberin in letzter Instanz glaubwürdig ausfüllen kann. Nur so können die Märkte wieder beruhigt werden. Bisher hat sich Deutschland dieser Option verweigert.

Die sture Haltung in Berlin löst weltweit Wut und Unverständnis aus. Typisch beispielsweise der Kommentar von Joe Nocera, Kolumnist in der «New York Times»: «Aus der Ferne betrachtet fragt man sich: Können die Deutschen denn nicht erkennen, wie stark ihre Wirtschaft von der griechischen Blase profitiert hat – und auch von den anderen Defizitsündern? Begreifen sie nicht, dass auch die eigenen Banken mit ihrer Kreditvergabe einen grossen Teil der Schuld tragen? Realisieren sie nicht, dass der Zusammenbruch der Eurozone – undenkbar noch vor einem Jahr, vielleicht unausweichlich jetzt – Deutschland sehr viel mehr schmerzen wird als Griechenland?»

Jahrelang eingetrichtert

«Das Fressen kommt vor der Moral», heisst es bei Bertolt Brecht. Wenn es doch bloss so wäre! Die Deutschen ziehen einen Kollaps der Weltwirtschaft einer Rettung der Club-Med-Länder vor, weil sie fest davon überzeugt sind, dass in diesen Ländern niemand Steuern zahlt und alle sich mit 50 pensionieren lassen – und das alles mit deutschem Geld. Das ist den Deutschen von konservativen Politikern und der «Bild»-Zeitung jahrelang eingetrichtert worden. Jetzt wollen sie, dass die vermeintlichen Sündenböcke bestraft werden – auch wenn es gravierende Konsequenzen für die Weltwirtschaft hat.

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