Warum die Energiewende das Erdölbusiness kaltlässt

Energiewende? Klimaschutz? Fehlanzeige! Fossile Ressourcen werden auch in 20 Jahren über 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken. Wir sind gefangen im brummenden Business des Erdöls.

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Unvorstellbare 90 Millionen Fass Erdöl (à 159 Liter) werden weltweit jeden Tag aus der Erde geholt und verbraucht. Das sind etwa 45 gefüllte Supertanker.

Aufeinandergestapelt würde das einen Fässerturm von 72'000 Kilometern ergeben. In Geld ausgedrückt: Zum aktuellen, relativ tiefen Preis von umgerechnet etwa 69 Franken pro Fass beläuft sich der Wert der täglichen globalen Fördermenge auf rund 6,3 Milliarden Franken.

Das ist nur der Anfang.

In seinem «Energy Outlook» prognostiziert der Energiekonzern BP den weltweiten Energieverbrauch bis 2035. Jedes Jahr, so BP, wird die tägliche Produktionsmenge um eine Million Fass zunehmen. 2035 fördern die Produzenten pro Tag laut BP 109 Millionen Fass Erdöl.

Wie die Vorräte wachsen

Das zusätzliche Angebot wird vor allem in den Boomzonen Asiens verbraucht. Das Öl, das der Westen durch Energieeffizienz einspart, verbrennen Tigerstaaten wie China, Indien, Indonesien oder Korea im Osten.

1972 sagte der «Club of Rome» besorgt voraus, die Erdölreserven würden noch für 20 Jahre reichen. Endliche Ressourcen? Hallo! 2014 rechnet BP damit, dass die gesicherten Vorräte – rund 1,7 Billionen Fass – beim heutigen Verbrauch noch gut 53 Jahre lang reichen. Im Minimum. In der Erdkruste lagern gemäss Schätzungen 15 Billionen Fass Erdöl, von denen drei bis fünf Billionen genutzt werden können. Die unaufhaltsame Verlängerung des Erdölzeitalters hat mit dem technologischen Fortschritt zu tun. Heute gelingt es, sogenannt unkonventionelles Erdöl mit grossem Aufwand auch in schwierigen geologischen Lagen auszubeuten. Unter arktischem Eis zum Beispiel. Aus Teersand in Kanada, wo das Öl mit Hitze, Wasser und Lösungsmitteln vom Sand getrennt wird. Oder aus Schiefergesteinen vor allem in den USA, wo mit der umstrittenen Fracking-Methode Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst werden, um Öl herauszulösen. Die Folge: Obschon die Förderung von konventionellem Erdöl stagniert, hat das fossile Zeitalter seinen Zenit nicht überschritten. Im Gegenteil.

Auch 2035 werden laut BP die drei fossilen Energieträger Erdöl, Erdgas und Kohle ungefähr 80 Prozent des rasant wachsenden weltweiten Energiebedarfs decken. Den Rest teilen sich die Nuklearenergie sowie die erneuerbaren Energieformen, die politisch und medial im Fokus stehen, aber kaum über einen Anteil von 10 Prozent hinauskommen dürften.

Im peruanischen Lima tagen derzeit die Klimaminister aller Länder, um ein Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase aufzugleisen. Sie möchten verhindern, dass die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad ansteigt. Die Realität der fossilen Energiemärkte lässt die Klimapolitiker aber schon jetzt ins Leere laufen: Laut BP wird der weltweite Ausstoss von Treibhausgasen in den nächsten 20 Jahren um 29 Prozent zunehmen. Die Internationalen Energieagentur, eine Denkfabrik der westlichen Industrieländer, kommt zum Schluss, dass die Durchschnittstemperatur deshalb bis 2040 um 3,6 Grad steigt. So oder so.

Eine Milliarde pro Monat

Auch die eidgenössischen Räte lassen die Hauptsache ausser Acht: Die Debatte um die Energiewende dreht sich um den relativ geringen Marktanteil erneuerbarer Energien. Doch: Auch in der Schweiz deckt Erdöl über 50 Prozent des Energiebedarfs, hauptsächlich durch Treibstoffe für den Motorfahrzeugverkehr. 40 Millionen Liter (oder 250'000 Fass) Öl verbraucht die Schweiz pro Tag, rund eine Supertankerladung pro Woche. Pro Monat zahlen wir für unseren Erdölverbrauch eine Milliarde Franken. Aktuell erlebt die Karriere des Erdöls einen Sonderhype, weil der Weltmarktpreis historisch gesehen zwar hoch, aber trotzdem tief ist wie lange nicht mehr.

