Alles auf eine Karte setzen

Mit welchen Strategien die Tourismusbranche auf die Frankenstärke antwortet – und was der Bund seinerseits zur Unterstützung tun will.

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Simon Schmid@schmid_simon

Die Legende besagt, dass der Wintertourismus vor genau 150 Jahren in St. Moritz erfunden wurde. Der Hotelier Johannes Badrutt habe damals die letzten verbliebenen Sommergäste aus England davon überzeugt, auch den Winter an der Höhenluft zu verbringen, heisst es in einem von der dortigen Gemeinde herausgegebenen Jubiläumsband. «Braun gebrannt, erholt und glücklich» seien die Gäste im Mai schliesslich wieder nach Hause gegangen.

2015 lassen sich Wintersportler nach wie vor an der Bergsonne bräunen. Doch der Tourismus ist weder besonders erholt noch speziell glücklich. Im Gegenteil. Die wirtschaftliche Entwicklung läuft zu seinen Ungunsten, vor allem der starke Franken schwächt die Branche. Die vor einem Jahr angenommene Masseneinwanderungsinitiative schmälert den Spielraum der Berggebiete zusätzlich.

Von Ferienbündeln und klarem Fokus

Was tun? Die Strategiesuche hat bereits vor zwei Jahren angefangen, nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative. Jetzt werden die Forderungen dringlich. Eine davon ist: Die verschiedenen Destinationen müssten ihre Profile schärfen. Dies sagt beispielsweise Avenir-Suisse-Ökonom Daniel Müller-Jentsch. «Flims kann sich auf die Jugend, Vals auf die Thermen und das Goms auf den Langlauf fokussieren.» Entsprechende Strategien zur Destinationsentwicklung müssten entwickelt werden, so Müller-Jentsch.

Als vielversprechend gilt auch die Bündelung von Angeboten. Lieber soll der Feriengast eine einzelne Rechnung über 1000 Franken begleichen, statt separat 500 Franken für die Wohnung, 300 Franken fürs Essen und 200 Franken für den Skipass zu bezahlen. «Grössere unternehmerische Einheiten bilden» nennt der Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), Thomas Egger, diesen Prozess. Im Optimalfall würde er auch Synergieeffekte erzeugen und dazu führen, dass sich die Gesamtrechnung für das Ferienbeispiel schliesslich von 1000 auf 900 oder 800 Franken reduziert.

Leere Zweitwohnungen in der Leventina nutzen

Der angestrebte Wandel hat eine politologische Dimension, wie Egger betont. Kooperationen sollen das Konkurrenzdenken ablösen – zwischen den Hoteliers, mit den Gemeinden, Regionen und dem Bund, unter Einbezug der Seilbahnen. Diese müssten «vermehrt in einem regionalwirtschaftlichen und überbetrieblichen Umfeld gesehen und finanziert werden», heisst es dazu im Einladungsschreiben zu einer Tagung im März, wo das Thema diskutiert werden soll. Man müsse an der regionalen «Governance» arbeiten, sagt Egger. Das tönt kompliziert, und ist es wohl auch.

«Es gibt bis jetzt leider noch kaum Beispiele für solche Kooperationen», sagt der SAB-Direktor. Eines der wenigen Musterprojekte läuft derzeit in der Leventina und im Bleniotal. In den Tessiner Bergdörfern stehen zahlreiche Häuser leer. Um im Hinblick auf den neuen Gotthardbasistunnel Touristenunterkünfte bereitzustellen, sollen nun die schlecht genutzten Zweitwohnungen aktiviert werden. Das heisst, die kalten Betten sollen in Zusammenarbeit mit der Hotellerie in warme Betten verwandelt werden.

Unbestritten scheint auch, dass die Qualität besser werden muss. «Wenn ein Angebot in der Schweiz im Vergleich zum Ausland besonders teuer ist, dann muss es auch besonders gut sein», sagt Müller-Jentsch. Dabei dürfte auch die Freundlichkeit ein Thema sein. Die Branche muss wohl oder übel einer Wahrheit ins Auge sehen, die der bekannte CNN-Reporter Richard Quest letzthin auf den Punkt brachte: «Die Schweiz hat ein Serviceproblem», sagte er gegenüber «20 Minuten», als die Zeitung ihn auf seine Erfahrungen am WEF in Davos ansprach.

Alles auf eine Karte setzen

Mit einem globalen Publikum beschäftigt sich auch Reto Gurtner, Präsident der Weissen-Arena-Gruppe. «Weltweit gibt es über 4500 Skigebiete», sagt der ehemalige HSG-Student, der vor über zwanzig Jahren begann, die Destination Flims-Laax zu einem Mekka für Snowboarder und Freestyler zu modeln. «Es reicht nicht, nur gute Pisten und Anlagen hinzustellen. Man muss ein Lebensgefühl verkaufen, man muss in seiner Nische zur Weltspitze gehören.» Die Weisse-Arena-Gruppe versteht sich laut Gurtner als One-Stop-Shop, die ganze Ferienpakete aus einem Guss anbietet.

