Das Hackergeld und die Notenbanken

Warum die neue Internetwährung namens Bitcoins keinen grossen Einfluss haben kann.

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Philipp Löpfe

In der nüchternen Betrachtungsweise der Ökonomen erfüllt Geld drei Funktionen: Es ist ein Tauschmittel, ein Instrument zur Wertaufbewahrung und eine Rechnungseinheit. Doch mit nüchterner Vernunft ist es nicht getan. Ein Geldsystem, in das die Menschen kein Vertrauen haben, ist zum Untergang verurteilt. Und gerade mit dem Vertrauen hapert es heutzutage.

Das viele Geld

Schuld daran ist eine globale Geldschwemme. Sie ist entstanden, weil die Notenbanken ihre Bilanzsumme massiv ausgeweitet haben, um auf diese Weise das Finanzsystem vor einem Kollaps zu bewahren. Das bedeutet konkret: Die Notenbanken haben viel mehr Geld in Umlauf gebracht, als die reale Wirtschaft brauchen würde. Gleichzeitig schöpfen auch die Geschäftsbanken im grossen Stil Geld, weil sie nur einen Teil ihrer Kredite mit eigenen Reserven decken müssen.

Diese Geldschwemme macht den Menschen Angst. Um ihr Vermögen vor einer Inflation zu schützen, setzen viele auf Sachwerte – Gold, Silber oder Immobilien. Es gibt jedoch auch einen anderen Ausweg: Man kann sich seine eigene Währung schaffen und sie in einem Kreis zirkulären lassen, wo genügend Vertrauen vorhanden ist. Technisch gesehen geht das ganz leicht: Die Cumuluskarte von Migros oder die Superkarte von Coop sind solche Komplementärwährungen, aber auch die Flugmeilen der Airlines, die Reka-Checks oder das WIR-Geld.

Von 20 Cent auf 8 Dollar

Also liegt es nahe, dass im Zeitalter des Internets im Cyberspace ebenfalls solche Komplementärwährungen entstehen. Eine davon sind die Bitcoins, auch Hackergeld genannt. Was man darunter zu verstehen hat, beschreibt «Spiegel online» wie folgt: «Bitcoins sind geboren aus den idealen der Open-Source-Bewegung, gezeugt mithilfe der uralten Kunst der Kryptografie, der Verschlüsselung. Sie sollen teilbar sein, absolut fälschungssicher, anonym und nicht rückverfolgbar. Vereinfacht gesagt: Die an das Netzwerk angeschlossenen Computer errechnen verschlüsselte Zeichenfolgen, die bestimmten mathematischen Bedingungen genügen. Aus diesen Zeichenfolgen besteht das Geld.»

Die Schöpfer der Bitcoins haben Grosses im Sinn. Sie wollen aus der digitalen Währung eine Alternative zu Dollar, Euro, Yen und Franken schaffen und dabei die Notenbanken ausschalten, aber auch alle anderen Zwischenhändler wie Kreditkartenunternehmen oder Paypal. Die Zahl der Bitcoin- Benützer ist stark im Steigen begriffen, auch der Wert der digitalen Münzen. Vor Jahresfrist lag der fiktive Wechselkurs eines Bitcoins noch bei 20 bis 30 Cent, jetzt hat er sich bei acht Dollar eingependelt.Werden die Bitcoins das traditionelle Währungssystem bedrohen? Können Sie «Regierungen stürzen, Wirtschaftssysteme destabilisieren und unkontrolliert globale Märkte für gestohlene Waren schaffen»?, wie es «Spiegel online» dramatisch formuliert?

Keine Lösung, neues Problem

Finanzwirtschaftlich gesehen sind die Bitcoins alte Bekannte. Der Traum, die Notenbanken auszuschalten, wird von Ökonomen schon lange geträumt. Der bekannteste von ihnen ist Friedrich von Hayek, der Übervater der klassisch-liberalen Schule. Auch er hat sich für eine radikale Privatisierung des Geldes und eine Abschaffung der Notenbanken stark gemacht in der Hoffnung, dass der Wettbewerb von privatem Bankengeld die Menschheit endgültig von Spekulationsblasen und Inflation befreien werde.

Aber selbst Hayek konnte sich in dieser Frage nicht durchsetzen. Heute vertreten auch liberale Ökonomen mehrheitlich die Ansicht, dass Privatgeld ohne Kontrolle der Notenbanken zu einem Diktat von ein paar wenigen globalen Megabanken führen würde. Mit anderen Worten: Man würde das eine Problem durch das andere ersetzen.

Komplementärwährungen haben eine Zukunft, auch die Bitcoins, aber nicht als Alternative zu den traditionellen Währungen, sondern als Ergänzung. In Japan wird eine Komplementärwährung sehr erfolgreich in der Pflege alter Menschen eingesetzt. In Deutschland kurbeln Währungen wie der bayrische Chiemgauer die lokale Wirtschaft an. In der Schweiz ist die WIR-Bank nach wie vor eine Stütze des Gewerbes. Es ist auch denkbar, ja wahrscheinlich, dass in Krisenzeiten solche Komplementärwährungen an Bedeutung gewinnen werden. Dass die Welt mit digitalen Bitcoins erobert wird, dürfte sich nur in der Sciencefiction durchsetzen.

Tages-Anzeiger

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