Viele Staaten sind Mehrfach-Bankrotteure

Staatsbankrotte sind keineswegs eine Seltenheit. Im Gegenteil: Zahlreiche Länder sind in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals zahlungsunfähig geworden. Und sehr oft haben die Staaten viel Fantasie an den Tag gelegt, um die Schulden loszuwerden.

Lautstarker Protest in Buenos Aires: Argentinier demonstrieren im Jahr 2002 gegen die Folgen der Zahlungsunfähigkeit des Landes.

Lautstarker Protest in Buenos Aires: Argentinier demonstrieren im Jahr 2002 gegen die Folgen der Zahlungsunfähigkeit des Landes.

(Bild: Keystone)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Spanien ist Weltmeister. Im Fussball. Aber auch in Sachen Staatsbankrotte. Seit dem Jahr 1500 ist das Land 19-mal zahlungsunfähig geworden. Dies zeigt eine umfassende Studie, welche die beiden US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff veröffentlicht haben. Und zwar im April 2008, als die Finanzkrise etwa ein Jahr alt war. Sie haben viel historisches Material aus der Zeit nach dem Jahr 1500 ausgewertet und zeigen auf, wie oft einzelne Länder schon zahlungsunfähig geworden sind.

So beschreiben die Autoren, wie es bereits im 16.JahrhundertLänder gab, die eine Serie von Staatsbankrotten hinlegten: Frankreich war in der Zeitspanne von 1558 bis 1788 nicht weniger als 8-mal pleite. Und Spanien musste seinen Gläubigern in einer Zeitspanne von 90 Jahren nicht weniger als 6-mal mitteilen, dass es nicht mehr zahlen kann.

Bankrott in Serie

Besseres Datenmaterial liegt für die Zeit nach dem Jahr 1800 vor. Die Studienautoren haben für insgesamt 41 Länder aus drei Kontinenten erhoben, wie oft sie seit diesem Jahr oder seit der Erlangung der Unabhängigkeit zahlungsunfähig geworden sind.

Mit seinen 13 Staatsbankrotten liegt Spanien in dieser Zeitspanne an der Spitze. Immer wieder an den finanziellen Abgrund haben den spanischen Staat die Kriege gebracht, welche die Kolonialmacht in ihren Herrschaftsgebieten geführt hat. Ebenfalls viel Erfahrung mit Bankrotten haben Länder wie Deutschland und Österreich, beziehungsweise deren Vorgängerstaaten, gesammelt: Sie wurden 8- respektive 7-mal insolvent.

Sozusagen zum Staatsverständnis gehören Bankrotte in Südamerika: Jedes Land ist seit dem Jahr 1800 mindestens 3-mal zahlungsunfähig geworden. Spitzenreiter ist Venezuela mit 10 Staatsbankrotten.

Die grosse Illusion

Angesichts solcher Serien von Bankrotten stellt sich die Frage, wie die für ihre lasche Finanzpolitik bekannten Länder immer wieder Investoren finden, die ihnen ihr Geld anvertrauen. Rogoff hat dafür folgende Erklärung:?Nach einem Staatsbankrott vergingen immer einige Jahre oder gar Jahrzehnte, bis ein Land wieder Investoren fand, die Staatsanleihen kauften. «Doch», so schreibt Rogoff, «früher oder später kommt die Illusion auf: Diesmal ist alles anders.» Die Investoren beginnen wieder, Staatsanleihen zu kaufen, die plötzlich wieder als sicher gelten – fälschlicherweise, wie sich einige Jahre später jeweils zeigt.

Die Musterknaben

Es gibt aber auch Länder, die in den letzten 210 Jahren nie zahlungsunfähig geworden sind:?Zu diesem exklusiven Kreis gehören die Vereinigten Staaten, Grossbritannien, die skandinavischen Länder Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark sowie Belgien. Auch die Schweiz war in ihrer Geschichte nie zahlungsunfähig. Die Autoren haben aber deren Daten in ihrer Studie nicht berücksichtigt. Wenn man bedenkt, wie klein die Gruppe mit einer makellosen Bilanz ist, versteht man auch besser, warum es die US-Politiker schmerzt, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s an der Kreditwürdigkeit des Landes zweifelt.

