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Das Sparwut-Paradoxon

Haushalte und Unternehmen sparen viel zu viel. Davon profitieren verschuldete Staaten mit rekordtiefen Zinsen. Grossbritannien denkt gar darüber nach, Anleihen mit einer Laufzeit von 100 Jahren auszugeben.

Philipp Löpfe
Die Sparwut der Regierung treibt die Briten auf die Strasse: Demonstration gegen die Sparpläne der Regierung vor einem Vodafone-Shop in London. Vodafone und anderen Konzernen wird vorgeworfen, zu wenig Steuern zu zahlen. (17. Dezember 2011)
Die Sparwut der Regierung treibt die Briten auf die Strasse: Demonstration gegen die Sparpläne der Regierung vor einem Vodafone-Shop in London. Vodafone und anderen Konzernen wird vorgeworfen, zu wenig Steuern zu zahlen. (17. Dezember 2011)
Keystone
Billiges Geld dank rekordtiefer Zinsen: Grossbritannien Schatzmeister liebäugelt mit dem Gedanken, eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren aufzulegen. (25. Januar 2012)
Billiges Geld dank rekordtiefer Zinsen: Grossbritannien Schatzmeister liebäugelt mit dem Gedanken, eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren aufzulegen. (25. Januar 2012)
Keystone
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Für die als sicher geltenden Länder sinken die Zinsen nach wie vor. Bei kurzfristigen Staatsanleihen der Eidgenossenschaft oder Deutschlands liegen sie sogar im negativen Bereich, will heissen: Wer sie kauft, nimmt sogar einen kleinen Verlust in Kauf. In Grossbritannien will man diese Situation ausnützen und denkt darüber nach, eine Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren auf den Markt zu bringen. Bisher hat die längste Laufzeit 50 Jahre betragen.

Die Schweiz ist mit ihren Überschüssen in der Staatskasse fast allein auf weiter Flur. In den meisten Ländern, auch in Deutschland, ist die Staatsverschuldung wegen der Wirtschaftskrise massiv gestiegen. Das heisst, dass das Risiko der Staatsanleihen steigt. Gleichzeitig fällt aber ihre Rendite – laut Lehrbuch müsste es genau umgekehrt sein. Wie kommt es zu diesem paradoxen Zustand?

Die Tigerstaaten legten eine gewaltige Sparreserve an

Ende der 1990er-Jahre wurde Asien von einer schweren Krise heimgesucht. Die Notenbanken von Tigerstaaten wie Südkorea, Indonesien oder Thailand hatten keine Devisenreserven mehr. Sie mussten ihre Währungen abwerten und beim Internationalen Währungsfonds um Hilfskredite betteln. Es war für sie eine traumatische Erfahrung, die sie um keinen Preis mehr wiederholen wollen. Deshalb legten sie eine gewaltige Sparreserve an. Die chinesische Notenbank beispielsweise erhöhte ihre Devisenreserven von rund 100 Millionen auf inzwischen drei Billionen Dollar.

Die Sparwut der Asiaten hat zu riesigen Devisenpolstern ihrer Notenbanken geführt. Ein guter Teil dieses Geldes ist wieder in den Westen zurückgeflossen. Die Chinesen beispielsweise begannen, im grossen Stil US-Staatsanleihen aufzukaufen und haben damit für tiefe Zinsen gesorgt. Bereits 2005 sprach der amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke von einer «saving glut», einer Flut von Spargeldern. Das Geld wurde immer billiger – mit ein Grund für die Immobilienblase, die im Sommer 2007 geplatzt ist und sich zu einer Krise der Weltwirtschaft entwickelt hat. Der Sparwut der Asiaten hat dies keinen Abbruch getan. «Der Kollaps hat die Sparflut sogar noch verstärkt und hat zu noch tieferen Zinsen auf sicheren Vermögenswerten geführt, die wir heute beobachten können», stellt Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», fest.

Das Problem sind heute die zögerlich gewährten Bankkredite

Die Sparflut stellt daher die Lehrbuch-Ökonomie auf den Kopf: Angesichts der steigenden Verschuldung müssten die Zinsen steigen und das Phänomen des sogenannten «crowding out» auftreten. Demnach würde der Staat die Zinsen in die Höhe treiben und Kapital für die privaten Unternehmen unerschwinglich machen. Davon ist nichts zu bemerken. Das Problem liegt heute nicht bei einem «crowding out», sondern darin, dass die verunsicherten Banken nach wie vor bloss zögerlich Kredite erteilen. Davon profitieren Staaten wie die USA oder Grossbritannien. Sie können sich zu sehr tiefen Zinsen verschulden, genauso übrigens wie Schweizer Hauseigentümer.

Sollten wir uns daher über die Sparflut freuen? Nein, sie verhindert eine vernünftige Entwicklung der Weltwirtschaft. Eigentlich müsste es umgekehrt sein: Die reichen Staaten des Westens müssten ihre Spargelder in den aufstrebenden Ländern des Ostens investieren. So war es, als die Weltwirtschaft noch lehrbuchmässig funktionierte. Die amerikanische Wirtschaft beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert zu einem guten Teil mit europäischen Spargeldern finanziert. Auch heute wäre es sinnvoll, wenn mit dem Geld der entwickelten Nationen die Wirtschaft der unterentwickelten aufgebaut würde. Auf diese Weise würde mehr und nachhaltigerer Wohlstand geschaffen.

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