Der Trump-Boom im Faktencheck

Jobs, Börse, Konjunktur: Der US-Präsident brüstet sich mit starken Zahlen. Was ist dran am Wirtschaftswunder der USA?

Da wird gebuddelt und geschuftet in den USA: Trump beim Spatenstich für eine neue Fabrik in Wisconsin.

Da wird gebuddelt und geschuftet in den USA: Trump beim Spatenstich für eine neue Fabrik in Wisconsin.

(Bild: Reuters Darren Hauck)

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

«We have accomplished an economic turnaround of HISTORIC proportions!» – «Wir haben eine wirtschaftliche Wende von HISTORISCHEN Ausmassen erreicht». Diese Zeile twitterte US-Präsident Donald Trump Ende Juli, als die jüngsten Zahlen für das Wachstum der USA im zweiten Quartal des laufenden Jahres veröffentlicht wurden. Sie zeigten eine aufs Jahr hochgerechnete Zunahme von 4,1 Prozent an. Ein so starkes Quartalswachstum haben die USA seit 2014 nicht mehr gesehen.

Als weiteren Beleg für den wirtschaftlichen Erfolg seiner Politik sieht Trump die Entwicklung der Aktienmärkte. Seit seiner Wahl kannten die Kurse nur eine Richtung: nach oben. Allein im Monat nach der Veröffentlichung der Wachstumszahlen ist der Leitindex der US-Börse S&P 500 um 2,8 Prozent weiter gestiegen. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump am 20. Januar 2017 hat der Index sogar um mehr als 50 Prozent zugelegt.

Nichts ist für den US-Präsidenten wichtiger als wirtschaftlicher Erfolg. Das war sein wichtigstes Versprechen schon im Wahlkampf. Dafür wurde er gewählt und damit begründet er auch den von ihm angezettelten Handelskrieg. Kein Wunder also, schreibt er die positiven Daten seinem eigenen Handeln zu. Bei genauer Betrachtung sieht das Bild aber weniger rosig aus. Der Reihe nach:

Die Rolle der Notenbank

Die vor allem für die Beschäftigten wichtigste Entwicklung ist jene der Arbeitslosigkeit. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump ist die Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent auf 3,9 Prozent gesunken. Doch das ist nur die Fortsetzung einer Entwicklung, die schon in der Amtszeit von Trumps Vorgänger Barack Obama begonnen hat. Im Jahr 2010 lag diese Quote noch knapp unter 10 Prozent. Bis zum Ende der Amtszeit von Obama sank sie bereits auf 4,8 Prozent.

Die Arbeitslosenquote vermittelt allerdings nur ein unzureichendes Bild von der Lage am US-Arbeitsmarkt. So ist der Anteil der Erwerbstätigen an der arbeitsfähigen Bevölkerung noch immer deutlich tiefer als vor der Finanzkrise. Dazu kommt, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit wenig mit der Politik der Präsidenten zu tun hat – weder mit Obama noch mit Trump. Hauptverantwortlich dafür ist vor allem die Politik der von den Präsidenten unabhängigen Notenbank Fed, die ihre Leitzinsen seit der Finanzkrise bis zum Dezember 2015 bei null Prozent belassen hat und auch auf andere Weise die Wirtschaft massiv mit Geld geflutet hat.

Dazu kommt, dass es Hinweise dafür gibt, dass die Arbeitslosenquote jetzt sogar zu tief ist. Gemäss den Entscheidungsträgern der US-Notenbank liegt die strukturelle Arbeitslosigkeit der USA zwischen 4,3 und 4,6 Prozent. Sie ergibt sich vor allem daraus, dass den Arbeitsuchenden Qualifikationen für offene Jobs fehlen. Die aktuelle Arbeitslosenquote ist mit 3,9 Prozent deutlich tiefer. Sie ist das Ergebnis der anhaltenden Nachfragestimulierung durch die nach wie vor tiefen Zinsen der Notenbank, aber auch durch die Steuersenkungen der Trump-Administration. Das bedeutet, dass die Politik von Donald Trump zwar tatsächlich die Wirtschaft weiter anheizt, aber in einem ungesunden, zu starken Ausmass. Die Wirtschaft tendiert nach vielen Jahren des Aufschwungs jetzt zur Überhitzung, das schlägt sich bereits in einer steigenden Inflationsrate nieder.