Die Sanierung

Die Staatsführer waren in der Vergangenheit sehr einfallsreich, wenn es darum ging, die angehäuften Schulden wieder loszuwerden. So sollen laut Rogoff französische Monarchen die Staatsschuld reduziert haben, indem sie Gläubiger, die grosse Guthaben hatten, töten liessen. Oder der englische König Henry VIII. hat im 15. Jahrhundert alle Ländereien der katholischen Kirche konfisziert.

Seit der Französischen Revolution gehen die Länder beim Abwerfen ihrer Schuldenlast etwas subtiler vor. Das beliebteste Mittel zur Reduktion der Staatsschulden ist das Drucken von Geld durch die Notenbank. So schafft die Notenbank Inflation, und die Staatsschuld nimmt real gesehen ab, weil das Geld immer weniger Wert hat. Verlierer bei diesem bösen Spiel sind die Gläubiger, welche dem Staat ihr Geld anvertraut haben. Ihr Guthaben hat real betrachtet immer weniger Wert. Sie verlieren – wie alle anderen Sparer auch – Geld. Schleichend, aber konstant.

Rogoff hat in seiner Studie untersucht, ob auf Phasen mit vielen zahlungsunfähigen Ländern (siehe blaue Linie in der Grafik), solche mit hohen Inflationsraten in den einzelnen Ländern folgen. Der Zusammenhang ist frappant, wie die rote Linie in der Grafik zeigt. Der Anteil der Länder mit einer Inflationsrate von über 20 Prozent schwillt in Phasen mit vielen Staatsbankrotten markant an. Und dies mit nur einer geringen Verzögerung. Es gibt nun Ökonomen, die prognostizieren, dass den USA und Europa ein solches Szenario bevorsteht: Also eine Phase mit einer hohen Inflationsrate.

Ein festgeschriebenes Tabu

Unter Ökonomen – und in guten Zeiten auch unter Politikern – ist man sich einig, dass die Reduktion der Staatsschulden durch die Notenpresse ein Instrument ist, das in modernen Staaten tabu sein sollte. Weil das Instrument eine gigantische Umverteilung von den Sparern zu den Schuldnern zur Folge hat und das Vertrauen der Wirtschaftsakteure in die Berechenbarkeit des Staates untergräbt. Moderne Verfassungen betonen deshalb die Unabhängigkeit. Doch in Krisensituationen sieht meistens alles anders aus.

Der Schuldenschnitt

Ein anderer Weg um die Schulden zu reduzieren, ist der so genannte Kapitalschnitt. Dies bedeutet, dass sich die Regierung des verschuldeten Landes mit den Gläubigern an einen Tisch setzt und mit allen vereinbart, dass sie nur einen Teil ihrer Guthaben zurückerhalten werden. Wie hoch dieser Anteil zu sein hat, darüber gehen die Meinungen in solchen Diskussion naturgemäss weit auseinander. Deshalb braucht es oft eine weitere Partei, die Druck auf die Gläubiger ausübt. So waren es im Rahmen des Brady-Plans die USA, welche die Banken dazu zwangen, auf einen Teil ihrer Guthaben zu verzichten.

Haben sich die Länder zudem in ihrer eigenen Währung verschuldet, dann haben sie ein weiteres Druckmittel in der Hand: Sie können den Gläubigern damit drohen, Geld zu drucken, sofern diese nicht auf einen Teil ihres Guthabens verzichten. Ein Vorgehen, das derzeit beispielsweise Griechenland verwehrt bleibt, weil es eben dem Euro angehört und die eigene Währung nicht abwerten kann.

So oder so: Der Abbau des Schuldenbergs nimmt Jahre in Anspruch. Doch irgendwann kann das Spiel wieder von neuem beginnen. Und zwar im Moment, wenn die Investoren wieder Vertrauen fassen und Obligationen des ehemals zahlungsunfähigen Staates kaufen. Und zwar mit der festen Überzeugung, dass dieses Mal alles anders ist.

Berner Zeitung

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