«Wenn ein Tourist bereit ist, den Aufpreis zu zahlen, holen wir ihn auch mit der Limo am Flughafen ab», sagt Gurtner. Ihm zufolge ist die Frankenaufwertung für Flims-Laax eine Herausforderung, mit der man wegen der speziellen Positionierung des Resorts aber umgehen könne. Für viele kleinere Destinationen werde es aber schwierig. Staatliche Gelder könnten beim Paradigmenwechsel nur begrenzt helfen. «Der Schweizer Alpentourismus steht heute vor derselben Herausforderung wie die Uhrenindustrie in den Siebzigerjahren», sagt Gurtner. «Er muss sich neu erfinden.»

Die Marktkräfte spielen lassen

Was für die Destinationen gilt, scheint für die Hotels erst recht der Fall zu sein: Eine gewisse Konsolidierung ist im Bergtourismus unausweichlich. Die Durchschnittsgrösse der Hotels gilt als zu klein, um auf dem Markt zu bestehen. Zwar zeigt die Statistik, dass sich in den letzten zehn Jahren bereits einiges verändert hat: Seit 2005 ist die Gesamtzahl der Betten in Schweizer Hotels praktisch konstant bei 270'000, gleichzeitig hat sich die Zahl der Betriebe um rund 800 auf derzeit gut 5000 reduziert. Trotzdem wird mit einer Akzentuierung dieses Trends gerechnet.

Und man gewinnt der Konsolidierung positive Seiten ab. «Man kann jetzt nicht die ganze Branche subventionieren, sondern muss die Strukturbereinigung geschehen lassen», sagt Dominik Siegrist, Geograf und Tourismusspezialist von der Hochschule Rapperswil. Er fordert, dass die aktuelle Situation auch genutzt wird, um ökologische Verbesserungen anzustreben. «Die Tourismusbranche bleibt insgesamt hinter den Nachhaltigkeitsstandards zurück, sagt Siegrist.

Kredite für den Strukturwandel

Den Strukturwandel abfedern, den Bergregionen helfen: Dies will auch der Bund. Noch im Februar will er eine Botschaft zur Standortförderung 2016–2019 verabschieden. Einige Eckpunkte daraus verrät das Seco bereits im Voraus. Neu sollen jährlich 30 statt 20 Millionen Franken in die Förderung von Innovation, Zusammenarbeit und Wissensaufbau im Tourismus (Innotour) fliessen. Weitere 200 Millionen Franken sollen zusätzlich für Darlehen «zur Förderung von Neu-, Ersatz- oder Erneuerungsinvestitionen» im Rahmen der neuen Regionalpolitik (NRP) gesprochen werden.

Gleichzeitig soll die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) flexibler Fördergelder sprechen. Dabei handelt es sich um eine hälftig vom Bund finanzierte Genossenschaft, die Ende 2013 Darlehen über 145 Millionen Franken in ihren Büchern hatte. Der Bund kann hier auf dem Verordnungsweg vorgehen. Ziel der NRP sei es insgesamt, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Destinationen im Vergleich zum Ausland zu verbessern, schreibt das Seco.

Schweiz Tourismus will mehr Geld

Im Februar soll der Bundesrat zudem über einen Antrag der Marketingorganisation Schweiz Tourismus entscheiden. Sie verlangt, den Bundesbeitrag in den kommenden vier Jahren von 222 auf 240 Millionen Franken aufzustocken, wie Direktor Jürg Schmid im Januar sagte. Ob die Organisation ihre Forderungen seit der Aufhebung der Eurountergrenze noch einmal erhöht hat, wollte Schmid auf Anfrage nicht sagen.

Laut dem Geografen Dominik Siegrist bleibt der Tourismus insgesamt abhängig von staatlicher Unterstützung. Er zweifelt den Sinn und Zweck mancher Transfers an. «Schneekanonen sollten aus ökologischer Sicht nicht mit öffentlichen Geldern subventioniert werden», mahnt er. Auch Martin Eichler, Chefökonom des Büros BAK Basel, ist skeptisch. «Subventionen sind vor allem als Unterstützung in einer Anpassungsphase nützlich. Wenn der Tourismus dauerhaft darauf angewiesen ist, macht die Unterstützung weniger Sinn», sagt er. «Je mehr die Marktkräfte auch bei den regionalen Transferleistungen spielen können, desto besser.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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