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Das Schwundgeld und die Börse

Die Rohstoffpreise sinken, die Aktienbörsen boomen. Grund für diese paradoxe Entwicklung: Die Zentralbanker haben das Schwundgeld von Silvio Gesell entdeckt.

Da läuft was kreuz und quer: Händler an der weltgrössten Warenterminbörse in den USA, Nymex.(Archivbild).
Da läuft was kreuz und quer: Händler an der weltgrössten Warenterminbörse in den USA, Nymex.(Archivbild).
Keystone

Silvio Gesell war ein deutscher Kaufmann, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien ein Vermögen verdiente. Als er danach nach Europa zurückkehrte – eine zeitlang lebte er auf einem Bauernhof im Neuenburger Jura – wurde er dadurch bekannt, dass er die Geldtheorie auf den Kopf stellte: Wer spart, erhält dafür keine Zinsen, sondern muss dafür eine Strafe bezahlen.

Wie beispielsweise Getreide verliert Geld an Wert, wenn man es hortet. Deshalb hiess dieses Geld «Schwundgeld» oder auch «Geld, das rostet». Die Absicht liegt auf der Hand: Wenn das Geld rostet, dann gibt man es möglichst schnell aus. Damit werden Konsum und Investitionen belebt und die Wirtschaft angekurbelt.

Das «Wunder von Wörgl»

Gesells Theorien waren in den 1930er-Jahren weitherum bekannt und wurden auch von anerkannten Ökonomen wie Irving Fisher und John Maynard Keynes gelobt. Im sogenannten «Wunder von Wörgl» - einer österreichischen Stadt gleichen Namens - wurde sie erfolgreich in die Praxis umgesetzt.

Die Schweiz war lange geradezu eine Hochburg der Freigeld-Bewegung. Übrig geblieben ist die WIR-Bank. Heute ist das eine normale Bank für Handwerker. In den 1930er-Jahren war das WIR-Geld jedoch für kurze Zeit ein im Sinne von Gesell «rostendes» Geld.

Konsum soll der Wirtschaft auf die Beine helfen

Heute setzen die wichtigsten Zentralbanken wieder auf Schwundgeld. Sie haben dafür allerdings eine andere Bezeichnung gefunden: finanzielle Repression. Darunter versteht man das Phänomen, dass die Zinsen tiefer sind als die Inflation. Das ist heute in vielen Ländern der Fall, speziell in den USA.

Wie bei Gesell wird damit bestraft, wer sein Geld auf ein Sparkonto legt oder in sichere Staatsanleihen investiert, denn dank der Inflation verliert sein Geld kontinuierlich an Wert. Auch die Absicht ist die gleiche wie bei Gesell: Ben Bernanke will, dass konsumiert und investiert wird, um so der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen.

Der Fed-Präsident hat auch ganz klar erklärt, dass er auf finanzielle Repression setzen werde, bis die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gesunken sei. Wer also sein Geld hortet, weiss, dass er auf Jahre hinaus Verluste erleiden wird.

China und die Realwirtschaft

Die finanzielle Repression wirkt. Die jüngsten Zahlen zeigen, dass sich die amerikanische Wirtschaft deutlich schneller erholt als die europäische. Sie wirkt aber auch an den Finanzmärkten. Weil Obligationen uninteressant geworden sind, flüchten alle in Aktien. Das zeigt paradoxe Folgen: Seit dem März 2009 hat sich der kumulierte Wert des Dow Jones mehr als verdoppelt. Die reale Wirtschaft hingegen ist im gleichen Zeitraum bloss sieben Prozent gewachsen.

In China steht der Index der Börse von Shanghai auf weniger als der Hälfte des Wertes vor Ausbruch der Wirtschaftskrise. Die reale Wirtschaft hingegen hat um über 40 Prozent zugelegt.

Kupferpreis als Zeichen für Schwundgeld

Ähnlich absurd ist die Situation an den Rohstoffbörsen. Der Preis für Kupfer beispielsweise ist um rund fünf Prozent gesunken. Kupfer ist ein sehr guter Indikator für den Gesundheitszustand der realen Wirtschaft. Fällt der Preis, schrumpft die Wirtschaft, weil die Nachfrage fehlt.

Mit anderen Worten: Der Kupferpreis sagt genau das Gegenteil vom Aktienmarkt. Er ist ein deutliches Zeichen, dass der aktuelle Börsenboom bisher vom Schwundgeld lebt und noch nicht in der realen Wirtschaft angekommen ist. Wenn das so bleibt, wird es bald auch für die Aktionäre wieder ungemütlich werden.

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