Viele leere Wohnungen: Mit diesen Angeboten locken die Vermieter

Dreimal Gratis-Miete, Möbel inklusive oder ein geschenktes E-Bike? Warum der Mieterverband vor solchen Offerten warnt.

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Wer derzeit die Immobilienplattformen durchforstet, wähnt sich im Paradies. Mieter, die einen Wohnungsvertrag abschliessen, werden teilweise reich beschenkt: «Spezial-Vermietungsaktion im Mülipark Wetzikon», schreibt die Privera AG auf Immoscout. Das Objekt: eine 2,5-Zimmer-Wohnung für 1618 Franken – brutto.

Die Aktion verläuft nach dem Prinzip «first come, first served». Die ersten sechs Mieter erhalten die ersten drei Nettomieten geschenkt. Für die nächsten sechs Mieter sind es noch zwei Gratis-Mieten – und so weiter. Wem dies nicht reizvoll genug ist, darf sich über den Migros-Gutschein im Wert von 1000 Franken freuen, der zusätzlich versprochen wird.

Früher ausgefallen, heute Normalität

«Solche Aktionen und Gutscheine sind für uns sehr erfolgversprechend», sagt Katharina Bornhauser von Privera. Die Immobilienfirma folgt damit einem Trend namens «Incentives» – einer Anreizoption für Kunden. Die Livit AG aus Zürich trat diesbezüglich als Schweizer Pionier auf: 2013 köderte sie potenzielle Mieter mit Bargeld, Gutscheinen und Gratis-Monatsmieten. Die Branche staunte damals: «Es handelt sich um eine sehr spezielle Massnahme, die bei uns nicht bekannt war», sagte HEV-Direktor Ansgar Gmür.

Heute sind Incentives nichts Aussergewöhnliches mehr. Gestern gab das Bundesamt für Statistik bekannt, dass zurzeit knapp 65'000 Wohnungen in der Schweiz leer stehen – so viele wie noch nie. Die hohe Leerwohnungsziffer erhöht den Druck auf die Immobilienfirmen. «Lockvogelangebote» würden in erster Linie bei Neubauten eingesetzt, sagt Walter Angst vom Mieterinnen- und Mieterverband. «Für Wohnungen im Hochpreissegment an suboptimaler Lage. Für Immobilien, die schlecht zu vermieten sind.»

Lockvogel neben Koch-Areal

Dabei zeigen sich die Vermieter erfinderisch. In Thun wird eine 4,5-Zimmer-Wohnung für 2050 Franken angeboten. Im Angebot enthalten: ein TV-Gerät (Samsung 55 Zoll) sowie ein Netflix-Abo für ein Jahr. In Wald ZH beteiligt sich der Vermieter mit 1500 Franken am Umzug: «Sie lieben das Luxuriöse? Umzugspauschale geschenkt!» Eine 3,5-Zimmer-Wohnung in Zürich wird für 2790 Franken angeboten – «bis September gratis wohnen», steht im Inserat. Sowie: «Big City Life!» Ob es sich dabei um eine Anspielung auf das benachbarte Koch-Areal, wo Besetzer regelmässig für Leben sorgen, handelt, ist unklar.

In Neuenegg BE wird eine Attikawohnung für 1610 Franken geboten. Drei Monatsmieten sowie ein 1000-Franken-Gutschein für das nahe gelegene Westside erhält der Mieter gleich mit. Knausriger zeigt sich der Vermieter der Überbauung «Alte Glocke am Mühlbach» in Grabs SG. Mieter, die zuschlagen, sollen eine Gratis-Glocke erhalten. Dieses Geschenk ist vermutlich eher symbolischer Natur.

Über den Verhältnissen leben

Walter Angst vom Mieterverband warnt vor den «Lockvogelangeboten». Auf den ersten Blick erschienen sie reizvoll. Bei drei erlassenen Wohnungsmieten könne die Ersparnis gut und gerne 10'000 Franken betragen. «Das ist vermutlich höher als das Mietzinsdepot.» Viele Leute würden dem Reiz der Angebote erliegen, was sich später räche: Oft werde eine Mindestmietdauer festgelegt. «Der Mieter wird an langfristige Verträge gekettet.»

Durch die Geschenke würden sich gewisse Leute auf Verträge einlassen, die ihre finanziellen Möglichkeiten auf längere Zeit überschreiten. Ihre Hoffnung liege dann auf der Zukunft. «Sie spekulieren auf eine Lohnerhöhung, die nicht eintrifft, oder eine Senkung des Referenzzinssatzes.» Gerade Letzteres sei gefährlich. Der Zinssatz befinde sich derzeit auf einem derart tiefen Niveau, dass eher das Gegenteil eintreffe. «Dann kostet eine Wohnung plötzlich 3000 statt 2800 Franken.»

Mietzinssenkung statt Goodies

Der Mieterverband fordert, dass die Immobilienfirmen für derartige Angebote den Mietzins senken. «Stattdessen wird die überhöhte Miete krampfhaft oben belassen – obwohl keine Nachfrage besteht», sagt Angst. Die mangelnde Attraktivität würde mit Goodies wie Möbelgutscheinen oder Umzugspauschalen kompensiert. Tiefere Mietzinse würden zu einer tieferen Bewertung der Immobilienfirmen führen. «Das senkt die Attraktivität für Investoren», sagt Angst. «Davor fürchten sich die Immobilienfirmen.»

Incentives gibt es nicht nur bei Mietangeboten. Auch der Wohnungsverkauf soll damit angekurbelt werden. Das zeigt die neue Überbauung «Jules & Jim – Stadtgeflüster im Grünen» in Zürich-Albisrieden. Die 30 Wohnungen kosten zwischen 770'000 und 1'700'000 Franken. Wer sich für ein Leben in den Gebäuden Jules oder Jim entscheidet, bekommt ein Gratis-E-Bike dazu.

Das Angebot ist ein Erfolg. Von den Wohnungen, die bis Ende Jahr bezogen werden können, wurden bis jetzt alle ausser einer verkauft. Auf Anfrage heisst es bei der zuständigen Verwaltung, dass das Gratis-Velo kein Köder sei. Vielmehr eine Notmassnahme: Für die gesamte Überbauung stehen gerade einmal 27 Parkplätze zur Verfügung. «Da mussten wir unseren Käufern eine Alternative bieten.»

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2017, 07:20 Uhr

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