Umgerechnet etwa 69 Franken kostet derzeit ein Fass, das vor 6 Jahren noch rund doppelt so teuer war. Für ein Ölimportland wie die Schweiz sei diese Entwicklung «grundsätzlich erfreulich», sagt Rolf Hartl, Präsident der Erdölvereinigung.

«Komfortable Situation»

Die Wirtschaft profitiere von tieferen Energiekosten. Und von den Konsumenten, namentlich Hausbesitzern mit Ölheizungen, die nun mehr Geld zur Verfügung hätten. Aber die Schweiz müsse auch damit rechnen, dass aus den Ölstaaten etwas weniger Petrodollars in die Finanz- und Luxusgüterindustrie flössen.

Ein wichtiger Grund für das derzeitige globale Überangebot an Öl, das zu Preissenkungen führt, sei die wegen abgeschwächten Wirtschaftswachstums rückläufige Nachfragezunahme aus China – sowie das ob der Fracking-Offensive vergrösserte Ölangebot aus den USA.

Preisprognosen seien extrem schwierig, sagt Rolf Hartl. Trotzdem rechnen Experten damit, dass die Erdölpreise frühestens in einigen Jahren wieder substanziell steigen. Die Versorgungslage sei deshalb für die Schweiz «ausgesprochen komfortabel», weil sich Erdöl exportierende Länder auch um kleinere Abnehmer bemühen müssten. Die Schweiz bezieht ihr Erdöl hauptsächlich aus Kasachstan, Nigeria, Libyen, Algerien und Aserbeidschan, die alle von muslimischen Regimes geführt werden.

Kriegstreiber Erdöl

Die gefallenen Preise schärfen den Blick für die überragende Rolle des Erdöls als globalen Macht- und Konfliktfaktors. Salopp gesagt: Der für eine blühende Weltwirtschaft zentrale Boom in Südostasien und Südamerika ist stark von den grossen Ölförderländern in den Krisenregionen im Nahen Osten, im Kaukasus und in Afrika abhängig.

Unbestritten ist, dass sich die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ihren Krieg nur leisten kann, weil sie in Syrien und dem Irak lukrative Ölfelder erobert hat. Über Schmuggelkanäle, die schon zu Saddam Husseins Zeiten existiert haben sollen, gelangt das IS-Öl auf den legalen Weltmarkt.

Seine Muskeln spielen liess kürzlich Saudiarabien, das sich in der Organisation Erdöl exportierender Länder durchsetzte und eine Förderbeschränkung verhinderte, die den Ölpreiszerfall gestoppt hätte. «Ich glaube, die Saudis wollen den USA schaden», sagt der Historiker Daniele Ganser, weil ein tiefer Ölpreis das von den USA vorangetriebene teure Fracking von Schiefergesteinen unrentabel macht.

Ganser ist Leiter des Basler Thinktanks Swiss Institute for Peace and Energy Research (Siper), und er befasst sich auch mit dem Konfliktpotenzial von Erdöl. Die absolutistische Monarchie Saudiarabiens sei eine Dunkelkammer, sagt Ganser, niemand wisse, wie gross die Vorräte in den saudischen Ölfeldern seien und was die langfristige Strategie der sunnitischen Elite sei.

Wankendes Russland

Hingegen ist Ganser überzeugt, dass das westliche Militärbündnis Nato einen Stellungskrieg um den Zugang zu fossilen Ressourcen führe. Die Nato hat sich in den letzten 20 Jahren nach Osten ausgedehnt bis fast an die Grenzen zu Russland, das neben Saudiarabien zum zweitgrössten Erdölproduzenten der Welt geworden ist. Und diese Macht ausspielt. 2013 hat Russland ein langfristiges Öllieferabkommen mit China geschlossen.

Vom Westen aber steht Russland unter Druck. Putins Verhalten, glaubt Ganser, habe auch mit dieser latenten Umzingelung durch die Nato zu tun. Ein Stressfaktor ist, dass der tiefe Ölpreis Putins Regime derzeit empfindlich schwächt, denn der russische Staatshaushalt ist zu 80 Prozent von den Öleinnahmen abhängig. Deshalb will Putin laut Ganser erst recht um jeden Preis verhindern, dass die Ukraine in die Nato geht – nötigenfalls, indem er auch Öl- und Gas-Pipelines einsetzt fast wie eine Waffe.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.12.2014, 12:34 Uhr

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