Der britische Finanzguru sagt, wie die Schweiz stimmen soll

Die Vollgeldinitiative stösst in der internationalen Finanzpresse auf grosses Echo. Der Chef-Kommentator der «Financial Times» äussert sich besonders pointiert.

«Der Vorschlag ist nicht kompletter Wahnsinn», schreibt Martin Wolf in der Financial Times: Der Chefökonom (l.) am WEF in Davos neben IWF-Chefin Christine Lagarde und weiteren Grössen der Finanz- und Wirtschaftswelt. (20. Januar 2017)

«Der Vorschlag ist nicht kompletter Wahnsinn», schreibt Martin Wolf in der Financial Times: Der Chefökonom (l.) am WEF in Davos neben IWF-Chefin Christine Lagarde und weiteren Grössen der Finanz- und Wirtschaftswelt. (20. Januar 2017) Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man könnte glauben, am kommenden Sonntag würde die ganze Welt mit über die Vollgeldinitiative abstimmen – zumindest die Finanzwelt. Dieser Eindruck drängt sich beim Blick in die grossen internationalen Finanzzeitungen auf. Hier sticht besonders die britische «Financial Times» hervor, die in Europa führende Finanz- und Wirtschaftszeitung.

Zuletzt gipfelte die Berichterstattung dieser Zeitung in einer Abstimmungsempfehlung durch deren weitum bekannten Chefökonomen Martin Wolf: Er legt den Schweizern nahe, für die Vollgeldinitiative ein Ja in die Urne zu legen. Sein Hauptargument: Die Finanzbranche ist insgesamt zu wenig stabil, was immer wieder zu Finanz- und Wirtschaftskrisen führt. Die bisher ergriffenen Massnahmen, wie die Mindestkapitalquoten, hält er für ungenügend. Den Banken die Geldschöpfung durch die Kreditvergabe zu verunmöglichen, wie das die Initiative will, hält er deshalb für sinnvoll.

«Die Finanzwelt muss sich wandeln und dafür braucht es Experimente» («Finance needs change. For that, it needs experiments»), schreibt Wolf. Die Vollgeldinitiative ist für ihn ein begrüssenswertes solches Experiment. Es liegt kaum in seiner Absicht, dass er mit genau dieser Argumentation den Gegnern der Initiative in die Hände spielt, die den Initianten vorwerfen, die direkte Demokratie der Schweiz für Experimente zu missbrauchen, an denen man vor allem im Ausland stark interessiert sei.

Die «Financial Times» wirbt für die Vollgeldinitiative: Schon auf der Frontseite der gestrigen Ausgabe wird die Ja-Empfehlung des Chefökonomen Martin Wolf sichtbar.

Wolf hat sich nicht zum ersten Mal für die Initiative ausgesprochen. Schon vor vier Jahren hat er sich für das Vollgeldsystem in einem Artikel starkgemacht. Die «Financial Times» hat sich dem Volksbegehren auch sonst in mehreren Artikeln angenommen. So erschien am 29. Mai in der Reihe «The Big Read» (in etwa: «Die grosse Geschichte») ein umfangreicher Artikel zur Initiative. Bereits am 9. Mai publizierte die Zeitung eine Art Katalog von Fragen und Antworten dazu, fast wie wenn man auch in London stimmberechtigt wäre. Gleich in zwei Beiträgen hat sich Ende Monat auch Martin Sandbu im viel beachteten Wirtschaftsblog «Free Lunch» der gleichen Zeitung mit dem Vorhaben auseinandergesetzt. Auch diese Beiträge sind eher auf der Proseite als auf der gegnerischen.


Video – die Vollgeldinitiative in 240 Sekunden verstanden

Am 10. Juni stimmen wir über die Vollgeldinitiative ab. Aber worum geht es bei der Vorlage eigentlich?


Als führendes Finanzblatt der USA ist auch das «Wall Street Journal» auf die Vollgeldinitiative eingegangen. In einem Beitrag vom ersten Juni wird das Vorhaben und ihr Ziel mit Grafiken ausführlich dargestellt und sowohl Befürworter wie Kritiker kommen zu Wort. In einem weiteren Artikel vom 3. Juni ist der Grundton gegenüber der Initiative dann deutlich kritisch: «Die Schweizer tendieren dazu, verrücktere Volksinitiativen zu verwerfen», wird da als Begründung dafür angeführt, weshalb man sich keine allzu grossen Sorgen um die Schweizer Banken zu machen brauche. Etwas gnädig heisst es dann aber doch «Der Vorschlag ist nicht kompletter Wahnsinn» (completely mad), da selbst Zeitungen wie die «Financial Times» schon ähnliche Ideen diskutiert haben.

Betonung der geringen Chancen

Das Interesse der Finanzpresse nährt sich aus der grossen Bedeutung des Schweizer Finanzplatzes innerhalb der internationalen Finanzarchitektur. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass selbst die Rating-Agentur Standard & Poor’s und die Analysehäuser von Grossbanken sich mit der Initiative auseinandergesetzt haben. Während sich der Grundtenor in diesen Schriften vor allem um die Risiken und Unsicherheiten bei einer Annahme dreht, versichern sie ihren Lesern auch, dass die Chancen auf eine Annahme des Vorhabens äusserst gering seien und dass das Parlament selbst im gegenteiligen Fall ausreichend Möglichkeiten habe, die Gesetze in einer Art auszugestalten, dass der Schaden nicht allzu hoch ausfalle.

Eine grosse Beachtung findet die Vollgeldinitiative auch in den deutschen Zeitungen. Besonders hervorgetan hat sich mit dem «Handelsblatt» auch dort eine Wirtschaftszeitung. Ein Grund für das grosse Interesse beim nördlichen Nachbarn dürfte auch sein, dass das theoretische Grundgerüst der Vorlage von da stammt. Joseph Huber, der deutsche Vater der Vollgeldidee, würde dieses am liebsten im Euroraum verwirklichen. Doch dort gibt es die Möglichkeit einer Volksinitiative nicht. Auch in Deutschland könnte man angesichts der Auseinandersetzungen zuweilen meinen, die Abstimmung finde auch dort statt. In einem Blog gab da zum Beispiel der Ökonom und «Handelsblatt»-Autor Norbert Häring dem Ökonomen und «Wirtschaftsweisen» Peter Bofinger Saures, weil dieser sich nach Härings Ansicht in einem «unausgegorenen Beitrag» kritisch zur Initiative geäussert habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 14:49 Uhr

Artikel zum Thema

Ratingagentur warnt vor Vollgeld-Folgen

S&P macht drei hauptsächliche Auswirkungen einer Umstellung auf Vollgeld aus. Mehr...

«Die Nationalbank müsste Geld verschenken»

INTERVIEW SNB-Präsident Thomas Jordan erklärt im grossen Interview, warum er die Vollgeldinitiative für gefährlich hält. Umsetzen würde er sie dennoch. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gross ist die Hoffnung: In Kashmir sucht ein indisches Mädchen am letzten Tag von Navratri, einem der wichtigsten Feste im Hinduismus, nach versenkten Münzen. (17. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Jaipal Singh) Mehr...