Bundesrat trifft Jobsucher

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann besuchte am Freitag das RAV Bern. Er sagte offen, dass ältere Arbeitslose zum Teil unter der Personenfreizügigkeit leiden.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Die Affiche tönte interessant: «Bundesrat Schneider-Ammann im Gespräch mit Betroffenen». «Betroffene» sind in diesem Fall ältere Arbeitslose, um die sich der Bundesrat mit seiner Fachkräfteinitiative bemüht. Nun weiss man spätestens seit dem tränenreichen Treffen zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und einem Flüchtlingsmädchen, wie schwierig es sein kann, wenn Machthaber plötzlich dem «betroffenen» Einzelfall gegenübersitzen.

Es hätte interessiert, wie Johann Schneider-Ammann diese Herausforderung meistert. Doch das Treffen im Arbeitsvermittlungszentrum in Bern fand dann ohne die Journalisten statt. Der Bundesrat war beim Beratungsgespräch eines relativ gut qualifizierten, älteren Jobsuchenden aus der Finanzbranche dabei.

Schneider-Ammann und der Berner Regierungsrat Andreas Rickenbacher zeigten sich danach beeindruckt von der professionellen Arbeit der Arbeitsvermittler. Vor den Journalisten umriss der Bundesrat die Situation der Älteren im Arbeitsmarkt so: Sie seien seltener arbeitslos als der Durchschnitt, brauchen aber deutlich mehr Zeit, um eine neue Stelle zu finden (siehe Grafiken in der Bildstrecke).

Freizügigkeit als Konkurrenz

Viel zu diskutieren gab diese Frage: Hat es die Generation 50+ so schwer, eine neue Stelle zu finden, weil viele Arbeitgeber lieber Junge aus dem Ausland einstellen, was dank Personenfreizügigkeit einfach möglich ist? Schneider-Ammann meinte dazu, es gebe sicher Unternehmen, die es sich einfach gemacht und die Angestellten dort gesucht hätten, wo es am bequemsten sei. Sprich: Sie stellten teilweise eher junge Fachkräfte aus dem Ausland an als ältere Schweizer. Für sie sei die Personenfreizügigkeit zu einer Konkurrenz geworden, so der Wirtschaftsminister.

Umstritten ist, was zu tun ist. Die Radikalvariante wäre ein Inländervorrang, wie ihn die Masseneinwanderungsinitiative der SVP verlangt. Allerdings will davon die EU nichts wissen. Der weitere Verlauf der Fachkräfteinitiative ist deshalb auch eng mit den Gesprächen zwischen Bern und Brüssel in Sachen Masseneinwanderung verknüpft.

Zu einer anderen Frage nahm Schneider-Ammann auch als früherer Unternehmer Stellung: Warum sind Arbeitgeber oft so zurückhaltend, wenn es darum geht, ältere Stellensuchende zu engagieren? Ein Hauptgrund ist demnach, dass Chefs befürchten, Ältere liessen sich weniger gut im Betrieb integrieren. Das gilt vor allem, wenn sie vorher lange in derselben Firma waren, dort immer dieselben Aufgaben hatten und sich nie weiterbildeten.

Chefs sind «vorsichtiger»

Laut Schneider-Ammann sind Chefs tatsächlich «vorsichtiger», bevor sie einen älteren Mitarbeiter einstellen. «Wenn es dann aber klappt, dann klappt es gut.» Er brach zudem eine Lanze für ältere Angestellte: Sie hätten viele Vorteile – nicht zuletzt als Gegenstück zu den «jungen Wilden».

Lesen Sie auch unseren Kommentar zum Thema von Fabian Schäfer.

Berner Zeitung

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