Anzeichen für eine Überhitzung zeigen auch die Daten zum Wachstum des Bruttoinlandprodukts in den USA. Deshalb sagt auch das Wachstum von 4 Prozent im letzten Quartal wenig über die künftige Entwicklung der US-Wirtschaft und ihren Gesundheitszustand aus. Von Bedeutung ist jenes Wachstum, das langfristig erreicht werden kann. Ökonomen sprechen vom Wachstumspotenzial. Dafür ist vor allem die Entwicklung der Produktivität wichtig, also die Leistungsfähigkeit.

Schwaches Potenzialwachstum

Diese ist nicht nur in den USA, sondern weltweit deutlich geringer als noch im letzten Jahrtausend. Ökonomen rätseln über die Ursache, wo doch moderne Technologien zum Gegenteil führen müssten. Auch wenn Ökonomen keinen exakten Wert für das Potenzialwachstum der US-Wirtschaft angeben können, so liegen Wachstumsraten von 4 Prozent unbestritten deutlich höher. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner Prognose für das Wachstum der USA nach einem Höhepunkt von 2,9 Prozent im laufenden Jahr in den nächsten Jahren wieder mit geringeren Raten rechnet. Im Jahr 2020 sollen es demnach sogar nur noch 1,9 Prozent Wachstum sein.

Die Nachfragestimulierung durch die Geldflut der US-Notenbank in den letzten Jahren ist schliesslich auch hauptverantwortlich für den Aufwärtstrieb an den Börsen, der keineswegs erst mit Donald Trump eingesetzt hat. Seit dem Tiefpunkt nach der Finanzkrise Anfang 2009 hat sich der Wert der US-Aktien gemessen am führenden S&P-500-Index mehr als vervierfacht. Die Steuersenkungen von Donald Trump haben die Kurse, wie die Wirtschaft generell, aber ebenfalls weiter befeuert. Viele Beobachter sehen aber auch diese Entwicklung mit Skepsis. Denn es besteht die Gefahr, dass sich hier bereits eine Blase gebildet hat, die bei höheren Zinsen oder auslaufenden Stimulierungen durch das Staatsbudget platzen kann.

Es ist Aufgabe der US-Notenbank, der Überhitzung und der Inflation Einhalt zu gebieten. Aus diesem Grund erwarten Ökonomen, dass sie ihre Leitzinsen weiter erhöht. Dass US-Präsident Donald Trump sich bereits mehrfach gegen diese Politik ausgesprochen hat und erklärt hat, höhere Zinsen würden seinen Zielen schaden, deutet darauf hin, dass es ihm nicht wirklich um die nachhaltige Stärke der US-Wirtschaft geht. Hohe Wachstumszahlen und Börsenkurse braucht er jetzt, um Wahlen zu gewinnen.

Steigende Verschuldung

Die negativen Folgen zeigen sich erst später. Eine solche negative Folge ist vor allem der weitere Anstieg der US-Verschuldung. Selbst unter Barack Obama lag das Budgetdefizit immer höher als 3 Prozent, wie es für ein Land der Währungsunion in Europa maximal erlaubt wäre – immerhin konnte er das Defizit nach Maximalwerten von deutlich mehr als 10 Prozent unmittelbar nach der Finanzkrise wieder deutlich reduzieren. Seit Trump steigt es dagegen wieder an – und das wird gemäss Prognose des IWF auch in den nächsten Jahren so weitergehen: Bis 2022 wird es demgemäss nie unter 5 Prozent zu liegen kommen.

Wenig überraschend steigt daher auch die seit der Finanzkrise stark erhöhte Gesamtverschuldung der USA gemessen am Bruttoinlandprodukt noch weiter an. Und sie wird im Jahr 2020 gemäss IWF-Prognose bereits bei mehr als 110 Prozent zu liegen kommen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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